Ariel Magnus - Die Schachspieler von Buenos Aires

Ariel Magnus - Die Schachspieler von Buenos Aires

Ariel Magnus - Die Schachspieler von Buenos Aires

Von Fabian May

Die Realität spielt immer Schwarz
Vom Leben seines Großvaters als junger Mann und dem Schachspiel als Metapher für so ziemlich alles: Ariel Magnus’ Die Schachspieler von Buenos Aires ist existenziell und metaliterarisch verspielt zugleich.

Ariel Magnus
Die Schachspieler von Buenos Aires

Aus dem Argentinischen Spanisch von Silke Kleemann
Kiepenheuer & Witsch, Köln 2018
336 Seiten
22 Euro

Ariel Magnus’ zweites auf Deutsch vorliegendes Buch beginnt mit einer Warnung:

"Dieser Roman ist von der ersten bis zur letzten Zeile ein Werk der Fiktion. Viele der vorkommenden Figuren sind jedoch absichtlich der Realität (einschließlich der fiktiven Realität der Literatur) entnommen, sodass jede Ähnlichkeit mit unserer Welt (beziehungsweise unseren Welten) kein reiner Zufall ist."

Der 42-Jährige erzählt von Schach, von Liebe und Krieg, in denen bekanntlich alles erlaubt ist, und von seinem echten Großvater – Heinz Magnus. Dessen Tagebücher hat er gefunden und verarbeitet.
Es ist Herbst 1939. Wir erleben Heinz im Alter von 26, ein junger ausgewanderter Jude aus Hamburg mit dem Traum Schriftsteller zu werden wie sein Lieblingsautor Stefan Zweig. Überanstrengt und doch ruhelos irrt er durch Buenos Aires, diese neue Stadt in diesem neuen Land, auf der Suche nach Anschluss, Inspiration und der Liebe. Es ist der Vorabend des Zweiten Weltkriegs. Und bald wird am Verhalten eines französischen Schachspielers ersichtlich, warum der Roman im Original mit „Ein Kriegsroman“ untertitelt ist:

"Am Abend nach der Kriegserklärung war [Aristide] Gromer bei uns, als auf einmal Eliskases, der deutsche Meister, vor uns vorbeilief. Die Blicke der beiden kreuzten sich, wie fragend, aber... sie grüßten sich nicht. Gromer las in meinen Augen die Frage, die sich ihren Weg bis zu den Lippen kämpfte und antwortete: Wir sind im Krieg."

Der Mann, den es nicht gab.

Es ist jenes Turnier, zu dem die Schiffspassagiere aus Stefan Zweigs Schachnovelle unterwegs sind. Schachspieler und Exilanten aller Länder bevölkern die nächtlichen Straßen – viele werden nach dem Turnier in Argentinien bleiben. Von Bord geht auch der begabte Schachspieler Mirko Czentovic. Er könnte den Weltmeister Alexander Aljechin vom Thron stoßen – er hat nur ein Problem: Es gibt ihn nicht wirklich.

"Ich komme aus den USA, bin aber an der Donau zur Welt gekommen, radebrechte der andere [...]. Ich bin ein Schachmeister, aber fiktiv. Aus einem Roman von Stefan Zweig, falls Sie den kennen. – [...] Ein fiktiver Meister, sagen Sie? – So ist es, deshalb erkennt man mich hier nicht an und will mich nicht gegen Aljechin spielen lassen. [...] – Wie war noch gleich Ihr Name? – [...] Czentovic. Mirko Czentovic. Vielen Dank für den Kaffee."

Quicklebendige Gegenrede

Ariel Magnus

Ariel Magnus

Heinz Magnus kann diesen Namen noch nicht kennen – die Schachnovelle gab es damals noch nicht. Das ist typisch für Ariel Magnus’ literarisches Vorgehen, bei dem er wie ein romantischer Erzähler sprunghaft mal von diesem Zeitungsausschnitt und mal aus der Sicht jener Figur erzählt:

Er lässt sich von den schnöden Fakten nicht bremsen. Auch nicht von der Realität, dass sein Großvater tot ist. Er lässt den eigenwilligen Vorfahren aus seinem Tagebuch herausklettern und ihm quicklebendig Gegenrede leisten.

