Tom McCarthy - Schreibmaschinen, Bomben, Quallen. Essays

Tom McCarthy - Schreibmaschinen, Bomben, Quallen. Essays

Tom McCarthy - Schreibmaschinen, Bomben, Quallen. Essays

Von Corinne Orlowski

Kunst und Gewalt, Materialität und Ereignis: Tom McCarthy, verbindet in seinen Essays auf überraschende Weise Hochkultur und Mainstream, Musik und Geschichte, Bildende Kunst und Literatur

Tom McCarthy
Schreibmaschinen, Bomben, Quallen. Essays.

Aus dem Englischen von Uwe Hebekus
Diaphanes Verlag, Zürich 2019
288 Seiten
20 Euro

Die Heilige Dreifaltigkeit der Literatur

Wie schreiben nach den Werken von James Joyce, Franz Kafka oder des Nouveau Romans? Wie malen nach Gerhard Richter oder Ed Ruscha? Tom McCarthy will die Moderne erkunden und bohrt dafür in der europäischen Literatur- und Kulturgeschichte. Über zehn Jahre lang hat er zu verschiedensten Anlässen Essays geschrieben. Jetzt sind diese in dem Band erstmals auf Deutsch erschienen. Den ungewöhnlichen Titel "Schreibmaschinen, Bomben, Quallen" erklärt McCarthy so:

"For me this emerge of these essays are the holy trinity of literature. The typewriter signals the whole world of technology, cause literature is a technology, is a media technology. … The jellyfish is also a speaks of networks, of tentacles of interconnection, also of absorbency materiality… And the bomb is because I think this inherent violence in all literature – from Aischylos to Shakespeare through Kathy Acker or William Burroughs. There is a destructive as much as a creative tendency."

"Für mich sind diese Essays so was wie die Heilige Dreifaltigkeit. Die Schreibmaschine steht für die Welt der Technologie, denn auch die Literatur ist eine Technologie. Die Qualle ist ein Netz aus Tentakeln, aus Querverbindungen, ein Netz, das Materie aufnimmt. Und die Bombe steht für die Gewalt, die der Literatur innewohnt – denn von Aischylos bis Shakespeare, von Kathy Acker bis William Burroughs ist niemals nur die kreative, sondern immer auch eine zerstörerische Seite spürbar.

15 meisterhafte Essays

Zusammengekommen sind unter diesem Titel 15 meisterhafte Essays, in denen McCarthy auf unterhaltsame Weise Hochkultur mit Mainstream, Musik mit Geschichte, Filme und bildende Kunst mit Literatur verbindet."

"What I am interested in tracing is a kind of overlap between visual art, literature, philosophy, political theory … I think there is a real fluidity between all these categories. And what I discovered through these essays is that it is kind of impossible to say this is where literature ends, this is where it begins. It doesn’t have borders."

"Mich interessieren die Überschneidungen von bildender Kunst, Literatur, Philosophie und politischer Theorie, denn das sind Kategorien mit fließenden Übergängen. Es ist unmöglich, zu bestimmen, wo die Literatur anfängt und wo sie aufhört. Literatur ist grenzenlos."

Eine Kunst der Deformation

Mit seinen Essays spinnt McCarthy ein weitmaschiges Netz, das unterschiedlichste aus Autoren und Künstlern verbindet. – Immer wieder kommt McCarthy dabei auf einen Punkt zurück: Kunst entsteht aus Gewalt. Literatur ist eine Kunst der Deformation:

Tom McCarthy

Tom McCarthy

"You have this virgin white sheet of paper and suddenly the key of a typewriter hits it. This is not a coincidence that the same manufactures that made typewriters in the early 20. century also made machine guns. The technology is the same. Duff duff duff. This quick rapid fire, deformation of a surface."

