Raoul Schrott - Eine Geschichte des Windes oder Von dem deutschen Kanonier, der erstmals die Welt umrundete und dann ein zweites und dann ein drittes Mal

Raoul Schrott - Eine Geschichte des Windes oder Von dem deutschen Kanonier, der erstmals die Welt umrundete und dann ein zweites und dann ein drittes Mal

Raoul Schrott - Eine Geschichte des Windes oder Von dem deutschen Kanonier, der erstmals die Welt umrundete und dann ein zweites und dann ein drittes Mal

Von David Eisermann

Vor 500 Jahren hat Ferdinand Magellan im Auftrag Spaniens Segel gesetzt, um die Welt zu umrunden. In seinem neuen Roman „Eine Geschichte des Windes” erzählt der preisgekrönte Autor Raoul Schrott jetzt von einem seiner todesmutigen Seefahrer.

Raoul Schrott
Eine Geschichte des Windes
oder Von dem deutschen Kanonier, der erstmals die Welt umrundete
und dann ein zweites und dann ein drittes Mal

Carl Hanser Verlag, München 2019
324 Seiten
26 Euro

"Dies ist eine Geschichte des Windes. Ich dachte immer, sie müsse von jemand handeln, der bereits all die Namen der Haupt- und Nebenwinde kennt, ihre Richtungen auf jener papiernen Rose, die Seefahrer den ‚Stern des Meeres’ nennen. Doch sie wird nun erzählt werden von einem, welcher noch nichts davon weiß."

Der deutsche Hans aus Aachen

Ferdinand Magellan war ein portugiesischer Adeliger und Seefahrer, der im Auftrag der spanischen Krone eine Westroute zu den Gewürzinseln finden sollte – einer indonesischen Inselgruppe vor Neuguinea. Unter seinem Kommando stachen am 20. September 1519 fünf Schiffe von Spanien aus in See. Er und seine Crew überquerten als erste Europäer in westlicher Richtung den Pazifik. Doch Rauol Schrott stellt nicht etwa den Generalkapitän Magellan, sondern ein einfaches Mitglied der Mannschaft in den Mittelpunkt seines Romans:

Als Maestre Anes ist er in den spanischen Archiven verzeichnet oder als Juan Aleman de Aquisgran, der deutsche Hans aus Aachen also. Man weiß von ihm nur, daß er 1519 als Kanonier anheuerte, und zu den wenigen Männern gehörte, die fast drei Jahre später wieder lebendig nach Spanien zurückkehrten. So erklärt sich auch der Titel Von dem deutschen Kanonier der erstmals die Welt umrundete und dann ein zweites und ein drittes Mal.

"In den hernach bald überall in Europa sich im Umlauf befindlichen Berichten hat er kein einziges Mal Erwähnung gefunden. Dennoch zählte er nicht nur zu den achtzehn Heimkehrern der ersten Umsegelung der Erde - er war auch der allererste Mensch, der sie gleich zweimal umrundete, um darauf zu seiner dritten Weltfahrt aufzubrechen. Das ist alles, was von diesem Hannes dem Deutschen aus Aachen überliefert ist. Alles andere ist die Wahrheit einer Geschichte gegenüber der Geschichte."

Ein pikaresker Held

Raoul Schrott

Raoul Schrott

Nachdem die europäischen Seefahrer die heutigen Philippinen erreicht hatten, kam Magellan selbst bei einer Auseinandersetzung mit Indigenen zu Tode. Unter dem Kommando von Juan Sebastián Elcano kehrte nur ein einziges Schiff von Magellans Flotte, der Dreimaster Victoria, über die Route um das Kap der Guten Hoffnung am 6. September 1522 nach Spanien zurück. Raoul Schrott hatte ursprünglich mit einem Fotografen eine Bildreportage geplant über Magellans Weltumseglung. Gemeinsam wollte man einige der Stationen der Expedition aufsuchen. Allein, der Fotograf versetzte ihn, als Raoul Schrott bereits in Patagonien in einem Mietwagen unterwegs war.

Entlang der einst von Magellan entdeckten Durchfahrt vom Südatlantik in den Pazifik – der Magellanstraße. Statt die Recherche vor Ort fortzusetzen, entschied Raoul Schrott sich dafür, ein Leben zu erfinden – die wenigen bekannten Fakten über den Kanonier Hans von Aachen mit der Kraft der dichterischen Imagination aufzufüllen. So überlebt der Mann schlimmste Stürme und Flauten, läßt Hungerleiden und Skorbut hinter sich und übersteht Meutereien. Der Abenteurer Hannes erscheint als pikaresker Held - in kraftvoller, vielgestaltiger Sprache, mal voller gelehrter Anklänge und dann wieder drastisch. Sexualität und Gewalt – der Erzähler schenkt uns nichts.

"an den verkohlten Resten [war] zu sehen, daß bei der Zeremonie – bei der in einer Grube mit Blättern umwickelten Yamswurzeln und Fleischstücke auf glühenden Steinen gebraten worden waren - dass dort einstmals ein Mensch aufgefressen worden war. Auf Rapa Nui wahrlich nichts Ungewöhnliches."

Ein starkes Buch

Raoul Schrott erzählt in seinem großformatigen 300 Seiten-Roman von einem Reisenden, der nie weiß, wo genau er sich genau befindet und wie lange die Reise noch dauern mag. Leser können sich in dem so schön gemachten Buch mit dem auf alte Weise rauh geschnittenen Papier und dem Kupferstich einer Weltkarte aus dem 16. Jahrhundert ebenso verlieren wie Hannes aus Aachen auf hoher See. Mag sein, daß deshalb auch immer wieder Seitenzahlen fehlen. Nicht alle, aber doch eine ganz Menge. Der Kanonier muß am Ende wieder raus auf’s Meer, immer und immer wieder. Es ist kein Loskommen von den unverstandenen Naturgewalten - vor allem nicht von der einen:

"Man hat den Wind selten im Rücken. Oft kommt er gar von vorn, zumeist jedoch von der Seite - um einen damit vom Kurs abzubringen: er stellt eine Widrigkeit dar, welcher man Fahrt abgewinnen muß."

Ein starkes Buch und eine Lektüre, die auf sehr anregende Weise immer wieder überrascht. Aus dem Kanonier wird tatsächlich einer, der sich mit dem Wind verbrüdert. Der Romanheld vielleicht nicht gerade als Abbild des Dichters, aber doch als sein handfester Bruder. Beide überlisten sie die Schwerkraft: Raoul Schrott mit Worten und der Seemann auf seinem Weg um die Welt.

Raoul Schrott: Eine Geschichte des Windes

WDR 3 Buchrezension 20.09.2019 05:12 Min. Verfügbar bis 19.09.2020 WDR 3

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Stand: 19.09.2019, 12:48