Helga Schubert - Vom Aufstehen

Buchcover: Helga Schubert - Vom Aufstehen

Helga Schubert - Vom Aufstehen

Von Andrea Gerk

Poetische Momentaufnahmen – humorvoll und präzise erzählt Bachmann-Preisträgerin Helga Schubert ihr Leben in verdichteten Geschichten.

Helga Schubert: Vom Aufstehen
dtv Verlag, München 2021.
224 Seiten, 22 Euro.

Helga Schubert: "Vom Aufstehen"

WDR 3 Buchkritik 18.03.2021 04:23 Min. Verfügbar bis 18.03.2022 WDR 3


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Die Kunst der genauen Beobachtung

Seit sechzig Jahren schreibt Helga Schubert, auch wenn sie die längste Zeit ihres Schriftstellerinnenlebens wohl nur Literaturexperten ein Begriff war. Bis sie im Vorjahr den Bachmann-Preis gewann. Und das, nachdem die Ost-Berlinerin 1980 schon einmal - auf Vorschlag Günter Kunerts - zum Ingeborg Bachmann Wettbewerb eingeladen war. Damals durfte sie jedoch nicht ausreisen, dem DDR-Regime galt die Autorin als zu unbequem.

Tatsächlich schaut die langjährige klinische Psychologin in ihrer literarischen Arbeit ganz genau hin, lotet menschliche Untiefen aus und hinterfragt vieles, auch den eigenen Antrieb sich zurückzuziehen, "den Versuchungen der Welt zu widerstehen" und zu schreiben:

"Was hier ist, ist überall, was nicht hier ist, ist nirgends, soll Buddha gelehrt haben. Dieser Satz macht auch beim Schreiben Hoffnung, denn wenn er stimmt, ist nichts unwichtig, wenn ich es nur genau genug betrachte. (…) dazu gehören das Hinsehen und das Erschrecken, dass in der Welt der Menschen nichts einfach gut oder böse ist, dass jeder, auch die, die schreibt, gut oder böse ist, erschöpft und wach, verzeihend und nachtragend, hasserfüllt und liebend, verletzend und verwundbar.
Geschichten als Mikroskop. Geschichten als Spiegel."

Die harte Zeit als Schriftstellerin in der DDR

Der Spiegel, in den Helga Schubert schaut, zeigt Momentaufnahmen ihres Lebens: Das reicht von der vaterlosen Kindheit im 2. Weltkrieg, über herrliche Sommertage im Garten der Großmutter in Greifswald bis zu absurden Buch-Schmuggel-Aktionen von West nach Ost und den bis heute schwer erträglichen Altlasten, den "bleibenden Diktaturschäden", wie Helga Schubert das nennt. Als sie gefragt wird, ob sie sich während ihrer DDR-Jahre als "DDR-Schriftstellerin" verstanden habe, antwortet Schubert:

"Nein. So provinziell und arrogant war ich nicht. Denn ich wusste, dass ich eine Berliner Schriftstellerin, eine zufällige Ostberliner deutsche Schriftstellerin bin, dass ich zu diesem Strom der deutschen Literatur gehöre."

Aber weil die Verhältnisse nie eindeutig sein können, wie Schubert schreibt, stimmt auch die andere Perspektive, aus der heraus sich die Autorin ihrer selbst vergewissert:

"(…) ich habe mich geschämt – und ich konnte es einfach nicht verdrängen oder gar vergessen, dass wir in einem Tümpel leben, dass es die große weite Welt und die Weltliteratur gibt und die großen ungebärdigen Dichter Kleist und Heine und die Mayröcker, die auf meinem Sofa in Ostberlin saß und sagte: Keinen Tag könnte ich hier leben – und ich ihr antwortet: ich auch nicht."

Ein ganzes Lebensgefühl in hochkonzentrierter Form

Pointiert sind Helga Schuberts Miniaturen und so verdichtet, dass sie in hochkonzentrierter, knapper Form oft ein ganzes Lebensgefühl erfassen. So reicht ein Blick vom Balkon der Ferienwohnung in Warnemünde auf ein vorbeifahrendes Kreuzfahrtschiff, um das das "zerstörerische Fernweh" aus vielen Jahrzehnten des Eingesperrtseins hinter sich zu lassen.

Überhaupt beherrscht Helga Schubert die Kunst, das Schwere, Dramatische eines Lebens, im scheinbar Kleinen zu entdecken und die Absurdität der Existenz im Unscheinbaren zu erkennen. Einmal fragt sie ihre Gäste, was ihnen zu Mecklenburg-Vorpommern einfällt, im Gegensatz zu früher. Und der Besuch sinniert weder über die Wahlerfolge der Rechten noch über die Landflucht:

"Nein, er schwärmt vom Spargel, jeden Tag Spargel, schön dick, frisch, in Schinken gewickelt. Und gleich danach die Erdbeeren, wochenlang Spankörbe voll Erdbeeren. Dass er das noch erlebt, das sei eigentlich das Schönste an der Einheit Deutschlands."

Auch das Schwerste mit Leichtigkeit erzählen

In einfachen, präzisen Sätzen erzählt Helga Schubert überraschend und humorvoll von Ost und West, der Kindheit und dem Altwerden und davon wie das Vergangene im heute nachklingt. In der Titelgeschichte "Vom Aufstehen", für die Helga Schubert letztes Jahr den Bachmann-Preis bekommen hat, geht es um die sterbende Mutter, die Frage, ob Kinder ihre Eltern lieben müssen und zugleich um ein ganzes Jahrhundert voller Verwerfungen. Ein Text wie ein Geschenk, hieß es damals in der Jury.

Wer Helga Schuberts "Geschichten eines Lebens" liest und erlebt, mit welcher Leichtigkeit diese Autorin selbst vom Schwersten zu erzählen vermag, der kann sich dieser Begeisterung nur anschließen. 

Stand: 17.03.2021, 21:57