Michael Angele - Schirrmacher. Ein Portrait

Michael Angele - Schirrmacher. Ein Portrait

Michael Angele - Schirrmacher. Ein Portrait

Von Oliver Pfohlmann

Stilprinzip Überrumpelung - Michael Angele porträtiert den 2014 verstorbenen Publizisten und FAZ-Mitherausgeber Frank Schirrmacher.

Michael Angele
Schirrmacher - Ein Portrait

Aufbau Verlag, Berlin 2018
222 Seiten
20 Euro.

72

Die wohl erstaunlichste Zahl in Michael Angeles Frank-Schirrmacher-Porträt lautet: 72. So viele Personen durften sich vor vier Jahren in der FAZ an den Publizisten erinnern, nach dessen überraschendem Tod im Alter von 54 Jahren. Kein Helmuth Kohl, kein Stephen Hawking wurde mit solch einer Nachruf-Flut verabschiedet. Schirrmacher selbst hätte das wohl für ebenso angemessen gehalten wie die Gedenkfeier in der Frankfurter Paulskirche. Immerhin hielt sich der Mitherausgeber der FAZ für den größten Publizisten seit Martin Luther. Was zumindest nicht ganz so vermessen klingt, wenn man sich daran erinnert, dass dieser „Dirty Harry des Feuilletons“ praktisch alle wichtigen intellektuellen Debatten der letzten Jahrzehnte mitgeprägt hatte. Meist war es sogar so, dass Schirrmachers Beiträge sie überhaupt erst ins Rollen brachten. Oder sie in eine ganz andere Umlaufbahn hoben. Wie die Diskussion um die Rechtschreibreform, bei der sich Schirrmacher erst spät einschaltete, dann aber gleich zu zivilem Ungehorsam à la Stauffenberg aufrief. Ein Beispiel dafür, wie Schirrmacher die Bedeutung seiner Themen mitunter bis zur Lächerlichkeit hochjazzte, so Michael Angele:

"Worüber auch immer Schirrmacher schrieb, stets lautete der Begleittext: Groß ist die Sache, von der ich schreibe (sonst schreibe ich gar nicht). Seine Texte waren oft witzig und oft raffiniert, bescheiden waren sie nie. Wer bei Schirrmacher nach einem Stilprinzip sucht, findet es ex negativo in der Furcht vor dem Unbedeutenden."

Ein Rauschmensch

Kein Wunder, dass Frank Schirrmacher schon früh zur literarischen Figur wurde, bei Eckhard Henscheid etwa oder Rainald Goetz. Wer aber war Schirrmacher wirklich? Und wie konnte dieser Beamtensohn aus Wiesbaden innerhalb weniger Jahre vom Literaturkritiker zum wohl einflussreichsten Journalisten der Bundesrepublik aufsteigen?

Frank Schirrmacher

Frank Schirrmacher

Fragen wie diese stehen im Zentrum von Angeles Porträt. Die Themen von Schirrmachers Bestsellern dagegen – die Überalterung der Gesellschaft, die Schuldenkrise, die Folgen der Digitalisierung – kommen nur am Rande vor. Was wohl auch daran liegt, dass Angele mit dem apokalyptischen Ton des späten Schirrmacher nur wenig anfangen kann. Gewiss, sein Porträt – Biografie wäre zu viel gesagt – tendiert etwas zum Klatsch. Auch nerven die reportagehaften Schnörkel, wie die Plauderei mit Zeitzeugen "bei einer Portion Semmelknödel". Dennoch lohnt die Lektüre, zeichnet Michael Angele doch das luzide Psychogramm einer schillernden Persönlichkeit voller Widersprüche und Idiosynkrasien.

Daher sei Schirrmacher weit mehr als nur ein "Machtmensch" gewesen; einen seiner Gesprächspartner zitiert Michael Angele mit den Worten:

"Der richtige Machtmensch geht nur nach Macht, er will den anderen nicht bezaubern und ihm gefallen. Schirrmacher war ein Rauschmensch: Der George-Kreis. Das Genom. Das sind die stärksten Rauschmittel. Mit Benn gesprochen: Die Wallungswerte."

Ein Erregungstechniker

Als Journalist war Frank Schirrmacher, so Angele, daher ein "Erregungstechniker". Durch gezielte Provokationen und Regelverstöße versetzte er das Publikum ein ums andere Mal in produktives Staunen. Mit seinen journalistischen Tabubrüchen ähnelte der Publizist einem Trickster, einem Schelm, mit all der moralischen Ambivalenz, die dieser mythologischen Figur zu eigen ist. Allein sein kometenhafter Aufstieg bei der FAZ: mit 29 Jahren Nachfolger von Marcel Reich-Ranicki als Literaturchef, mit 34 Aufstieg in die Riege der Herausgeber. Möglich war das nur durch viel Chuzpe und Kniffe von geradezu Felix-Krull-haftem Charme. Schirrmachers journalistische Coups zeichnete dagegen vor allem ein Moment der Überrumpelung aus, erklärt Angele:

"Dass Schirrmachers Debatten mit einer Überrumpelung einsetzen konnten, ist offenkundig: der offene Brief an Martin Walser über sein noch gar nicht veröffentlichtes Buch. Das Interview mit Grass über die SS. Die mit betriebene Publikmachung des privaten Anrufes von Wulff an Diekmann. Und wo es Überrumpelung nicht ganz trifft, ist doch immer etwas Überwältigendes im Spiel."

Stand: 30.05.2018, 17:03