Aksel Sandemose - Ein Flüchtling kreuzt seine Spur

Aksel Sandemose - Ein Flüchtling kreuzt seine Spur

Aksel Sandemose - Ein Flüchtling kreuzt seine Spur

Von Thomas Fechner-Smarsly

Dieser Roman zieht seine Spur bis in die norwegische Gegenwartsliteratur: Axel Sandemoses Psychogramm der Provinz und ihrer eisernen Gesetze.

Aksel Sandemose
Ein Flüchtling kreuzt seine Spur

Aus dem Norwegischen von Gabriele Haefs
Guggolz, Berlin 2019
614 Seiten
28 Euro

Jetzt will ich alles erzählen

Mit diesen fast nüchtern vorgetragenen Sätzen beginnt eine radikale Selbsterforschung – und einer der großen Romane der norwegischen Literatur:

"Jetzt will ich alles erzählen. Und ich muss mit dem Ende anfangen. Sonst würde ich mich niemals bis dahin vorwagen. Ich habe einmal einen Menschen getötet. Er hieß John Wakefield, und ich habe ihn eines Nachts vor siebzehn Jahren in Misery Harbour ermordet. Damals wurden so viele zu Mördern. Der Weltkrieg wütete, aber es waren legalisierte Morde und verdienstvolle Gemetzel. Ich kam aus Jante und war dort mit einem Gewissen ausgestattet worden. Es geschah in der Zeit, die die heiße Jugend genannt wird. Die Jugend ist die Zeit, in der du erkennst, wie deine Maske aussehen sollte."

Der Roman über die Kleinstadt

Ginge es mit rechten Dingen zu, dann stünde dieser Roman in einer Reihe mit anderen Romanen der Weltliteratur im 20. Jahrhundert, Büchern von William Faulkner oder Ernest Hemingway – um nur zwei Zeitgenossen des 1899 geborenen Aksel Sandemose zu nennen. Schriftsteller, die sich mit ähnlichen Problemen herumschlugen: mit dem Leben in der Provinz, mit Pubertät und erwachender Sexualität, mit Mordlust und Schuldgefühl, und mit dem Ideal einer Männlichkeit – oder vielmehr mit dessen Krise. "Ein Flüchtling kreuzt seine Spur" ist auch und vor allem der Roman über die Kleinstadt und was sie mit einem macht. Über den Kleingeist, der keine Abweichung duldet, über den eigenen Kleinmut, der jedes Aufbegehren verhindert, über ein Klima der Angst und der Scham, das alle und jeden möglichst klein hält.

Jante heißt diese fiktive Kleinstadt, angesiedelt ist sie im Norden Dänemarks, einem Ort, den niemand verlässt, ohne von ihm gezeichnet zu sein (wie es in einem anderen berühmten norwegischen Roman heißt). Der Protagonist Espen Arnakke ist ein empfindlicher, für jede Kränkung empfänglicher Außenseiter im ständigen Kampf gegen seine Umgebung: gegen die älteren Brüder oder gegen die mürrische Tante Oline, der man nichts recht machen kann, gegen die Lehrer, die ihn drangsalieren und gegen den bigotten Pfarrer. Nur der bewunderte Vater macht eine Ausnahme, eine ebenso stille wie urwüchsige Gestalt, ein Schmied, der sich als Fabrikarbeiter verdingt hat und den Seinen einen bescheidenen Aufstieg ermöglicht, und der selber nie die Hand gegen irgendeines seiner Kinder erhebt, wie in den anderen Familien üblich. Im Rückblick erkennt Espen Arnakke, dass alles in der Kleinstadt auf die Unterwerfung ausgerichtet war, auf die Unterwerfung unter die zehn Gebote des „Gesetzes von Jante“, dessen erste Paragraphen lauten:

"Du sollst nicht glauben, etwas zu sein.
Du sollst nicht glauben, so viel zu sein wie wir.
Du sollst nicht glauben, klüger zu sein als wir.
Du sollst dir nicht einbilden, besser zu sein als wir.
Du sollst nicht glauben, irgendetwas zu taugen.
Du sollst nicht über uns lachen.
Du sollst nicht glauben, irgendjemand interessiere sich für dich"

Das Jantegesetz

Er habe das Gesetz von Jante im Geist des Lutherischen Katechismus formuliert, äußerte Aksel Sandemose einmal, als er seinen "Flüchtling" in den fünfziger Jahren einer Überarbeitung unterzog. Noch heute kennt fast jeder in Norwegen, Schweden oder Dänemark den Ausdruck "Janteloven" – das Jantegesetz. Es findet sich – als durchaus kritisch verstandene Einschätzung der eigenen Mentalität – in zahllosen Schulbüchern und ist in die Alltagssprache eingegangen, ohne dass viele Menschen überhaupt wüssten, dass es ursprünglich aus einem Roman stammt.

Aksel Sandemose

Aksel Sandemose

Aksel Sandemose hieß eigentlich Aksel Nielsen und wuchs in der Nähe vom Limfjord in Nordjütland in Dänemark auf. Später emigrierte er nach Norwegen und wurde ein norwegischer Schriftsteller. Seinen 1933 erschienenen Roman hat er in die Form eines Rechenschaftsberichts, ja einer Art Psychoanalyse gegossen. Freud und seine Schüler machten in den zwanziger Jahren im Norden Furore, 1934 emigrierte Wilhelm Reich sogar nach Norwegen, und Sandemose selbst hatte es offenbar Alfred Adlers "Minderwertigkeitskomplex" angetan. Sein Roman folgt keinerlei Chronologie, er erzählt episodisch und assoziativ, in kleinen und größeren Szenen, unterbrochen von langen Reflexionen und Exkursen über Schuld und Sühne, über Moral und die gespaltene Persönlichkeit.

Träume spielen eine wichtige Rolle, aber auch Räume wie zum Beispiel Adamsens Scheune mit dem „Heiligen Stein“, ein Ort zwischen Himmel und Hölle, an dem Espen Arnakke die Sexualität entdeckt. Häufig direkt an den Leser als Du gerichtet, gibt das Buch vor, ein Bekenntnis abzulegen. Doch können wir dem Erzähler glauben, ja glaubt er sich eigentlich selber? Hat er wirklich in seiner Zeit als Holzfäller in Neufundland den Freund und Rivalen John im Streit um Eva erschlagen und am Deadmans Point ins Meer geworfen?

Auch wenn Sandemoses Roman heute die eine oder andere Länge haben mag, spürt man nach wie vor, auch dank der Übersetzung von Gabriele Haefs, welch eminente Wucht das Buch auf mehrere Generationen junger Männer (und angehender Schriftsteller) ausgeübt hat. Auf erfolgreiche Autoren, die ihrerseits Männer in der Krise schildern, wie etwa Dag Solstad, Per Petterson oder Karl Ove Knausgård. Als ob das Gesetz von Jante noch heute fortwirke.

Aksel Sandemose: "Ein Flüchtling kreuzt seine Spur"

WDR 3 Buchrezension 15.10.2019 05:37 Min. Verfügbar bis 14.10.2020 WDR 3

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Stand: 13.10.2019, 19:59