Johann Scherer - Unheimlich nah

Buchcover: "Unheimlich nah" von Johann Scherer

Johann Scherer - Unheimlich nah

Von Simone Hamm

Niemals allein. Ein Leben mit Personenschützern. Johann Scheerer erzählt vom Leben nach der Entführung des Vaters.

Johann Scherer: Unheimlich nah
Piper Verlag, München 2021.
331 Seiten, 22 Euro.

Johann Scheerer: "Unheimlich nah"

WDR 3 Buchkritik 01.03.2021 05:51 Min. Verfügbar bis 01.03.2022 WDR 3


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Eine Jugend unter ständiger Beobachtung

"Unheimlich" nah sind Johann Scheerer die Wachleute gekommen. Sie sollen ihn und die Familie jetzt beschützen, denn es gibt Statistiken, die besagen, dass in einer Familie, in der schon einmal jemand entführt und Lösegeld bezahlt worden ist, auch ein anders Familienmitglied entführt werden kann.

Scheerer beschreibt, wie es ist, rund um die Uhr von Sicherheitspersonal bewacht zu werden. Wie es war, als er sich zum allerersten Mal verliebt hat. Wie er Laura von der Schule nach Hause begleitet und die Limousine mit den Sicherheitsleuten im Schritttempo hinterherfährt. Wie sie zusehen, als die beiden sich küssen. Wie er versucht, denen zu entkommen, die ihn schützen wollen:

"Immer wieder verwandelte sich das mich beschützende Auto in meiner Vorstellung in ein Auto, vor dem ich mich schützen musste. Freund und Feind wechselten imaginativ sekündlich die Rollen. Schreckensgestalten. Mit jedem Tritt in die Pedale versuchte ich, dem Angreifer zu entkommen. Ich fühlte mich wie in einer James-Bond-Verfolgungsjagd. Mein Herz raste. Nicht nur vor körperlicher Anstrengung. Es war die Aufregung der Vorstellung, ich würde tatsächlich verfolgt. Es fühlte sich so real an, dass ich wirklich Angst bekam. Und verfolgt wurde ich ja auch. Wirklichkeit und Vorstellung verschmolzen zu einem bizarren Gefühl des Gejagtwerdens. Wer war ich?"

Der Wunsch nach Selbstbestimmtheit

Diese Frage durchzieht den ganzen Roman. Johann Scheerer ist sich seiner - trotz allem - privilegierten Stellung bewusst, und wenn er es nicht wäre, brächten ihn seine Mitschüler darauf. Er versucht gar nicht erst, zu erklären, wie sehr ihn das ständige Beobachtet Werden belastet. Er glaubt nicht, dass irgendjemand das verstehen könnte.

Er hört ihr Getuschel, er sei weich gefallen. Das ist so ganz falsch nicht. Auch für ihn fühlt es sich an, als sei er weich gefallen. Und zwar so, als sei er in weichen Treibsand gefallen. Er hat sich nichts gebrochen, aber er versucht verzweifelt, zu entkommen. Nicht tiefer einzusinken. Unabhängig zu werden. Selbstbestimmt. Frei.

Eine Selbstanalyse ohne Mitleid

Glasklar und ziemlich mitleidlos analysiert Scheerer sich. Er bringt mit dem Fahrrad Medikamente aus der Apotheke in Altenheime. Die alten Leute erwarten ihn schon, freuen sich. Eine alte Dame kommt ihm jedes Mal ein Stückchen mehr entgegen. Schließlich steht sie am Eingang des Heims. Sie steckt ihm ein fürstliches Trinkgeld zu, weil man als junger Mensch doch mehr Geld brauche. Scheerer fürchtet, sie könne die schwarze Limousine sehen, die ihm auf Tritt und Schritt folgt. Und alles könne sich umkehren:

"Die alte Dame hatte sich bis hierhin vorgearbeitet. In die Zone meines Lebens, in der ich nicht der unbedarfte Teenager war, der kam, um zu helfen. Hier draußen war ich der, dem geholfen werden musste."

