Jocelyne Saucier - Niemals ohne sie

Jocelyne Saucier - Niemals ohne sie

Jocelyne Saucier - Niemals ohne sie

Von Christian Kosfeld

Saucier spielt in ihrem fast surrealen Roman mit Perspektiven und Stimmungen. Auf dem Hörbuch wird das von dem Star-Ensemble großartig umgesetzt. Ein Familien-Kosmos, mit komischen, erschreckenden, anrührenden Figuren und Begebenheiten.

Jocelyne Saucier
Niemals ohne sie

Ungekürzte Lesung mit Devid Striesow, Claudia Michelsen,
Anna Thalbach, Sabin Tambrea, Robert Stadlober, Benno Fürmann
Random House
ISBN: 978-3-8371-4689-9
7 CDs

Jocelyne Saucier

Jocelyne Saucier

Dass sechs Sprecherinnen und Sprecher sich für eine Hörbuch-Produktion zusammen finden, ist nicht gerade gewöhnlich. Doch an dem Roman "Niemals ohne sie" von der kanadischen Autorin Jocelyne Saucier (Joslín Sossié) ist vieles ungewöhnlich: die Story, die Protagonisten, die Sprache, und die Erzählperspektiven. Saucier wurde 1948 geboren, arbeitete als Journalistin. Mit ihrem Roman "Ein Leben mehr" gelang ihr 2015 der internationale Durchbruch als Schriftstellerin. In ihrem neuen Roman erzählt sie von einer sonderbaren Familie in einem kleinen Ort in den Wäldern Kanadas. Die Cardinals sind ein wilder Familienclan mit 22 Kindern, der Vater ist Minenarbeiter, sie leben in ein ungewöhnliches, chaotisches Leben.

Die Familiengeschichte wird im Rückblick erzählt von sechs der inzwischen erwachsenen Kindern erzählt. Jetzt ist das Hörbuch bei Random House erschienen, gelesen von einem Star-Ensemble: Claudia Michelsen, Devid Striesow, Anna Thalbach, Sabin Tambrea, Robert Stadlober und Benno Fürmann.

Jocelyne Saucier - Niemals ohne sie

WDR 3 Buchrezension 23.05.2019 05:53 Min. Verfügbar bis 22.05.2020 WDR 3

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Eine besondere Familie

Devid Striesow

Devid Striesow

Die Cardinals sind keine gewöhnliche Familie. Sie haben keine Angst vor nichts und niemandem, leben in einem riesigen Haus, die Mutter geht im chaotischen Alltag auf, die Kinder kümmern sich umeinander. Der Vater arbeitet in einer Zink-Mine, wie alle Männer in der abgeschiedenen Gegend in Kanada.

Es gibt ein Familienritual: wenn eines der Kinder sieben Jahre alt wird, dann darf es mit Dynamit im Wald eine Sprengung vornehmen. Davon erzählt Matz, der jüngste der Familie, naiv und kindlich-staunend gesprochen von Devid Striesow:

"Die Sprengung war chaotisch, dilettantisch, sogar unfreiwillig komisch. Kein Vergleich zu denen im Sommer oder Winter, die sich als große Blüte über den Boden ausbreiteten, ebenmäßig und wunderschön, als Wolke in den Himmel stiegen, oder als feiner Regen zu Boden sanken. Während das Echo der Detonation in der Stille des Waldes verklang, begann unser Vater zu singen: Zum Geburtstag viel Glück lieber Dannyyyy – zum Geburtstag viel Glück, wobei seine hohe Stimme im Chor der anderen unter gingen, die mit einstimmten, zum Geburtstag viel Glück"

Ein Gewirr aus Zimmern und Türen und Küchen

Matz bewundert seinen schweigsamen, seltsamen Vater, der sich ganz der Arbeit in der Mine verschrieben hat, auch im Keller des Hauses Gesteinsproben sammelt. Er liebt seine vielen älteren Geschwister, die Spitznamen tragen: Zorro, Gelber Riese, Geronimo, El Toro, die älteste Schwester heißt Jeanne d'Arc. Deren Part liest Claudia Michelsen. Und ihr gelingt es auf atemberaubende Weise, in die Familiengeheimnisse vor zu dringen, und dabei mit ihrer Stimme in Jeannes Erinnerungen scheinbar zu altern.

