Julia Schoch - Mit der Geschwindigkeit des Sommers

Julia Schoch - Mit der Geschwindigkeit des Sommers

Julia Schoch - Mit der Geschwindigkeit des Sommers

Von Christel Wester

Julia Schochs eindringlicher Roman über die untergegangene DDR ist auch zehn Jahre nach seinem Erscheinen noch hochaktuell. Jetzt ist er als Hörbuch erschienen.

Julia Schoch
Mit der Geschwindigkeit des Sommers

Ungekürzte Lesung von Claudia Michelsen
Speak Low
1 MP3-CD
213 Minuten
ISBN 978-3-940018-69-4

"Mit der Geschwindigkeit des Sommers"

Der Titel von Julia Schochs Roman weckt den Eindruck einer gewissen Leichtigkeit, durchsetzt von Melancholie – ein schöner Sommer, der zu schnell vergangen ist, an den man jedoch mit einem wohligen Gefühl zurückdenkt. Doch dieser Eindruck täuscht, das wird sofort klar, sobald man die ersten Sätze hört:

"Bevor meine Schwester sich in New York das Leben nahm oder, den Ahnungslosen zufolge, zufällig dort starb, hatte ich das immergleiche Bild von ihr im Kopf. Bis ich von ihrem Selbstmord erfuhr, sah ich, wenn ich an sie dachte, meine Schwester abends vor das Einfamilienhaus treten, in dem sie während der letzten Jahre mit ihrem Ehemann und den Kindern wohnte."

Julia Schoch: Mit der Geschwindigkeit des Sommers (Hörbuch)

WDR 3 Buchkritik 20.02.2020 05:46 Min. Verfügbar bis 19.02.2021 WDR 3

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Die Geschichte einer Depression

Die Schwester ist jedoch aus dem Einfamilienhaus in Mecklenburg in der Nähe des Stettiner Haffs geflohen. Allein, ohne Mann und Familie, hat sie etwa 20 Jahre nach dem Mauerfall die erste Fernreise ihres Lebens angetreten, von der sie dann nicht mehr zurückkehrte. "Mit der Geschwindigkeit des Sommers" erzählt die Geschichte einer Depression. Der Roman ist ein Buch der Trauer und der Suche nach Erklärungen für den Suizid. Verfasst ist er in der Form eines inneren Monologs, den die aus der ARD-Serie „Polizeiruf 110“ bekannte Schauspielerin Claudia Michelsen einfühlsam spricht.

"Die sogenannten letzten Gespräche, die im Moment, da man sie führt, noch keine sind. Bei ihrem Anruf sagte sie nicht, dass sie aus Deutschland abreisen wolle. Auch nicht, dass sie, wie es immer heißt, schon alles hinter sich gelassen hatte, schon herausgefallen war aus jeder Zeit. Dass sie jemanden brauchte, der, was sie erzählte, ohne jeden Einwurf hinnahm. Besser noch: aufhob, denke ich jetzt."

Die Ich-Erzählerin ist die jüngere der beiden Schwestern, diejenige, die es in die Welt hinaus trieb, die ständig unterwegs war, während die Ältere immer an dem Ort blieb, in dem beide aufwuchsen – bis sie ihn schließlich für immer verließ.

"Das Zimmer eines Privatvermieters in New York war zuvor über eine Mitwohnagentur gebucht worden. Sie war abgereist, um zu sterben."

Ein Stimmungsbild

Julia Schoch

Julia Schoch

Die Frage nach dem "Warum" führt die Erzählerin in die eigene Vergangenheit. Dass es am Ende keine eindeutige Antwort gibt, nimmt dem Roman nichts von seiner Intensität, im Gegenteil. Seine Stärke liegt in dem Stimmungsbild, das Schriftstellerin Julia Schoch hier zeichnet. Ein Stimmungsbild, in dem sich eine individuelle Lebensgeschichte mit der untergehenden DDR durchmischt. In knappen, spröden Sätzen lässt Julia Schoch ihre Erzählerin zurückkehren in die beklemmende Atmosphäre ihrer Kindheit, die sie in einer von Kasernen umgebenen Plattenbaustadt verbrachte.

"Die Zeit, das Geschehen, der Ort des Geschehens. Dieser Ort, an dem sich für meine Schwester bis zuletzt alles abgespielt hat: eine Garnisonsstadt. Ein Militärstützpunkt, ein künstliches Gebilde in einer abgeschiedenen Gegend. Ein aus dem Nichts gestampfter Ort, nahe der polnischen Grenze."

Der gerade Horizont

Hier herrschte eine lähmende Monotonie. In abgezirkelten Karrees standen fünfgeschossige Wohnblöcke aus Beton, in denen überwiegend Familien von Armeeangehörigen lebten. Vater der Schwestern war NVA-Offizier, erwartet wurde Anpassung. Das soziale Alltagsleben in der Garnisonsstadt war bestimmt von der militärischen Hierarchie und von der Präsenz des Kalten Kriegs.

"Der gerade Horizont. Die einzige Erhebung in dieser weitgestreckten Landschaft ist eine künstliche, ein aufgeschütteter Berg, über den eine Betonspur führt. Nachts üben dort Panzer das Anfahren am Berg, das Hinabrollen ins Tal. Nur im Winter, wenn es geschneit hat, nehmen die Kinder den Manöverhügel in Besitz."

Ordnung

In eindringlichen Bildern zeichnet Julia Schoch nach, wie Landschaft und Architektur von einer politischen Ordnung durchdrungen sind und in dieser Form das Lebensgefühl ihrer Bewohner in hohem Maße prägen.

"Oder es liegt an mir. An meinem Eindruck, der Ort schiebe sich vor, und meine Schwester wäre nur seine Botschafterin. Als seien ihre beiden Geschichten vermengt, und ihre hätte in gar keiner Weise woanders stattfinden können."

Was passiert mit Menschen, wenn ihre Ordnung plötzlich zerbricht? Das ist die zentrale Frage in diesem Roman. Julia Schoch erfasst sehr präzise, wie das Wegfallen von Grenzen und strenger Reglementierung Menschen in Krisen und Depressionen stürzen kann.

"Der Staat, der sich da auflöst, reißt alles mit sich."

Die historische Zäsur in Ostdeutschland

Härter als in Julia Schochs Roman kann der Blick auf die historische Zäsur in Ostdeutschland kaum ausfallen. Dass dieser Blick aber auch von großer Empathie geleitet ist, arbeitet die ebenfalls in der DDR aufgewachsene Schauspielerin Claudia Michelsen gut heraus. Die Garnisonsstadt ist in diesem Roman eine Art Sinnbild für den untergegangenen Staat: Sie wird abgewickelt, die Familien ziehen weg, die Plattenbauten stehen leer. Die, die hierbleiben, leben in einer Geisterstadt. Zu den Hiergebliebenen gehört die Schwester: Eine Frau, die sich einen Panzer der Unnahbarkeit zugelegt hat, weil sie sich niemandem anvertrauen kann. Die sich penibel an eine Ordnung hält, die sie anödet, die einen Liebhaber hat, nur um etwas Verbotenes zu tun. Die Ich-Erzählerin versucht die letzten Lebensjahre ihrer Schwester zu rekonstruieren. Dabei entsteht das eindrückliche Psychogramm einer zerrissenen Persönlichkeit, die korrespondiert mit einem zerrissenen Land.

Stand: 19.02.2020, 12:05