Scherer macht nicht den Fehler, in einer Jugendsprache aus der damaligen Perspektive zu erzählen. Seine Sprache ist präzise gewählt, anspruchsvoll und doch leicht und flüssig zugleich. "Unheimlich nah" hat zwei sprachliche Ebenen. Die Stimme des Erzählers, der aus der Jetztzeit zurückblickt, ist die Stimme eines gebildeten jungen Mannes. Der Einfluss des sprachgewaltigen Vaters, der Johann Scheerer lehrte, Worte genau und sicher zu verwenden, ist groß. Punk, gefärbte Haare, Piercing hin oder her.

Seine Freunde und sich selbst lässt er in wörtlicher Rede den Slang der neunziger Jahre sprechen, da ist alles voll gut oder echt schön oder krass Scheiße. Seinen Platz findet er dennoch nicht. Weder in der einen noch in der anderen Welt.

Nicht wissen, wo man hin gehört

Er weiß nicht, wo er hingehört, ist hin und hergerissen zwischen der häuslichen Geborgenheit, den coolen Bodyguards und den punkigen Freunden.

"Alles in allem war ich zu einem bizarren Zwitterwesen aus gänzlich konträren modischen und politischen Strömungen geworden. Schon meine Mofakluft war zu sauber und zu teuer gewesen, um wirklich cool zu sein. Völlig abgerissen wollte ich aber auch nicht rumlaufen. Auf der einen Seite der Einfluss von Ex-Bundeswehr- und SEK-Beamten und Schießübungen durchführenden Polizisten. Auf der anderen Seite Punkmusiker, linke Marktstraßen-Ladenbesitzer und dazu noch die Fürsorge meiner Mutter, die meine Secondhandklamotten bügelte, wenn ich mal nicht aufpasste. Ich war mehr als gespalten, wenn es zu meiner Einstellung kam. Eher zersplittert. Es tobte ein Dreifrontenkrieg. Nicht nur optisch fühlte ich mich nicht richtig zusammengefügt. Meine Teile passten weder außen noch innen."

Er gründet mit Freunden eine Punkband, bekommt sogar einen Plattenvertrag, tritt auf. Bei Konzerten, die er mit seiner Indie Punkband gibt, stehen die Sicherheitsleute im Publikum, in schwarzen Anzügen, dicken Stiefeln, Knopf im Ohr. Nicht gerade unauffällig. Er aber will als Sänger wahrgenommen werden, nicht als der mit den Bodyguards.

Ein spannender Roman, der einer universellen Frage nachgeht

Aber Scherer schreibt nicht nur von sich und seinen Freundinnen, die seine Zwiespältigkeit bald nicht mehr ertragen können. Anrührend sind vor allem die Stellen in "Unheimlich nah", in denen er sich dem verschlossenen, lese - und schreibwütigen Vater Jan Philipp Reemtsma nähert. Das lässt erahnen, wie die Entführung dem feinen Literaten und Wissenschaftler und seiner kleinen Familie zugesetzt hat. Körperlich. Seelisch.

"Für mich fühlte es sich so an, als würde er sich Wort für Wort der Dinge um sich herum immer wieder aufs Neue versichern wollen. Dass alles noch an seinem Platz war. Mein Vater selbst aber war fort. Vor ein paar Jahren war er zurückgekommen, hatte aber einen Teil von sich nicht wieder mitgebracht. Nun suchte er unaufhörlich danach, ohne es selbst zu merken."

Auch der Sohn ist auf der Suche. An dieser Suche lässt Scheerer die Leser, die Leserinnen teilnehmen, ohne sich zu schonen. "Unheimlich nah" ist ein spannender Bildungsroman, der vom Erwachsenwerden handelt. Von der universellen Frage: wer bin ich? 

Stand: 28.02.2021, 20:09