Buchcover: "Tell" von Joachim B. Schmidt

"Tell" von Joachim B. Schmidt

Stand: 01.07.2022, 07:00 Uhr

Wilhelm Tell, der Schweizer Nationalheld, ein Mann wie aus Stein und Erz gegossen. So sieht ihn die Legende. Doch wenn er nur ein geschundener mittelalterlicher Bauer war? Die Demontage einer Legende als Roman.
Eine Rezension von Jutta Duhm-Heitzmann.

Joachim B. Schmidt: Tell
Diogenes, 2022.
288 Seiten, 23 Euro.

"Tell" von Joachim B. Schmidt

Lesestoff – neue Bücher 01.07.2022 05:35 Min. Verfügbar bis 01.07.2023 WDR Online Von Jutta Duhm-Heitzmann


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Mann und Mythos, Sieger und Verlierer, Jäger und Gejagter– ist er überhaupt zu fassen, dieser Wilhelm Tell? So viele Stimmen, so viele Meinungen, so viele Perspektiven. Der Nachbar, missbilligend und hellsichtig.

"Querulant. Hetzt wieder über meine Wiesen, dieser. Aufwärts will er, immer aufwärts, wie ein glühender Funke überm Feuer."

Der Unterdrücker, der Habsburger Landvogt Gessler, bei ihrer ersten Begegnung:

"Könnte ein Schmuggler oder ein Jäger sein. Er hat einen buschigen, schwarzglänzenden Bart, trägt keine Kopfbedeckung. Flink und behände klettert er, scheint jünger zu sein, als er aussieht."

Der halbwüchsige Sohn, hinter ihm her keuchend, erschöpft, zornig und durch eine giftige Kreuzotter erschreckt:

"Schade hat sie ihn nicht gebissen, die Schlange. Dann wären wir nämlich umgekehrt. Aber selbst die Tiere weichen ihm aus, machen einen Bogen um ihn, als fürchten sie sich vor meinem Vater."

Sie alle umkreisen ihn, beobachten, hassen, verachten, rätseln. Warum jagt er ständig über die Berge? Was treibt ihn an? Doch der Mann im Zentrum des Kreises ignoriert sie, abweisend und wortkarg. Tell macht Angst, den anderen – und sich selbst. Denn jeder spürt, dass etwas in ihm brodelt, ein ungeheurer Zorn, der jederzeit ausbrechen und in unkalkulierbare Gewalt umschlagen kann. Nur der örtliche Pfarrer ahnt den Schmerz und die Scham dahinter: Tell gibt sich die Schuld am Tod seines jüngeren Bruders, der neben ihm auf dem Berg von einer Lawine mitgerissen wurde.

"Wieso ist Peter mit Wilhelm da hochgekraxelt? Wieso musste einer sterben, während ein anderer am Leben bleibt? (...) Kaum bei Kräften, (...) hat er da oben in den Felsen nach seinem Bruder gesucht, gesucht und gesucht."

Das ist ein völlig unbekannter Wilhelm Tell, den Joachim B. Schmidt hier vorstellt, gesehen durch die Augen von etwa einem Dutzend Menschen. Nicht der berühmte Freiheitskämpfer des Friedrich Schiller, sondern ein Bauer, der wie somnambul durch Leben stolpert und in einem besetzten Land, ausgebeutet und geschunden, sich gegen die sadistische Brutalität der Habsburger Soldaten nur mit Gewalt verteidigen kann. Der Autor erspart den Lesern dabei nichts, Krieg heißt nun mal Vergewaltigung, Hohn, Totschlag, Dreck, Willkür. Und das in einer Welt ohne Hoffnung, voller Krankheiten und Armut.

"Wieso wehrt sich dieses Volk gegen uns, verweigert den Schutz und den Fortschritt? Einige sind offensichtlich unterernährt, degeneriert, schielen oder haben Fehlbildungen oder von Blasen vernarbte Gesichter."

Joachim B. Schmidt, selbst in der Schweiz geboren, hat sich den Freiheitsmythos seiner Heimat von der Ferne aus vorgenommen. Der Schriftsteller lebt seit Jahren auf Island, wo ein Gespür für Schnee so wichtig fürs Überleben ist wie in den heimatlichen Alpen. Das Land, seine Unwirtlichkeit, seine grausame Schönheit färbt auch auf die Literatur ab, in Schmidts ungewöhnlichen Kriminalroman „Kalmann“ von 2020 ebenso wie auf diesen "Tell". Dazu die altisländischen Sagas, die der Autor für sich entdeckt hat, mittelalterliche Epen, die im 12./13. Jahrhundert geschrieben wurden, in jener Zeit, in der auch der Tell gelebt haben soll.

In kargschönen Versen singen sie vom Überleben in einem harten Land, von den Kämpfen zwischen Sippen, von Schlachten und Siegen, kriegerischen Helden und von der Trauer um die Getöteten. Ein eigenwilliges Volk - und den Schweizern darin gar nicht unähnlich.

"Sie leben nach ihren eigenen Gesetzen und verteidigen sich in der Not eben selbst.
Sie alle sind Tell."

Und das fließt nun zusammen in Schmidts verstörend realistischer Version vom Mythos Tell. Die moderne Art Menschen zu analysieren und ein archaisch anmutendes Mittelalter verbinden sich zu einem Roman, der bitter ist, vielstimmig – und doch zum Heulen bewegend und schön. Auch wenn trotz allem Realismus zum Schluss die Legende siegt.

"Wilhelm Tell ist in den Berg gegangen, und seither wacht er da oben über uns. So ist das. – In den Berg? – Schauen Sie mal hoch. Manchmal kann man sein Gesicht in den Felsen erkennen."