Martin Schneitewind - An den Mauern des Paradieses

Martin Schneitewind - An den Mauern des Paradieses

Martin Schneitewind - An den Mauern des Paradieses

Von Christel Wester

Zwei literarische Großmeister entdeckten den verstorbenen Autor Martin Schneitewind. Michael Köhlmeier und Raoul Schrott brachten seinen einzigen Roman heraus, der nun als Hörspiel adaptiert wurde.

Martin Schneitewind "An den Mauern des Paradieses" (Hörspiel)

WDR 3 Mosaik 27.06.2019 05:38 Min. Verfügbar bis 26.06.2020 WDR 3

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Martin Schneitewind
An den Mauern des Paradieses

Hörspiel Übersetzt von Raoul Schrott
Hörspielbearbeitung und Regie: Ulrich Lampen
Mit Katja Bürkle, Brigitte Hobmeier, Felix Klare u. a.
Eine Produktion des BR
Der Hörverlag
2 CD, Laufzeit: 1 h 36 min
ISBN: 978-3-8445-3556-6

Martin Schneitewind
An den Mauern des Paradieses

Roman Übersetzt von Raoul Schrott
Mit einem Nachwort von Michael Köhlmeier
dtv
395 Seiten
24 Euro

"An den Mauern des Paradieses" – so heißt der einzige Roman eines völlig unbekannten und bereits 2009 verstorbenen elsässischen Autors namens Martin Schneitewind. Er erzählt vom Abenteuer eines Altorientalisten aus Toronto, der in ein Land am Persischen Golf reist, um einen archäologischen Sensationsfund in Augenschein zu nehmen: Tontafeln, die neues Licht auf die biblische Schöpfungsgeschichte werfen sollen. Zwei literarische Großmeister haben sich zusammengetan, um diesen Roman an die Öffentlichkeit zu bringen: Der österreichische Schriftsteller Michael Köhlmeier hat das Werk entdeckt und der Romancier, Lyriker, Mythenforscher und Übersetzer Raoul Schrott übertrug es aus dem Französischen. Nun hat der Bayerische Rundfunk den Roman "An den Mauern des Paradieses" ein Hörspiel verwandelt.

Zeigen Sie mir Ihren Pass

"Die Wogen brandeten an den Wall und zerschlugen sich dumpf. Die Stille zwischen den Brechern war länger als zwischen meinen Atemzügen."

Das Hörspiel nach dem Roman "An den Mauern des Paradieses" von Martin Schneitewind beginnt in einer bedrückenden Atmosphäre, die schnell bedrohliche Züge annimmt und an einen Politthriller erinnert.

"Klopfen. Zeigen Sie mir Ihren Pass! David Ostrich. Meine Personalien wurden gestern schon aufgenommen. Thaut will Sie sehen."

Ein ominöser Machthaber namens Thaut

Der Altorientalist David Ostrich ist in einen Wüstenstaat gereist, der gerade ein gigantisches Dammbauprojekt durchführt, bei dem jahrtausende alte Tontafeln mit sumerischen und assyrischen Schriftzeichen gefunden wurden. Ostrich will die Fundstätte besichtigen, er ist ganz besessen davon. Doch schon in der ersten Nacht lässt ihn ein ominöser Machthaber namens Thaut abholen.

"Sie bogen auf eine Nebenstraße. Eine Schranke versperrte die Zufahrt. Sie ging auf, ohne dass in dem Wärterhäuschen jemand zu sehen gewesen wäre. Ein Garten tat sich auf."

Thaut stellt Bedingungen: Eine junge Frau namens Evita, von der man nicht weiß, ob es sich um Thauts Tochter oder Ehefrau handelt, ist spurlos verschwunden. David Ostrich soll sie suchen.

"Sie wollen also, dass ich den Verbleib von Evita Thaut in Erfahrung bringe – ich? Ein völlig Fremder! Sie sind doch auf Thauts Wohlwollen angewiesen, nicht wahr? Damit nahm er mir die Frage aus dem Mund."

Beim Zuhören entsteht ein Film im Kopf

Thaut tritt nie selbst in Erscheinung, er bleibt ein Befehlshaber im Hintergrund. Doch David Ostrich lässt sich ein auf den undurchsichtigen Deal und wird bald zum Spielball der Macht in einem diktatorischen Regime. Diese detektivische Thrillergeschichte ist im Hörspiel durch die virtuose Sprechkunst der Schauspieler, eine präzise eingesetzte Musikuntermalung und Geräusche so gut umgesetzt, dass beim Zuhören ein Film im Kopf abläuft. Die Detektivgeschichte ist aber nur eine Erzählebene in diesem Hörspiel. Denn hier sind drei Geschichten miteinander verwoben. Die zweite Erzählebene bildet der biblische Schöpfungsmythos, über den die antiken Tontafeln neuen Aufschluss geben sollen. Doch schon bevor der Altorientalist David Ostrich diese archäologischen Fundstücke in Augenschein nehmen kann, begegnen ihm überall ältere Varianten der Geschichten von Adam und Eva und der Vertreibung aus dem Paradies.