"Da ist dieses jungfräulich weiße Papier, das plötzlich vom Anschlag der Schreibmaschine getroffen wird. Es ist kein Zufall, dass die Hersteller von Schreibmaschinen Anfang des 20. Jahrhunderts auch Maschinengewehre herstellten. Die Technologie ist die gleiche. Das Schnellfeuer, die Deformation einer Oberfläche."

Wie man an den Grund der Sprache kommt

Der französische Dichter Stephane Mallarmé ist eine Schlüsselfigur im Buch; Joyce, Kafka, die französischen Surrealisten oder etwas zeitgenössischer Kathy Acker, Don DeLillo oder Jean-Philipp Toussaint spielen eine wichtige Rolle: Sie alle haben darüber nachgedacht, wie man an den Grund der Sprache kommt, haben ihre Sätze immer weiter zerlegt, bis nur noch die Materialität der Sprache blieb.

McCarthy sieht in den großen modernen Texten ein verbindendes Element: Was sie alle in sich tragen, sei das Reale. Aber nicht mehr wie bei Flaubert oder Balzac im 19. Jahrhundert, indem sie die Welt kopieren, sondern wie bei Joyce oder Burroughs, die durch neue literarische Verfahren, assoziativ das Leben ganz nah heran holen. Denn was sei das Reale anderes, fragt McCarthy, als das pure Ereignis, bloße Materialität, Stoff.

Ein Prozess der Enthüllung

Für Heidegger, der auf Hölderin zurückgreift, gilt: "Dichterisch wohnet der Mensch." Mit anderen Worten: Dichtung ist weder Darstellung noch Verschönerung des Lebens, vielmehr liegen in ihr der Modus und das Maß, über die sich bestimmt, wie wir ins Dasein kommen. Ähnlich wie die Dichtung bringt das Dasein einen Prozess der Enthüllung mit sich, durch den Realität hervorgebracht oder produziert wird.

Real ist das Londoner Wetter, war Patty Hearsts spektakuläre Entführung in den 70ern oder Zinedine Zindanes Kopfstoß bei der Weltmeisterschaft 2006. McCarthy findet immer einen Anlass zum Abschweifen. Das macht das Buch auch so erfrischend. Besonders deutlich werden McCarthys Gedanken aber, wenn er über Kafkas schuldbeladene Beziehung zu seinem Vater schreibt, über David Lynchs kafkaeske Filme oder Gerhard Richters joyceähnliche Kunst. Richter malte ganz lapidar was ist: eine Kerze, ein Stuhl, ein Klopapierrollenhalter. Allerdings werde durch die Verwischung, dem Markenzeichen Richters, die Klarheit des Bildes zerstört, muss das Bekannte erst entdeckt werden. Für McCarthy die ästhetische Herausforderung unserer Zeit.

"One of the reasons why I’m drawn to Richter as a painter and like all the artists which I celebrate in this book, he is an antiidealist, he refuses transcendence and this is very important rather than it is religious, aesthetic, personal, psychological, political. There is no transcendence, there is no sublime, there is the materiality of what is."

"Einer der Gründe, warum ich Richter als Maler schätze: Er ist ein Antiidealist, er verweigert sich der Transzendenz und das ist wichtiger als religiös, ästhetisch, persönlich, psychologisch oder politisch zu sein. Da ist keine Transzendenz, da ist nichts Erhabenes, da ist einzig die Materialität dessen, was ist."

Kühn, manchmal überfordernd und stets unterhaltsam

McCarthys Gedankengänge sind kühn, manchmal überfordernd, manches begreift wohl nur der Literaturprofessor. Doch sind die Essays gerade deshalb so unterhaltsam, weil sich das Lesen so anfühlt als klicke man sich auf Wikipedia von Link zu Link: Von Freud zu Foucault, von Beckett zu de Certeau, von Vergil zu Zizek. Am Ende meint man, die Moderne vollkommen in sich aufgenommen zu haben. So verschmelzen die Essays zu einem flirrenden Gedankenkunstwerk.

Stand: 15.05.2019, 13:45