Claudia Michelsen

Claudia Michelsen

"Wir lebten in einer wunderbaren Anarchie, und ich liebte dieses Haus. Die Türen knallten, die Treppen zitterten, Wände bebten, das Haus pulsierte vor Leben, und ich führte die Aufsicht. Ich fegte, putzte, schrubbte und wühlte mich jeden Morgen durch endlose Wäscheberge, jagte den Wollmäusen nach, bekämpfte die Unordnung in den Zimmer, schaffte es aber immer nur, sie zu verlagern. Kurz: ich herrschte über das allgemeine Durcheinander. Die vier Wohnungen boten uns ein herrlich bizarres Zuhause, ein Gewirr aus Türen und Küchen, das perfekt zu unserem chaotischen Leben passte. Damals lernte ich die Unordnung zu schätzen. Meine Kinder und vor allem meine Ehemänner litten später ehr unter dieser Vorliebe. Sie haben mich alle verlassen"

Erzsucher des Jahres

Schauspielerin Anna Thalbach

Anna Thalbach

Alle Kinder sind bereits erwachsen, viele leben in anderen Ländern, in unterschiedlichen Verhältnissen. Die Groß-Familie trifft im Jahr 1995 wieder zusammen, als der Vater zum "Erzsucher des Jahres" gekürt wird. Anna Thalbach spricht Tommy. Sie erzählt, wie in den 70ern die Minengesellschaft den Ort Norco aufgab. Der Vater suchte auf eigene Faust illegal Erze und Gold, und die Cardinal-Kinder gewannen die Herrschaft über den verfallenden Ort.

Sabin Tambrea und Paula Beer bei den Dreharbeiten zu Ludwig II.

Sabin Tambrea

"Wir befanden uns im Krieg, gegen die Muskelpakete, die die Grube demontierten, gegen ihre Sklaven, die ehemaligen Bergleute und zukünftigen Arbeitslosen von Norco, die ihnen halfen, das Eisen und das Holz auf Lastwagen zu stapeln. Gegen die Landeier der Dörfer, die zum Saufen in unsere Hotels kamen und dumme Sprüche über die Katastophe klopften, gegen das allgemeine Heulen und Zäheklappern, gegen die Mächte aus dem Erdinneren, die unseren Zink mit einem Fluch belegt hatten, gegen die brütende Hitze, die uns nachts Albträume bescherte. Ich glaube, wir hatten der ganzen Welt den Krieg erklärt."

Tommys Zwillingsschwester Angeline

Nach Tommy berichtet der mittlere Bruder El Toro, der inzwischen als Journalist in aller Welt recherchiert, von seinen Erlebnissen. Er wird von Sabin Tambrea geprochen. Immer mehr kommt über Tommys Zwillingsschwester Angeline zur Sprache. Sie kam bei einer Explosion in der Mine um, die der Vater und sein anarchischer Sohn Geronimo betrieben.

Robert Stadlober mit schwarzem Hut, blickt in die Kamera

Robert Stadlober

Davon erzählt Emilien, der älteste Sohn, interpretiert von Robert Stadlober.

"Die Ader war tafelförmig. 60 mal 120 Zentimeter schönstes, opalisierendes Weiß, durchsetzt mit goldenen Streifen, und verlief in nordwestlicher Richtung mit einer Neigung von 45 Grad, sodass man ihr in einem Gang folgen musste, der geradegenug Platz für zwei Männer, einen Bohrknecht und einen Kompressor bot. Der beengte Raum verlangte ein bedachtsames Vorgehen und eine große Erfindungsgabe. Und man durfte sich keinen Fehler erlauben."

Ein Hörbuch mit Star-Ensemble

Porträt von Benno Fürmann

Benno Fürmann

Auf der siebten CD ist Benno Fürmann als Geronimo zu erleben, ein starker, gefährlicher Charakter. Am Ende setzt sich die Familiengeschichte zu einem faszinierenden, sonderbaren Gesamtbild zusammen. Saucier spielt in ihrem fast surrealen Roman mit Perspektiven und Stimmungen. Und auf dem Hörbuch wird das von dem Star-Ensemble großartig umgesetzt. Die unterschiedlichen Stimmen, Sprechhaltungen, auch Lesarten des Romans entfalten eine Sog-Wirkung, mit komischen, erschreckenden, anrührenden Figuren und Begebenheiten. Ein wundersamer Roman, ein wunderbares Hörbuch.

Stand: 23.05.2019, 09:00