"Sprechen wir von Frauen, Heinz. Sprechen wir zunächst mal über deine Deutschkenntnisse, mein lieber Enkel. Wo hast du her, dass die argentinischen Frauen dumm sind, tontas, wie du in der Übersetzung meines Tagebucheintrags schreibst? [...] Ich habe geschrieben, dass sie rar sind, dünn gesät, nicht dumm. Das Problem ist deine Scheißhandschrift, Großvater. Es gibt im Roman auch eine Liebesgeschichte. Heinz trifft auf das angriffslustige deutsche Fräulein Sonja Graf, das es wirklich gegeben hat. Hitler will sie nicht am Turnier teilnehmen lassen, darum spielt sie unter einer fiktiven Flagge. Immer wieder laufen sich die beiden in der Fiktion über den Weg."

"Endlich sind Sie gekommen, um mich spielen zu sehen, ich war schon fast beleidigt, schmetterte Sonja Heinz entgegen [...]. Beleidigt? Sonjas Beschwerde überrumpelte Heinz Magnus, der es plötzlich heftig bereute, seine Schwester mitgebracht zu haben [...]. Ich bitte um Entschuldigung, ich war sehr damit beschäftigt, ins Kino zu gehen. Sonja lächelte, ebenfalls überrumpelt. Plötzlich wurde ihr bewusst, dass sie es mit einem Menschen zu tun hatte, der ausreichend seltsam war, um seine ironischen Bemerkungen nicht verstehen zu können, so es denn eine gewesen sein sollte. Es beruhigte sie ein wenig, ihn in Begleitung einer Frau zu sehen, denn das nahm ihr die Verantwortung, ja die Pflicht, ihn verführen zu müssen oder wenigstens zu erreichen, dass er sie begehrte [...]."

Ein Spiel mit Möglichkeiten

Magnus schreibt leichtfüßig und nuanciert, wechselt gern mal mitten im Satz den Kurs. Einer so präzise erzählenden Stimme wie der von Ariel Magnus vertraut man gern. Dabei bringt sie einen in "Die Schachspieler von Buenos Aires" immer wieder bewusst ins Schleudern. Denn so gemeißelt die Sprache, so heillos zufällig zeigt sie das Geschehen. Seiten und Seiten ist zu lesen, wie alles auch anders hätte kommen können. Die Fiktion stellt hier eine erschreckende Wahrheit aus: Was uns selbstverständlich erscheint, ist nur unter einer schwindelerregenden Zahl von Vorbedingungen so. An jeder Abzweigung warten alternative Verläufe auf Erkundung.

Dieses Spiel mit Möglichkeiten ist gewissermaßen die Kernkompetenz von Literatur. Und Schach ist mit seinen virtuell unendlichen Spielverläufen schon immer eine beliebte Metapher für dieses Spiel gewesen. Magnus’ Einsatz des Schachmotivs ist letztlich ein sehr klassisches Gedankenspiel über die historische Handlungsmacht des Individuums: Was passiert, wenn die Figuren gegen den Masterplan aufbegehren? Aber es ist äußerst gelungen umgesetzt – in der Tradition von Magnus großem Landsmann Jorge Luis Borges, der das Abgründige stets sehr atmosphärisch erzählte.

Enden wir in diesem Sinne mit Heinz Magnus inmitten einer Gruppe Anarchisten, die den Lauf des Turniers und der Geschichte abändern will und denen Heinz’ vorschlägt, etwas zu unternehmen, etwas "Konkretes":

"Die Aufforderung schlug ein wie eine Bombe. [...] „Ein Attentat, einverstanden“, sagte endlich einer mit Schnauzbart. „Nein, etwas so Konkretes meinte ich nicht“, erschrak Heinz Magnus, der vor allem Pazifist war (auch wenn es in diesem Moment nicht darum ging, was man vor allem war, sondern wozu man nach allem bereit sein würde)."

Ariel Magnus: "Die Schachspieler von Buenos Aires"

WDR 3 Forum 01.08.2018 05:50 Min. WDR 3

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Stand: 31.07.2018, 13:08