Buchcover: "Lenin auf Schalke" von Gregor Sander

"Lenin auf Schalke" von Gregor Sander

Stand: 15.03.2022, 14:53 Uhr

Während viele Bücher seit dem Mauerfall nach der Befindlichkeit der Menschen in Ostdeutschland fragen, geht der Schweriner Schriftsteller Gregor Sander in den umgekehrten Weg. Er besucht die ärmste Stadt Deutschlands: Gelsenkirchen. Eine Rezension von Terry Albrecht.

Gregor Sander: Lenin auf Schalke
Penguin Verlag, München 2022.
208 Seiten, 20 Euro.

"Lenin auf Schalke" von Gregor Sander

Lesestoff – neue Bücher 21.03.2022 05:20 Min. Verfügbar bis 21.03.2023 WDR Online Von Terry Albrecht


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Ein Richtungswechsel

Seit mehr als 30 Jahren schreibt der Schweriner Autor Gregor Sander in Romanen wie "Abwesend" oder "Alles richtig gemacht"  über das Leben der Menschen in Ostdeutschland. Den Westen kennt er nicht. Da hat sein Kumpel Schlüppi eine Idee für einen Richtungswechsel und holt einen Zettel aus der Hosentasche, auf dem steht: "Gelsenkirchen - Der Osten im Westen" und sagt:

"'Die sind in allen Statistiken führend. Also, von hinten. Ärmste Stadt Deutschlands, höchste Arbeitslosigkeit, geringstes Pro-Kopf-Einkommen.' Er sah mich triumphierend an: 'Du gehst dahin und schreibst ein Buch darüber.'"

Das Ruhrgebiet aus der Ostperspektive

Gestärkt mit einigen Flaschen westfälischen Biers, die ihn zusätzlich ermuntern zur Reise in den unbekannten Westen, besteigt Sander den "ICE-Johannes Rau" und fährt  ins Ruhrgebiet. So fügt Gregor Sanders in "Lenin auf Schalke" der umfangreichen westdeutschen Ruhrgebietsliteratur ein ganz eigenes Kapitel zu - aus Ostperspektive. 

Ein Armutsbericht in Romanform ganz eigener Art, humorvoll und voller Ernst zugleich. Schon beim Ausstieg aus dem Zug sieht Sander die charakteristischen Abraumhalden des einst prosperierenden Kohlereviers.

"Die Stadt der tausend Feuer, wie Gelsenkirchen genannt wurde, weil die vielen Kokereien ihr überschüssiges Gas einfach abfackelten, war auch die Stadt der tausend Kneipen und die Bergmänner und Stahlarbeiter soffen sich ganz gern von Zeche nach zuhause. Von Kneipe zu Kneipe."

Mit vergleichendem Blick durch die Tristesse

Bei Schlüppis Cousine Gabi, die aus Sachsen stammt und hier nur exotisch "Zonengabi" gerufen wird, findet Sander Unterkunft. Tagelang läuft er durch die Tristesse der einstigen Großstadt. Und bei all den stehengebliebenen Betonbauklötzen aus der Ludwig-Erhard-Wirtschaftswunderzeit kommt Sander der Ruhrgebiets-Kabarettist Jürgen von Manger, alias Tegtmeier in den Sinn.

"Beton is bei uns Natur zu stark herabgesetzte Preise und Se hamm nich so viel Malesse von wegen Pflanzenbeschnitt und so Sachen."

Schnell entwickelt Sander einen vergleichenden Blick mit dem Osten der Republik, der zu einem tragenden Element der locker flüssigen Erzählweise des Autors wird. Sander entdeckt, dass auch abgesehen von den sanierten Straßen in Ostdeutschland sonst einiges im Westen rückständiger ist.

Eine besondere Grabstätte

Neben der Kohle war und ist der Fußballclub Schalke 04 - benannt nach dem Stadtteil Schalke-  identitätsstiftend für Gelsenkirchen, obwohl der Verein gerade in die zweite Bundesliga abgestiegen ist. Ein Mythos der nicht untergeht. Auf einem Ehrenfriedhof nahe des Schalker Markts, wo der Verein einst gegründet wurde, trifft Sander Omma Hilde. Hilde hatte mit einem der Fußballstars aus der Vergangenheit ein Verhältnis und nun pflegt sie sein Grab.

Es ist eine besondere Grabstätte, denn auf dem Friedhof gibt es genau 1904 Grabstellen. Mit dieser Zahl wird an das Gründungsjahr des Vereins 1904 erinnert. Geblieben ist nur noch die Erinnerung an die alten glorreichen und längst vergangenen Zeiten des Vereins und seiner Stadt. Und doch, Omma Hilde hat auch Hoffnung:  

"Getz wo wir die ärmste Stadt im ganzen Land sind, getz hamm se in Gelsenkirchen ’ne Frau zum Bürgermeister gewählt. Zum ersten Mal in all die Jahre. Vielleicht kricht die den Karren ja wieder ausm Dreck."

Die Chronik eines Fremden aus dem Osten

Es sind die vielen kleinen Begegnungen dieser Art, die "Lenin auf Schalke" zu einem sehr unterhaltsamen, lesenswerten Buch machen, das ohne Melancholie, aber mit Gespür für die soziale Situation der Menschen geschrieben ist. Es ist die Chronik eines Fremden aus dem Osten, dem diese armen, aber heimatverbundenen Menschen des Westens nahe geht und sie auch dem westlichen Leser nahezubringen versteht. Und zurück in Schwerin hat Sander  für sich und seinen Freund Schlüppi auch eine Erkenntnis gewonnen:

"Den nächsten Westdeutschen, der uns fragt, wo wir den Tag des Mauerfalls verbracht haben, der sich wärmen will am Lagerfeuer unserer Erinnerung und nichts wissen will vom Davor und Danach, den fragen wir: Und wo warst du, als in Gelsenkirchen die Lichter ausgingen? In der Stadt, die die Kohle geliefert hat für den Reichtum zwischen Hamburg und München?"