Ruth Schweikert - Tage wie Hunde

Ruth Schweikert - Tage wie Hunde

Ruth Schweikert - Tage wie Hunde

Von Anja Hirsch

Momente des Glücks wechseln mit den Schrecken der Krankheit – Ruth Schweikert schreibt ein berührendes Buch über ihre Krebserkrankung.

Ruth Schweikert
Tage wie Hunde

S. Fischer, Frankfurt a.M. 2019
208 Seiten
20 Euro

Mittwoch, 3. Februar 2016

Ruth Schweikert - "Tage wie Hunde"

WDR 3 Mosaik 12.03.2019 05:22 Min. WDR 3

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2016 erzählte die Schriftstellerin Ruth Schweikert in Bergen-Enkheim, wo sie das Amt der Stadtschreiberin antrat, dass sie genau genommen 1964 zur Welt kam, die Eltern aber aus Gründen der Scham - in den Sechzigern waren uneheliche Kinder stigmatisiert - 1965 als Geburtsjahr angegeben hätten. Seitdem geistern beide Geburtsdaten durchs Internet, das die Wahrheit nicht kennt. Eine Anekdote, die nicht nur deutlich macht, dass im "Zwiespalt" und im "Zweifel" wunderbares Erzählpotential liegt; sondern mit einem Streich auf kurzer Strecke verschiedene Schreibgelände und Menschen erkundet und vorstellt. Auch das neue Buch ist in diesem Zwiespalt verortet. In eben jenem schicksalsträchtigen Jahr 2016, das alles erschüttert.

"Es ist Mittwoch, 3. Februar 2016, Viertel nach acht; ich bin die erste Patientin des Tages; frühmorgens bin ich im Taxi vom Stadtschreiberhäuschen in Bergen-Enkheim zum Frankfurter Flughafen gefahren, obwohl ich eigentlich nicht mehr fliege; einem vielfachen Impuls folgend, habe ich den Mammographietermin im Brustzentrum Zürich um sechs Tage vorverschoben, meiner Angst nachgebend, meiner zunehmenden Unfähigkeit, mich auf irgendetwas anderes zu konzentrieren als auf diese eine Frage nach meiner aktuellen Staatsbürgerschaft, wie Susan Sontag sie formuliert hat: Jeder, der geboren wird, besitzt zwei Staatsbürgerschaften, eine im Reich der Gesunden und eine im Reich der Kranken."

Die Diagnose

Ruth Schweikert

Ruth Schweikert

Die Autorin Ruth Schweikert war gerade 50, als ihr mitgeteilt wurde, dass sie an Brustkrebs erkrankt sei. Die Diagnose zur Seite zu schieben war keine Lösung. Sie mit Argumenten zu sprengen auch nicht. Das "diffuse Konglomerat aus Ängsten und Scham" musste vielmehr eine Zeitlang "bewohnt" werden, bis es in sich zusammenfiel. Erst dann konnte Literatur daraus werden. So wird es einmal erklärt in "Tage wie Hunde", dem Buch, in dem die Erkrankung nun im Mittelpunkt steht.

"Lebenssatte Farben, soweit das Auge reicht; später am Ortseingang zum Barockdorf ein Schild, Willkommen im Gasthaus Krebs; und einen Moment lang wünsche ich mir Und dann wünsche ich mir, ich könnte mir diese Bereitschaft aneignen, die großzügige Bescheidenheit, diese Gastfreundschaft gegenüber dem Tod."

Sich selbst auf die Schliche zu kommen

Schon frühere Texte von Ruth Schweikert verarbeiten und verwandeln Autobiographisches in vielschichtige Literatur. Ruth Schweikert mischt medizinische Informationen mit Querverweisen zu themenverwandter Literatur. Sie ergibt sich in den neuen Zustand und teilt mit, wie das ist. Zugleich stellt sie Distanz her, um sich selbst auf die Schliche zu kommen. Dieser Drahtseilakt beim Schreiben ist akrobatisch, weil auch ästhetisch betrachtet überall Abstürze drohen. Betroffenheitsprosa. Oder das Gegenteil davon: Zu sachlich alles. Nichts davon aber ist der Fall. Divergente Teile fließen sanft ineinander zu einem Ganzen. Briefnotizen hilfloser Freunde; Beschreibungen des Alltags einer Schriftstellerin, die Schüler im Schreiben unterrichtet; Erinnerungen an ihren Vater und sein Sterben. "Tage wie Hunde" ist ein Buch, das auch beim Lesen immer wieder ein Innehalten einfordert. Momente des Glücks wechseln mit dem kurzen Schrecken, der bei manchen medizinischen Begriffen auftaucht - wie das Adjektiv "dosisadäquat" für die Beschreibung von strahlenversehrter Haut.

"Sie dürfen keine Angst haben, sagt Dr. H. und lacht; wir lachen beide; verbotene Angst erzeugt Angst im Quadrat, sage ich."

Ein philosophischer und radikal emotionaler Rahmen

Ruth Schweikert überblendet und collagiert und entwickelt eine Dramaturgie, die ihre Energie gerade aus dem Mosaikhaften dieser Prosa zieht. Trotzdem geht man nicht verloren, weil sie den Rahmen nicht nur philosophisch, sondern auch radikal emotional absteckt. Mit der Krankheit bricht eine neue Zeitrechnung an. Zwangsläufig hat das eben auch eine "neue Vermessung des Alltags" zur Folge. - Enden wird das schmale Buch mit der Fahrt in den Operationssaal. Fast ein Gedicht, das so beginnt:

"Am Vorabend liegt das
Brautkleid bereit (so mutet es an)
Kompressionsstrümpfe
Netzhöschen
Im Schließfach wartet
der Ehering auf die Rückkehr
der frisch Operierten, dem Leben neu vermählt [...]"

Ein intimes Zwiegespräch

Ruth Schweikert erwähnt viele andere; etwa die Schriftstellerin Ilse Aichinger, den Songwriter Leonhard Cohen oder den 1979 verstorbenen Schweizer Schriftsteller Walter Matthias Diggelmann, der ein "Tagebuch einer Krankheit" hinterließ. So entsteht ein intimes Zwiegespräch, das wie Gemurmel durch Ruth Schweikerts Text geistert und die persönliche Erfahrung ins Allgemeine hebt.

"Manchmal glaube ich inzwischen fast, wir haben doch eine Aufgabe, schreibt meine Kollegin und Freundin Katharina Hacker, es ist so viel Leid, und doch gibt es die Helligkeit, die Wachheit, diese schier unfassliche Liebe, und vermutlich muss wieder und wieder eine versuchen, das unter einen Hut zu bringen, gegen die Angst und Verzagtheit und vor allem müde Stumpfheit, und darum braucht es das eine oder andere nächste Büchelchen von dir."

Ja, das braucht es. Weil es eben jedesmal eine neue Perspektive und eine neue Geschichte ist. Ruth Schweikert geht einen ganz eigenen Weg. Ihr Bericht ist, wie jede Literatur, auf den Hallraum des Lesers angewiesen. Doch sie macht es einem leicht, in Resonanz zu gehen, und führt uns in eine berührende Leseerfahrung

Stand: 11.03.2019, 13:15