"Einer Legende zufolge hatte Gott in unvordenklichen Zeiten einen Widersacher, der ihm seine Herrschaft streitig zu machen suchte. Das war die erste Sünde. ..Deshalb wurde dieser Widersacher, der in der Bibel Leviathan, von uns aber Lothan geheißen wird, aus dem Himmel verbannt. Worauf er sich als riesige Hornviper mit hundert Köpfen um den Erdkreis schlang."

Ein Fundus an alternativen Schöpfungsgeschichten

Die Mythen, die in diesem Hörspiel erzählt werden, bilden einen regelrechten Fundus an alternativen Schöpfungsgeschichten.

Michael Köhlmeier

Michael Köhlmeier

Diese archaische Mythenwelt wirkt wie eine Parabel auf die menschliche Selbstüberschätzung. Denn mit dieser Mythenwelt korrespondiert die dritte Handlungsebene in diesem Hörspiel, die deutlich an die Probleme unserer Gegenwart anknüpft und in ein negatives Zukunftsszenario mündet.

"In New York, Vancouver, London und Amsterdam hatte man Deiche gegen das Meer errichtet, das im Steigen begriffen ist.

Raoul Schrott

Raoul Schrott

Offenbar, weil die Sonne heißer geworden ist und das Eis an den Polen schmilzt. In Bombay, Bankok, Shanghai oder Hongkong waren keine solchen Schutzmaßnahmen erfolgt, was schließlich jene asiatischen Völkerwanderungen auslöste, denen sie an der Grenze die Stirn zu bieten hatten."

Klimawandel, Naturzerstörung, autokratische Regime, Gewalt und Terror vertreiben Menschen aus ihrer Heimat, Grenzen werden errichtet. Ein zweiter Ich-Erzähler berichtet aus dem Inneren eines Terrorregimes, das ihn selbst seit seinem 16. Lebensjahr als Soldat rekrutiert hat.

"Die Grundausbildung erfuhren wir in einem Vergnügungspark, der nie fertig geworden war. Danach wurde er dem arabischen Korps zugeteilt."

Verwirrend und mit ungeheurer Sogkraft

Wie eine Collage ist dieses Hörspiel nach dem Roman "An den Mauern des Paradieses" aufgebaut – eine Collage allerdings, in der die Trennlinien zwischen den verschiedenen Teilen und Handlungsebenen einander überlappen und verschwimmen. Das ist verwirrend, aber entwickelt dennoch eine ungeheure Sogkraft. Denn in dem ungemein kunstvoll komponierten Text sind überall rote Fäden auslegt, denen man gut folgen kann. Dieses Erzählprinzip wird sogar im Hörspiel selbst thematisiert.

"Diese Seiten schildern die Wahrheit und stellen dennoch eine Chimäre dar. Eine Mischung von Dialogen, sich aufdrängenden philosophischen Überlegungen, Zitaten und Anekdoten."

Ein Verwaltungsbeamter in Straßburg

Das ist nicht nur im Hörspiel, sondern auch in der Romanvorlage so raffiniert gemacht, dass man kaum glauben mag, "An den Mauern des Paradieses" sei das Einzelwerk eines literarischen Außenseiters. Denn Martin Schneitewind soll laut Angaben des Verlags ein Verwaltungsbeamter in Straßburg gewesen sein, bevor er 2009 im Alter von 64 Jahren verstarb. Sehr viel wahrscheinlicher ist, dass dieser Martin Schneitewind eine literarische Erfindung und sein Roman ein Gemeinschaftswerk der beiden Schriftsteller Raoul Schrott und Michael Köhlmeier ist. Zumal Köhlmeier dem Roman ein Nachwort mit der Lebensgeschichte Schneitewinds hinzugefügt hat, das einen Roman im Roman bildet. Allein wegen dieses Nachwortes lohnt bereits die Lektüre des Buches. Im Hörspiel taucht es nicht auf, das hätte den Rahmen gesprengt. Denn das Hörspiel ist eine sehr eigenständige akustische Adaption des Romans – und ein Hörgenuss.

Stand: 26.06.2019, 22:07