Buchcover: "Die Verteidigung" von Fridolin Schley

"Die Verteidigung" von Fridolin Schley

Stand: 26.12.2021, 15:56 Uhr

1947: Der Jurastudent Richard von Weizsäcker verteidigt im sogenannten Wilhelmstraßen-Prozess seinen Vater Ernst von Weizsäcker. Fridolin Schley hat aus diesem historischen Ereignis einen eindringlichen Roman über Moral und Menschlichkeit gemacht. Eine Rezension von Andreas Wirthensohn.

Fridolin Schley: Die Verteidigung
Hanser Berlin, 2021.
269 Seiten, 24 Euro.

"Die Verteidigung" von Fridolin Schley

Lesestoff – neue Bücher 28.12.2021 05:24 Min. Verfügbar bis 28.12.2022 WDR Online Von Andreas Wirthensohn


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Erinnerungen an den Nationalsozialismus

Als sich 1985 das Ende des Zweiten Weltkriegs und der NS-Herrschaft zum vierzigsten Mal jährte, hielt der damalige Bundespräsident Richard von Weizsäcker eine Rede, die vielen noch heute als Meilenstein der Erinnerung an den Nationalsozialismus gilt. Darin nannte er den 8. Mai einen Tag nicht der Niederlage, sondern der Befreiung aus einem dunklen Abgrund. Und weiter hieß es darin,

"dass selbst wenn die meisten geglaubt hatten, für die gute Sache ihres Landes zu kämpfen und zu leiden, keiner, der Augen und Ohren aufmachte, die rollenden Deportationszüge leugnen konnte, er wird sagen, eine jüdische Weisheit laute, das Geheimnis der Erlösung heißt Erinnerung, und dass es keine endgültige moralische Vollkommenheit gibt, für niemanden und kein Land, denn als Menschen haben wir gelernt, wir bleiben als Menschen gefährdet."

Aber implizierte das nicht die jahrzehntealte Sichtweise, wonach eine verbrecherische Clique ein ganzes Volk in Geiselhaft genommen hatte, aus der es von den Siegermächten befreit wurde? Und bedeutet Erlösung, wenn wir uns nur genügend und angemessen erinnern, nicht eine Art Lizenz zum Schlussstrich? Richtig aber bleibt:

Wir sollten, so der Appell an die Deutschen, an diesem Tag der Wahrheit ins Auge sehen, so gut wir es könnten.

Kriegsverbrecher, Opfer oder Held?

Dass Richard von Weizsäcker selbst den Wahrheiten schon früh ins Auge blicken musste, zeigt Fridolin Schleys dokumentarischer Roman auf eindrückliche Weise. Er schildert in literarisch verdichteter Form den Prozess gegen Richards Vater Ernst und wirft noch einmal all die Fragen auf, die bis heute nicht abschließend geklärt sind:

Konnte man in der NS-Diktatur durch Mitarbeit im System Widerstand leisten? Musste man vielleicht sogar als hoher Diplomat bestimmten Gräueltaten seine Zustimmung erteilen, um Schlimmeres zu verhindern? War einer wie der SS-Brigadeführer Ernst von Weizsäcker Kriegsverbrecher, Opfer oder gar ein Held? Für den Sohn Richard geht es dabei, obwohl er zum Verteidigerteam gehört, nicht nur um juristische Kategorien:

"Manchmal hat Richard das Gefühl, der Vater verhülle noch etwas vor ihm, nicht bewusst, sondern weil er es seinerseits scheut und obwohl er stets betont, man müsse ihn als Menschen begreifen, um sein Handeln richtig beurteilen zu können. Doch was, wenn da gar nichts weiter ist, wenn es zwar einen Kern geben mag, dieser aber hohl ist und die Verschalung selbst das Eigentliche, die Trennung von Person und Sache, was, wenn die Taten, die ihm hier vorgeworfen werden, somit nicht im Kontrast stehen zu seinem Charakter, der sie in einem anderen Licht erscheinen lassen soll, sondern aus ihm erst mit hervorgegangen sind. Und hätte dann nicht auch er, Richard, wahrscheinlich etwas davon in sich?"

Schuld und Verantwortung

Aus stetig wechselnden Perspektiven, mit einer Erzählstimme, die den beteiligten Personen ganz nahe kommt und sich dann immer wieder von ihnen entfernt, stellt dieser Roman eindringliche Fragen: nach Moral und Menschlichkeit, nach Wahrheit und Wahrnehmung, nach der Schuld der Väter und der Verantwortung der Kinder.

Fridolin Schley hat Unmengen an Dokumenten und Literatur zum Thema verarbeitet, und doch gelingt es ihm auf sehr empathische Weise, das persönliche Drama der beiden Weizsäckers als exemplarisch für den deutschen Umgang mit den Menschheitsverbrechen des Nationalsozialismus darzustellen.

Beweggründe finden

Der Nachgeborene Schley will nicht urteilen oder gar verurteilen, sondern herausfinden, warum selbst ein Mann wie Richard von Weizsäcker die Verurteilung seines Vaters noch Jahrzehnte später für "moralisch ungerecht" hielt.

Und warum selbst Ikonen des deutschen Nachkriegsjournalismus wie Margret Boveri und Marion Gräfin Dönhoff den Menschen für einen Helden hielten, der sein Tun gegenüber dem Chefankläger mit folgenden Worten verteidigte:

"Als Kempner den Vater einmal fragte, wie er diese Mordsachen bloß mitzeichnen konnte, hat er geantwortet: Ich bezeichne sie so nicht. Statt von Ermordung der Juden sprach er von Eingriff in ihr Leben."

Lebendige Erinnerung

In diesem ungeheuer dicht erzählten und lesenswerten Roman verschlägt es einem nicht nur ob solcher Sätze  immer wieder die Sprache. Vor allem aber wird deutlich: Es gibt nicht die Erinnerung, auf die sich irgendwann alle verständigen.

Erinnerung ist etwas, das sich ständig verändert, das immer wieder neu befragt und bewertet werden muss. Und schon deshalb wird sie uns nie erlösen vom dunkelsten Kapitel deutscher Geschichte.