Sebastião Salgado - Gold

Sebastião Salgado - Gold

Sebastião Salgado - Gold

Von Claudia Dichter

Hochästhetische Fotos von Elend und Gier: Mit seinen Aufnahmen aus der brasilianischen Goldgrube San Pelada hat Sebastião Salgado die monströse Plünderung unseres Planeten emblematisch festgehalten.

Sebastião Salgado
Gold

Taschen Verlag, Köln 2019
208 Seiten
50 Euro

Die größte Freiluftgoldmine der Welt

Eine Fotografie wie ein Gemälde des mittelalterlichen Höllenmalers Hieronymus Bosch: -zig tausende Menschen, kaum bekleidet, mit Spitzhacken und Schaufeln in der Hand oder großen Säcken auf dem Rücken, drängen sich wie Ameisen in einer gigantischen Grube, die rund 200 Meter tief in die Erde reicht. Über schmale Holzleitern klettern sie hinauf und hinunter, ein unermüdliches Tun, eine einstudierte Choreografie, die eigenen Gesetzen folgt. 1986 hat Sebastião Salgado dieses Foto gemacht. Jahrelang hatte er sich um Erlaubnis bemüht, in der Goldmine in Serra Pelada, der größten Freiluftgoldmine der Welt, am Rande des Amazonas Regenwaldes, zu fotografieren. Aber solange das Militär in Brasilien das Sagen hatte, war das dem Regimekritiker verboten. Erst nach Ende der Diktatur 1985 hieß es im September des Folgejahres: er kann kommen und darf Fotos machen.

"Als ich an der Mine ankam und in dieses Loch blickte, sah ich dann eine Masse von Menschen, die alle ohne irgendwelche Hilfsmittel mit der bloßen Hand gruben. Ich dachte, das kann nicht wahr sein – ich hatte die Minen König Salomos vor Augen. Das Geräusch der auf den Boden hämmernden Spitzhacken klang wie das Geräusch in den Seelen dieser Schürfer. Sie waren zu Sklaven des Goldes geworden."

In der Grube

Garimpeiros, Schlammschweine, wurden die Männer genannt, die hier ihr Glück suchten und egal, ob jung oder alt, schwarz oder weiß, Arbeiter oder Student, in der Erde gruben, in der Hoffnung ein Stückchen Gold zu finden. Die Grube war in Parzellen aufgeteilt, jede 2 x 3 Meter groß, und terrassenförmig in den Hang getrieben. Offiziell gehörte die Mine einer Bergbaugesellschaft. Jede Parzelle wiederum gehörte einem sogenannten Capitalista, der Schürfrechte erworben hatte. Die Knochenarbeit machten die Tagelöhner. Ihnen galt Salgados ganze Aufmerksamkeit.

"Schlammverklebt, die Haut nassglänzend, steigt ein durchtrainierter Mann in knappen Shorts und nacktem Oberkörper eine Holzleiter hoch. Auf den Schultern, ein schwerer Sack voll Erde. Hinter ihm tut sich ein Abgrund auf, die Grube, aus der er emporgestiegen ist, ist hunderte Meter tief."

Der brasilianische Fotograf Sebastião Salgado

Sebastião Salgado

Es war für Sebastião Salgado zunächst nicht einfach diese Fotos zu machen. Denn die Arbeiter hielten ihn, den Mann mit langen blonden Haaren und Schnurrbart, für einen Spion der Bergbaufirma.

"Nachdem ich also am Rand des Lochs angekommen war, hörten plötzlich alle mit der Arbeit auf und begannen, einen gewaltigen Lärm zu machen, indem sie auf ihre Äxte und Spaten klopften. Ich fing dann zu fotografieren an und stieg in die Mine hinunter, aber jeder, an dem ich vorbeikam, hieb mit einer Tüte voller Schlamm auf mich ein. Bereits nach 20 Metern war ich vollkommen mit Schlamm bedeckt, ebenso meine Kameras."

Das Eis war gebrochen

Der Zufall kam ihm zur Hilfe. Einer der Polizisten, der in der Goldmine für Ordnung sorgen sollte, glaubte nicht, dass Salgado ein Einheimischer war und führte ihn in Handschellen ab. Den Arbeitern war klar, so behandelt man keinen Spion des Bergbauunternehmens. Das Eis war gebrochen.

"Als ich zurück zum Rand der Grube ging, war ich verblüfft, aus der Tiefe Beifall zu hören. Ich wurde akzeptiert. Dieser Zusammenstoß mit der verhassten Polizei sollte mir in den folgenden Wochen noch sehr zugutekommen."

Ein fotografisches Denkmal

Einen Monat lang hat Sebastião Salgado in Serra Pelada verbracht und den Arbeitern, die unter menschenunwürdigen Bedingungen von morgens um 7 bis abends um 6 geschuftet haben und ihr Leben in dem ungesicherten Gelände riskierten, ein fotografisches Denkmal gesetzt. Sie im Kollektiv, aber auch als Individuen fotografiert. Mal nur die nackten Männerbeine, die hintereinander gestaffelt den Berg erklimmen. Mal den Konflikt zwischen Arbeitern und einem bewaffneten Polizisten, oder in Großaufnahme das Gesicht eines jungen Mannes.

"Aus großen Augen blickt der Mann direkt in die Kamera. Den groben Leinensack, den er über Kopf und Schultern gehievt hat, hält er mit beiden Händen fest. Die Finger sind angespannt. Alles ist Ton in Ton: das schmutzige Gesicht des Mannes, seine erdverschmierte Kleidung, die verklebten Haare."

Dem Goldrausch ein Gesicht geben

Sebastião Salgado, Gold

Salgado hat die Aufnahmen zum Teil aus extremen Perspektiven gemacht. Schräg von unten aus der Grube in die Masse der Leiber hochfotografiert oder die Kamera steil nach unten gerichtet. Das schwarz-weiß der Bilder, die Komposition, lässt die Szenen theatralisch erscheinen. Trotz des Elends und der Ausbeutung von Mensch und Natur, die er dokumentieren und anklagen will, hat Salgado hier hochästhetische Fotos geschaffen, deren Schönheit in merkwürdigen Widerspruch zum Sujet steht. Das ist typisch für seine Bilder und sorgt auch für Irritationen. Aber er hat es geschafft mit dieser Serie dem Goldrausch ein Gesicht zu geben. Der neue Bildband mit großformatigen s/w Fotos wird durch ein Vorwort von Salgado selbst und einem Nachwort seines Freundes und ehemaligen New York Times Korrespondenten Alan Riding ergänzt. Eine gute Entscheidung, denn das rundet die komplexe Geschichte von Serra Pelada ab. Die Mine ist Geschichte, sie wurde wegen der inhumanen Arbeitsbedingungen geschlossen, nachdem sie 30 Tonnen Gold im Wert von ca. 400 Millionen Dollar abgeworfen hat.

"Serra Pelada ist heute wieder eine arme Region. Geblieben ist eine Landschaft voller Narben und ein riesiger, 200 Meter tiefer See. Ein Jahrzehnt lang sah es dort wie das erträumte El Dorado aus, aber heute ist Brasiliens wildester Goldrausch nur noch Stoff für Legenden. Am Leben erhalten werden diese durch ein paar glückliche und viele schmerzliche Erinnerungen – und durch Fotografien."

Sebastião Salgado: "Gold"

WDR 3 Buchrezension 18.10.2019 05:47 Min. Verfügbar bis 17.10.2020 WDR 3

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Stand: 16.10.2019, 15:28