Constantin Schreiber - Die Kandidatin

Buchcover: Constantin Schreiber - Die Kandidatin

Constantin Schreiber - Die Kandidatin

Von Jutta Duhm-Heitzmann

Eine muslimische Migrantin will die neue deutsche Bundeskanzlerin werden – zuviel für ein Land, das ohnehin schon gespalten ist durch viele sich hasserfüllt bekämpfende Gruppieren. "Die Kandidatin" – eine dystopische Vision des Islamkenners Constantin Schreiber.

Constantin Schreiber: Die Kandidatin
Hoffmann und Campe, Hamburg 2021.
208 Seiten, 22 Euro.

Constantin Schreiber: "Die Kandidatin"

WDR 3 Buchkritik 14.06.2021 05:15 Min. Verfügbar bis 14.06.2022 WDR 3


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Ein vertrautes Szenario

Wie könnte Deutschland in nicht allzu ferner Zukunft aussehen?
Vielleicht so?

"'Wollt ihr absolute Diversität?' schreit ein junger Mann mit Vielfaltsmerkmal in Megaphon? 'Ja!' skandiert die Menge, klatscht und jubelt."

Antirassismusaktivisten, Kapitalismusgegner, Migrantenorganisationen, Klimaschützer – also die versammelte sogenannte Linke.
Ihnen gegenüber, vor Wut schäumend, die sogenannte Rechte:

"'Stoppt die feindliche Übernahme unseres Landes!' ruft dort ein alter weißer Mann ins Mikrophon. Hinter ihm recken weiße Männer und Frauen Fäuste in die Luft oder halten Plakate hoch. Auf manchen steht 'Für meine Heimat'".

Ein durchaus vertrautes Szenario, schon heute nahezu Alltag, in Berlin, Dresden, anderswo.

Darf sie das oder darf sie das nicht?

Doch hier spielt es in einem zukünftigen Deutschland, das gespalten ist wie selten zuvor in seiner Geschichte: Eine muslimische Migrantin steht kurz davor, Bundeskanzlerin zu werden.

"Ihre Präsenz ist Programm. Verheißung für die einen, Provokation für die anderen. Symbol für eine weltoffene Gesellschaft, weil sie von ganz unten kometenhaft nach ganz oben kam. Und Symbol für Deutschlands kulturelle Übernahme, weil sie als Muslima allen anderen vorgezogen wurde."

Sabah Hussein, 44 Jahre alt, polarisiert, ob sie will oder nicht. Sie ist schön, intelligent, kompromisslos ehrgeizig - und ihrem Glauben tief verbunden. Als Galeonsfigur der Ökologischen Partei steht sie für eine politische und kulturelle Entwicklung, die das Land bereichern sollte, nun aber an den Abgrund geführt hat: die erfolgreiche Migrantin als Beispiel einer gelungenen und gleichzeitig misslungenen Integration.

"Um Inhalte musste sie sich lange nicht kümmern. Sie selbst war Inhalt genug. Selbst jetzt, als Kanzlerkandidatin, beschäftigt sich die Öffentlichkeit weniger mit dem, was sie sagt, als vielmehr damit, dass sie im Rampenlicht steht. Und mit der Frage: Darf sie, die Muslima, da sein, wo sie ist, und sich dahin bewegen, wo sie noch hinwill? Oder darf sie das nicht?"

Nur noch "Ja" oder "Nein"

Der Roman "Die Kandidatin" operiert mit dem Kunstgriff vieler utopischer Werke: er verlängert die Gegenwart mit ihren Problemen einfach in eine mehr oder weniger ferne Zukunft. Man sieht also eine Gesellschaft zerfallen in Gruppen, die jede ihre eigene Wahrheit herausbrüllt, keine Diskussionen, es gibt nur Ja oder Nein, durchgepeitscht von der hechelnden Meute in den Sozialen Medien.

"Sie schaut sich das Video noch einmal an, schneidet es rasch zurecht. Sie lädt es auf Sabahs offizielle Accounts hoch und kommentiert: 'Ich bin traumatisiert. Man hat mich angeschrien, attackiert, angegriffen. Aber: Ich gebe nicht auf, für eine offene und gerechte Gesellschaft zu kämpfen.'"

China als dominierende Macht

Ähnlich vertraut die zukünftige Welt jenseits der Grenzen. Die EU ist zerstritten, die dominierende Macht ein expandierendes China, ideologisch, wirtschaftlich, kulturell. Es annektiert Taiwan, blutig und kompromisslos, ist führend in Sachen saubere Energie, kauft den Mark leer von Rohstoffen, Kunstwerken, Industrien und Experten. Auch deutschen.

"'Das heißt doch: China kann von dem deutschen Know-how profitieren', sagt er.
'Selbstverständlich. Ihre Firmen gehören uns doch,' sagt Professor Au Wong und lacht. Keiner lacht mit."

Provokation mit Symbolen

Constantin Schreiber, politischer Journalist und Islamkenner, beobachtet schon seit Jahren die möglichen Folgen auch einer zunehmenden Muslimisierung der Gesellschaft. Sein Roman erzählt von eventuellen Konsequenzen, vom Aufbegehren unterprivilegierter Migranten bis hin zum verzweifelten Zorn Alteingesessener über eine verkehrte Welt.

Bekanntes also verschärft und nicht nur ein deutsches Problem - der Schriftsteller Michel Houellebecq hat es 2015 in seinem Roman "Die Unterwerfung" schon für Frankreich variiert. Hier wie dort Provokation mit Symbolen: Die Kandidatin mit einem lose um den Kopf drapierten Hijab, umgeben von Frauen mit  Kopftüchern in Schwarz-Rot-Gold.

"'Der Kampf für den Hijab ist der Kampf gegen Rassismus.' Und 'Sei solidarisch und trage Hijab!' Die Aktion mit den zwei großformatigen Plakaten wurde gefördert vom Ministerium für Gerechtigkeit."

Den Blick auf die Gegenwart schärfen

"Die Kandidatin" ist kein wirklich literarisches Buch, der Autor eher ein geschmeidiger Berichterstatter als ein Schriftsteller. Es ist als negative Utopie auch nicht sonderlich innovativ, aber eine flüssig erzählte und durchaus spannende Satire, die den Blick auf die Gegenwart schärft bis es weh tut, ein bis zur Erkennbarkeit verzerrter Spiegel mit dem Bild einer Zeitenwende, die als Fortschritt und Kompromiss verkauft wird und doch nur hasserfüllte Eskalation produziert - wobei diese Entwicklung wahrscheinlich keine dreißig, sondern nur ein paar Jahre braucht. Lösungen? Im Roman keine. Oder –  jetzt?   

Stand: 13.06.2021, 12:23