Saša Stanišić - Herkunft

Saša Stanišić - Herkunft

Saša Stanišić - Herkunft

Von Hans-Peter Kunisch

Der deutsch-bosnische Schriftsteller Saša Stanišic findet in seinem autobiografischen Erinnerungsbuch "Herkunft" einen undogmatischen Weg, sich über sein Leben zwischen zwei Welten klar zu werden.

Saša Stanišić
Herkunft

Luchterhand Literaturverlag, München 2019
355 Seiten
22 Euro

Roter Stern Belgrad

Es gibt einige Dinge, die von heutigen Bewohnern Ex-Jugoslawiens und seinen Emigranten gleichermaßen vermisst werden. Etwa die Fußball-Mannschaft von Roter Stern Belgrad, die 1991 den "Europa-Pokal der Landesmeister" gewann, wie die "Champions League" damals hieß. Im Halbfinale traf Roter Stern auf Bayern München:

"Im Mittelfeld wirbelte Prosinecki die Bayern immer wieder durcheinander. […] Ein Jugoslawe wie ich. Mutter Serbin. Vater Kroate. […] Hinten machte Refik Sabadanovic die Räume eng, ein unbequemer Bosnier, stämmig, aber schnell. Mein Lieblingsspieler lümmelte vor dem gegnerischen Strafraum scheinbar schläfrig herum: Darko Pancev, genannt Kobra. Der mazedonische Stürmer, Torschütze im Hinspiel, lief immer leicht vorgebeugt über den Platz, die Schultern hochgezogen, als ginge es ihm ausgerechnet heute nicht so gut. Die krummsten Beine des Universums, ich hätte auch gerne solche gehabt."

Saša Stanišić - Herkunft

WDR 3 Mosaik 06.05.2019 05:30 Min. WDR 3

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Am Rand des sozialen und des körperlich ertragbaren Lebens

Kurz nach dem Gewinn des Europa-Pokals durch Roter Stern, begannen in Slowenien Ende Juni 1991 die Kriegshandlungen. Ein Jahr später, als die bosnischen Serben Višegrad besetzten, entschlossen sich die Eltern von Stanišic - eine bosnische Muslimin und ein Serbe - zur Flucht. Während es Schüler Stanišic in der Internationalen Gesamtschule Heidelberg unter anderen Ausländern ordentlich ging,

"[…] führte die Arbeit meine Eltern an die Ränder des sozialen und des körperlich ertragbaren Lebens. Vater verbrachte seines auf Baustellen in Ludwigshafen und in der brandenburgischen Provinz. Er machte sich den Rücken kaputt und war nur an den Wochenenden zuhause. Mutter starb tausend heiße Tode in der Wäscherei. Als nicht-deutsche Frau, vom Balkan gar, stand sie auf der untersten Stufe der Beschäftigungstrittleiter."

Floskelfrei wie phantasievoll

Die Mutter, in der Unterschicht aufgewachsen und an der Universität zur Marxismus-Lehrerin ausgebildet, dürfte das in ihrer Weltsicht bestätigt haben. Der Vater, in Višegrad Betriebswirt mit Schwerpunkt Logistik, muss sich wie strafversetzt vorgekommen sein.

Saša Stanišić

Saša Stanišić

Indem Stanišic in “Herkunft“ in seine Migranten-Existenz zurückkehrt, scheint er Maxim Billers Polemik gegen seinen Uckermark-Roman "Vor dem Fest" recht zu geben. Biller hatte Stanišic und anderen Migranten in der „Zeit“ vorgeworfen, sich dem deutschen Literaturbetrieb anzupassen, statt weiterhin „welthaltige“ Geschichten aus ihrem Leben zwischen den Ländern zu erzählen. Doch "Herkunft" ist eher eine gelassene Antwort auf die Vorwürfe, ohne sie überhaupt zu erwähnen. Stanišics Kunst ist so floskelfrei wie phantasievoll, so humorvoll wie lakonisch und bleibt himmelweit von Billers notorischem Skandal-Gestus entfernt.

Kulturen vereint in Neonlicht und Benzingeruch

"Die soziale Einrichtung, die sich für unsere Integration am stärksten einsetzte, war eine abgerockte Aral-Tankstelle."

Sie stand in Heidelberg-Emmertsgrund, dem Beton-Vorort in Neckarnähe, in dem Stanišics in einem winzigen Bungalow lebten. An der Tankstelle erlebte Saša:

"Kulturen vereint in Neonlicht und Benzingeruch. Auf dem Parkplatz lernten wir voneinander falsches Deutsch und wie man Autoradios wieder einbaut. […] An Sonntagen war es besonders schön. Mittags gesellten sich die Polen nach der Kirche dazu und soffen sich langsam in den Nachmittag hinein. Großzügige, blonde Männer, noch leicht benommen vom Blut Christi, mit schmalen Schnurrbärten und diesen immer eine Spur zu großen Sakkos."

Ein widerständiges Obst

Die einprägsamste Figur von "Herkunft" ist Kristina, die Großmutter väterlicherseits. Sie ist es, die Saša Stanišic 2009 in den Heimatort der Familie führt, Oskorusa, 13 Einwohner, in den Bergen hinter Višegrad. Der Name des Weilers wird bei Stanišic eine kleine Allegorie auf das doppelte Gesicht der konfliktbelasteten Heimat:

"Oskorusa ist der serbokroatische Name für Sorbus Domestica, den Speierling. Der Speierling ist ein widerständiges Obst. Die Frucht wird, bei voller Reife, sonnenseits leuchtend rot, der Rest ist gelb. Die Sonnenseite schmeckt süß, die der Sonne abgewandte bitter. Von Parasiten gemieden, bedarf sie keines weiteren Schutzes und muss nicht besprüht werden. Stamm und Blätterwerk hingegen sind stark verbissgefährdet."

Symbole mit beschränkter Wirkungszeit

Auf Figurenebene wird die Großmutter selbst zum Symbol der zwiespältig-pittoresken Herkunft:

"Sollte es in Višegrad je Mafia gegeben haben, war meine Großmutter die Patin. Als Kind wusste ich von drei stadtbekannten Kleinkriminellen, die sie fürchteten und Besorgungen für sie erledigten. Wenn sie sich beim Friseur lila machen ließ, stand meist einer wie zufällig vor dem Salon, Kürbiskerne knackend. Die frischgewellte Großmutter trat auf die Straße, raunte ihm etwas zu, worauf er eilfertig in den Gassen verschwand, mit welchem Auftrag auch immer."

Doch selbst solch urtümliche Symbole für Herkunft, haben, muss Stanišic erfahren, eine beschränkte Wirkungszeit:

"Es begann im Frühjahr 2016. Sie verstand die Fernbedienung nicht mehr und zerlegte sie. […] Sie ließ sich von einem Vertreter überreden, für ein Kopfkissen 200 Euro zu bezahlen, wofür sie ihm früher Prügel angedroht und ein eigenes altes Kissen verkauft hätte."

Gerade die Robustheit der Großmutter macht die Erfahrung ihres Niedergangs umso trister. Aber auch hier findet Stanišic den passenden Ton. Und dass er im Finale mehrere fiktive Enden der Großmutter-Geschichte zur Auswahl offeriert, bis hin zu ihrem Tod, ist keine Unentschiedenheit, sondern ein tief humanes Nicht-Loslassenkönnen.

Stand: 06.05.2019, 09:30