Sara Mesa - Quasi

Sara Mesa - Quasi

Sara Mesa - Quasi

Von Tobias Wenzel

Ein Mädchen und ein fremder Mann freunden sich in einem Park an. Man fürchtet: eine Missbrauchsgeschichte. Aber Sara Mesa führt den Leser aufs Glatteis und erzählt in ihrem Roman vom Reiz und Fluch des Andersseins.

Sara Mesa
Quasi

Roman
Aus dem Spanischen von Peter Kultzen
Wagenbach Verlag
144 Seiten
18 Euro

Eine Stadt, vermutlich in Spanien

Ein Mädchen schwänzt wochenlang die Schule und versteckt sich zu Unterrichtszeiten in der Vegetation eines Parks.

"Beim ersten Mal ist sie so überrumpelt, dass sie bei seinem Anblick zusammenzuckt. Das Mädchen sitzt mit dem Rücken an den Baum gelehnt da und liest eine Zeitschrift, als sie hört, wie Schritte näherkommen [...]"

Es ist ein Mann Mitte fünfzig

Er sucht sie von nun an regelmäßig in ihrem Versteck auf. Sie nennt ihn den Alten. Und er nennt sie Quasi, weil sie sagt, sie sei quasi vierzehn. So lässt Sara Mesa ihren Roman "Quasi" beginnen und löst beim Leser die Vermutung aus, es folge eine Missbrauchsgeschichte. Tatsächlich ist es aber die anrührende, von Peter Kultzen tadellos übersetzte Geschichte über eine Freundschaft zwischen zwei Menschen unterschiedlichen Alters und Geschlechts, aber eines ähnlichen Lebensgefühls.
Beide sind Außenseiter: Der Alte findet keine Arbeit, war in der Psychiatrie, wirkt verhaltensauffällig und schrullig, redet am liebsten über Vögel und die Sängerin Nina Simone, um seine traurige Familiengeschichte zu vergessen. Quasi, ein unsicheres Mädchen in der Pubertät, zieht den Park der Schule vor, weil sie dort als "Brotgesicht" gehänselt wird und weil sie, wie der Alte, lieber autodidaktisch lernt. Besonders vor Gruppenarbeit schreckt Quasi zurück, genauso wie Sara Mesa:

"Ich funktioniere tatsächlich nicht gut in der Gruppe. Mein Hauptproblem in der Schule war aber, dass ich mich anders als die Mitschüler gefühlt habe, weil unser Familienleben anders war. Ich durfte nicht fernsehen wie die anderen Kinder. Ich durfte nicht draußen spielen wie die anderen. Das hatte aber vielleicht auch sein Gutes: Ich war zwar Zuhause praktisch eingeschlossen. Aber deshalb habe ich viel gelesen. Und letztlich bin ich so Schriftstellerin geworden."

Sara Mesa - "Quasi"

WDR 3 Buchkritik 29.04.2020 05:47 Min. Verfügbar bis 29.04.2021 WDR 3

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Von Vorurteilen bestimmte Erwartungen und Ängste

In Sara Mesas Büchern, die bis auf "Quasi" noch nicht ins Deutsche übersetzt sind, weichen generell viele ihrer Figuren von der Norm ab. Sie rebellieren oder sie flüchten sich in das Reich der Fantasie. So wie Quasi, die sich eine Welt erträumt, in der ihr Bruder, den sie vermisst, nicht im Ausland studiert und in der sie nicht unter Mitschülern leiden muss. Real ist aber die zarte Freundschaft, die zwischen Quasi und dem Alten entsteht. Er steckt sie mit seiner Leidenschaft für Vögel an. Bald schämt man sich als Leser dafür, dass man anfangs noch vermutet hat, der Mann sei ein Pädophiler, zum Beispiel, als er Quasi sagt, er würde sie gerne mal in seine Hochhauswohnung einladen, um ihr dort die fantastische Aussicht zu zeigen. Clever spielt Mesa mit unseren von Vorurteilen bestimmten Erwartungen und Ängsten, um uns dann zu überraschen. Denn letztlich erweist sich Quasi als Gefahr für den Alten. Sie schließt zwar zunehmend aus, dass er ein Pädophiler sein könnte, ist aber komplexbehaftet und sehnt sich danach, als attraktiv empfunden zu werden. In einer spontanen Eingebung behauptet sie ihm gegenüber im Park, sie sei gestürzt:

Sara Mesa

Sara Mesa

"Hier, hier tut es weh. Hast du dich denn aufgeschürft? Blutest du? Ein blauer Fleck? Ist es das, Quasi? Mit einem Ruck reißt sie ihre Hose herunter. (Keineswegs zufällig unterbricht im nächsten Augenblick der Ruf eines Stars die Stille, die sich zwischen den beiden breitmacht. Sie erkennt ihn: Ein Star, sagt sie sich. Inzwischen kennt sie sich aus.) Die Jogginghose auf Höhe der Knie, steht Quasi im Slip vor dem Alten. Der tritt, durch ihre plötzliche Heftigkeit stärker verwirrt als durch den Anblick ihrer nackten Oberschenkel, einen Schritt zurück. Ich, ich sehe nichts, sagt er, und da zieht Quasi auch den Slip herunter. Und, siehst du jetzt was?, ruft sie."

Fantasie und die reflexartigen Reaktionen

Sara Mesa hat ihren Erzähler bewusst mit einer recht einfachen Sprache ausgestattet und ihn und uns Leser so die Welt mit den Augen der beiden Hauptfiguren wahrnehmen lassen. Denn da spricht ein Mädchen mit einem offensichtlich geistig beeinträchtigten Mann.
Letztlich haben Quasis Fantasie und die reflexartigen Reaktionen der Erwachsenen fatale Folgen für den Alten. Reflexartig haben auch einige Leser in Spanien auf diesen literarisch beachtlichen Roman reagiert:

"Leute haben mir gesagt: 'Und wenn deine Tochter mit einem fremden Mann im Park wäre, fändest du das gut?' Ich habe eine Geschichte über ein Mädchen und einen Mann geschrieben, über erfundene Figuren. Ich habe doch keinen Kommentar für die Zeitung geschrieben. Ich mag es, ein Kleidungsstück auf links zu drehen, um die Nähte zu betrachten und zu verstehen, wie etwas gemacht ist. Ich will verstehen, woher es kommt, dass wir dies für gut und das für schlecht halten."

Eine kluge Geschichte über eine beinahe unmögliche Freundschaft

Warum zum Beispiel gerät der Fremde, der Kindern beim Spielen zusieht, so schnell in den Verdacht der Pädophilie, obwohl die meisten Missbrauchsfälle in der Familie passieren? Die Autorin erspart dem Leser keine unangenehmen Fragen, auch nicht dazu, wie die Gesellschaft mit Fällen von Inzucht umgeht. Sara Mesa hat mit "Quasi" einen klugen wie einfühlsamen Roman geschrieben über Reiz und Fluch des Andersseins und über eine heutzutage beinahe unmögliche Freundschaft.

Stand: 28.04.2020, 11:53