Eva Schmidt - Die untalentierte Lügnerin

Eva Schmidt - Die untalentierte Lügnerin

Eva Schmidt - Die untalentierte Lügnerin

Von Peter Henning

Das Monströse im Ungesagten – Eva Schmidt erzählt eindrucksvoll von der Rückkehr einer jungen Frau in ein abgelegtes Leben.

Eva Schmidt
Die untalentierte Lügnerin
Jung und Jung, Salzburg und Wien 2019
208 Seiten
22 Euro

Zurück in das Haus ihrer Kindheit

Nach zwanzigjährigem Schweigen hatte Eva Schmidt 2016 mit ihrem Roman "Ein langes Jahr" vielbeachtet wieder auf sich aufmerksam gemacht. Nun - drei Jahre später – hat sie nachgelegt. Und wieder ist ihr Erzählen in einem durchgängigen Moll gehalten. Im Zentrum steht Maren, die nach dem gescheiterten Versuch, Schauspielerin zu werden, in ihre Heimat zurückkehrt: zurück in das Haus ihrer Kindheit – und damit zurück zu ihrer Mutter Vera, einer ambitionierten Künstlerin, zu der sie keine Nähe entwickeln kann, und zu ihrem Stiefvater Robert, der sich – von der Ehe mit Vera frustriert – mit anderen Frauen abzulenken sucht. Und schnell wird klar, dass Maren die Rückkehr an jenen Ort, den sie einst für immer hinter sich zu lassen gehofft hatte, als Eingeständnis ihres Scheiterns begreift. Denn schon nach wenigen Tagen holen die alten, scheinbar ortsgebundenen Leiden die junge, psychisch labile Frau, die inzwischen lustlos als Museumsangestellte arbeitet, wieder ein.

"Nichts geht vorwärts“ dachte Maren. „Ich verbringe den Großteil meiner Zeit mit einer Arbeit, bei der ich nur herumsitze, lebe nach wie vor in Roberts Wohnung, schlafe mit den falschen Männern und bin nicht in der Lage, mir zu überlegen, wie mein Leben anders verlaufen könnte."

Ein anderes Leben

Maren gleitet ziellos durch die Tage, kränkelt und meldet sich krank, trifft ihren ehemaligen Freund Max – und fantasiert in der Zweitwohnung, die ihr Stiefvater ihr zur Verfügung gestellt hat, von einem anderen Leben. Das bleibt in ihren Vorstellungen aber so diffus und perspektivlos wie die Stimmung, die Schmidt mit ihren hart aneinander gereihten Sätzen hervorruft: es herrscht ein Klima des Stillstands und der Ausweglosigkeit:

"Ihre Welt war nicht nach und nach zusammengebrochen. Sie war von Anfang an gewesen, was sie war. Seit Jahren hatte sie hin und wieder Kopfschmerzen, eine Art Migräne, die mit plötzlichen Störungen begann. Bestimmte Farben, ein Muster, ein flackerndes oder gleißendes Licht konnte die Störungen auslösen. Sie versuchte sich zu entspannen, schloss die Augen, lehnte sich an die Wand. Doch es wurde immer schlimmer."

Oft wünschte sie sich die Menschen weg.

Eva Schmidt

Eva Schmidt

Langsam, und in Sequenzen von bisweilen lähmender Tristesse zeichnet Eva Schmidt das zwar verstörende, aber in sich stimmige Bild einer jungen Frau, der – so scheint es – auf Erde nicht zu helfen ist. Ihre Umwelt nimmt sie wie durch eine dicke, sie von allem abschließende Glasscheibe wahr. Und wenn sie es doch einmal darauf anlegt, das Glas zu zerschlagen oder zu durchstoßen, endet das Ganze im Schmerz und in der Erkenntnis, dass ihr der Übertritt in ein anderes, glückliches Leben versagt bleiben wird. Zwar findet sie eine Zeitlang Halt bei dem homosexuellen Alex und später bei dem Fotografen Thomas, dessen Assistentin sie am Ende wird.

Dauerhaft befreien aus ihrer Isolation aber können auch die beiden sie nicht. Immerhin aber gelingt es Maren schrittweise, sich den unklaren Absichten ihres Stiefvaters zu entziehen. Über ihren weiteren Weg aber lässt uns Schmidt im Unklaren.

"Oft wünschte sie sich die Menschen weg. Wollte allein sein in dieser Welt, in der sie sich selbst in manchen Augenblicken in einen stummen, leblosen Abguss verwandelt fühlte, nur Licht und Schatten, Staubpartikel in der Luft. Hell und Dunkel um sich herum. Sie stand auf, steckte sich eine Zigarette an, drückte sie aber nach wenigen Zügen wieder aus. Sie ging zurück zum Tisch, wo noch immer das Glas stand, trank en wenig Wasser. Sie dachte an gar nichts. Wollte an nichts mehr denken. Ihr Kopf war leer. Sie öffnete das Fenster, ließ frische Luft herein."

Menschliche Mini-Höllen

Mit ihrem neuen Buch schreibt Eva Schmidt ihre Erkundungen der "menschlichen Mini-Höllen", wie das ein Kritiker nannte, auf beeindruckende Weise fort - radikal fokussiert auf das bloße Zeigen bestimmter prekärer Zustände und Zusammenhänge. Ohne jegliche Zugeständnisse an Markt und Moden. Wie Eva Schmidt es dabei vermag, das Monströse im Verschwiegenen, Verleugneten oder Ungesagten zu beschwören, und fühlbar zu machen, das ist famos.

Eva Schmidt - "Die untalentierte Lügnerin"

WDR 3 Mosaik 16.07.2019 03:53 Min. Verfügbar bis 15.07.2020 WDR 3

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Stand: 15.07.2019, 15:25