Schubert Müller Weiller - Deutsche Winterreise, Liederzyklus mit Geschichten von Menschen im Abseits

Schubert Müller Weiller, Deutsche Winterreise

Schubert Müller Weiller - Deutsche Winterreise, Liederzyklus mit Geschichten von Menschen im Abseits

Die Geschichten von Menschen, die aus den Bezügen ihres bisherigen Lebens herausgefallen sind, verbinden sich mit Schuberts „Winterreise“. Angeregt hat den Komponisten ein Gedichte-Zyklus von Wilhelm Müller.

Schubert Müller Weiller
Deutsche Winterreise
Liederzyklus mit Geschichten von Menschen im Abseits

Mit Brigitte Assheuer, Jens Harzer, Wolfram Koch,
Helmut Krauss, Eva Mattes Klavier: Hedayet Djeddikar
Speak low
ISBN 978-3-940018- 56-4
1 Audio CD

Stefan Weiller - Deutsche Winterreise

WDR 3 Buchrezension 06.06.2019 05:38 Min. Verfügbar bis 05.06.2020 WDR 3

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Der Künstler Stefan Weiller hat sich unter denen umgehört, die auf der Straße leben müssen, die Arbeit, Familie und ihr Zuhause verloren haben. Er hat Not und Verzweiflung gefunden, aber auch den trotzigen Willen, den es zum Überleben braucht. Die Parallelen zu Schuberts „Winterreise“ mit den melancholischen Gedichten von Wilhelm Müller liegen auf der Hand, und Weiller hat die Kombination gewagt: Ein akustisches Geflecht aus alten und neuen Texten. Schuberts Musik verbindet beide Ebenen.

Ein Gespür für beunruhigende Themen

Wilhelm Müller

Wilhelm Müller

(Klavier)
"Ich bin OFW, das heißt: Ohne festen Wohnsitz. Als OFW darfst du dich nicht in ein Mädchen verlieben. … Dass ich OFW bin, ist mir peinlich. Nicht auszudenken, wenn mich das Mädchen fragen würde:

Gehen wir zu dir? Dann käme alles raus. (Klavier) Der Wind spielt mit der Wetterfahne auf meines schönen Liebchens Haus. Da dacht ich schon in meinem Wahne, sie pfiff den armen Flüchtling aus. Er hätt es eher bemerken sollen, des Hauses aufgestecktes Schild, so hätt‘ er nimmer suchen sollen, im Haus ein treues Frauenbild. Der Wind spielt drinnen mit den Herzen wie auf dem Dach – nur nicht so laut. Was fragen sie nach meinen Schmerzen? Ihr Kind ist eine reiche Braut."

Stefan Weiller hat als Künstler und Autor ein Gespür für beunruhigende Themen. Gewalt, Tod, Armut, psychische Grenzsituationen. Für die „Deutsche Winterreise“ ist er auf Menschen im Abseits zugegangen, hat aufgeschrieben, was sie ihm ausführlich oder in lakonisch knappen Sätzen erzählt haben. Eine Spiegelung all dessen findet sich in Schuberts „Winterreise“: Das Abgewiesen-Werden, die Enttäuschung, die Resignation und manchmal das Aufblitzen einer verzweifelten Hoffnung.

Ein einsamer Wanderer erzählt

(Klavier)

Porträt Franz Schubert, Stahlstich

Franz Schubert,

Schubert hat sich von Wilhelm Müllers Gedichtzyklus inspirieren lassen. Ein einsamer Wanderer erzählt von Liebesschmerz und Todessehnsucht. Er hat nichts mehr zu verlieren. Ganz ähnlich das Erleben von Menschen, die in heutiger Zeit aus ihren sozialen Zusammenhängen herausfallen.

Die Umstände sind anders, aber das Gefühl der Entwürdigung, der Ausgrenzung, setzt ihnen genauso zu. Oft beginnt die Katastrophe mit Briefen, die man nur mit zitternden Händen öffnen kann.

(Klavier, Ensemble)
"Sehr geehrter Herr, hiermit fordern wir Sie letztmalig…
Sehr geehrte Frau… sollten Sie dieser Zahlungsaufforderung nicht…
… hat uns veranlasst, die Zwangsvollstreckung…
… die uns zustehende Forderung bisher nicht bezahlt…
Mit freundlichen Grüßen Von der Straße her ein Posthorn klingt, was hat es, dass es so hoch aufspringt, mein Herz."
(Klavier)

Für Trost und Hoffnung kaum noch Raum

Jens Harzer

Jens Harzer

Einblicke in Lebenswelten, die für Trost und Hoffnung kaum noch Raum bieten. Umgeben von denen, die auf der sonnigen Seite stehen, die Arbeit haben, ein Zuhause, eine Familie bleibt den Obdachlosen nur der Traum vom Glück, ihre Wut, ihre Trauer. Brigitta Assheuer, Jens Harzer, Wolfram Koch, Helmut Krauss und Eva Mattes sprechen die Texte, die Stefan Weiller aufgezeichnet hat. Ausschnitte aus den „Winterreise“-Gedichten von Wilhelm Müller schließen sich nahtlos an. Schuberts Musik bildet den Rahmen.

Wolfram Koch

Wolfram Koch

(Klavier)
"Spaß und Selbstverwirklichung waren in meinem Berufsleben nie ein Kriterium. Dann kam das Saufen. Die Eltern sagten, du bist doch kein Alkoholiker, du hast das doch im Griff. Meine Frau sagte lange nichts, aber nachdem ich nach meinem Geld auch ihres versoffen hatte, reichte es ihr. Sie sagte vor Gericht, ich habe sie getreten, ich habe ein Büschel ihrer Haare in der Hand gehabt… Sie sagte, ich tue nur so. Drei Sonnen seh ich am Himmel stehn, hab lang und fest sie angesehn. Und sie auch standen da so stier, als wollen sie nicht weg von mir. Ach, meine Sonnen seid ihr nicht, schaut andern nur ins Angesicht. Neulich hatt‘ ich auch wohl drei, nun sind hinab die besten zwei. Ging nur die dritte hinterdrein - im Dunkeln wird mir wohler sein."

Das hervorragende Sprecherensemble macht die „Deutsche Winterreise“ zum Erlebnis.

(Klavier)
"Ich versuche mich nicht zu erinnern: An den November, an den fauligen Geruch, an den Typen, der mir später den Rest gab, an meine erste Nacht draußen. Außerhalb der Stadt. Ein großes Betonrohr, Durchmesser geschätzt Eins-Dreißig. Einige Meter kroch ich in das Rohr hinein und verkeilte an den Betonwänden ein Holzbrett, knapp über dem Wasser. Darauf lag ich also, und drunter floss der Bach. Der du so lustig rauschtest, du heller wilder Fluss, wie still bist du geworden, gibst keinen Scheidegruß."

Stand: 05.06.2019, 14:17