"Im Menschen muss alles herrlich sein" von Sasha Marianna Salzmann

Buchcover: "Im Menschen muss alles herrlich sein" von Sasha Marianna Salzmann

"Im Menschen muss alles herrlich sein" von Sasha Marianna Salzmann

Von Holger Heimann

Was bleibt, wenn die bekannte Welt plötzlich untergeht? Vier Frauen suchen in einer Zeit des radikalen Umbruchs nach neuem Halt und versuchen zugleich, wieder zueinander zu finden. Eines der wichtigen deutschsprachigen Bücher des Leseherbstes.

Sasha Marianna Salzmann: Im Menschen muss alles herrlich sein
Suhrkamp Verlag, Berlin 2021.
380 Seiten, 24 Euro.

"Im Menschen muss alles herrlich sein" von Sasha Marianna Salzmann

Lesestoff – neue Bücher 18.10.2021 05:29 Min. Verfügbar bis 18.10.2022 WDR Online Von Holger Heimann


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Alles ist in Bewegung

"Im Menschen muss alles herrlich sein", ist ein Tschechow-Zitat. Ein bornierter Chefarzt staucht mit den Worten aus "Onkel Wanja" einen jungen Kollegen zusammen, nur weil der in dunkelblauen Jeans und schwarzem Rollkragenpullover in die Klinik gekommen ist. Es sind die frühen neunziger Jahre in der Ukraine. Im Gefolge der Perestroika hat nicht nur ein neuer legerer, westlicher Kleidungsstil Einzug gehalten. Alles ist in Bewegung geraten.

"Der Staat bröckelt, und die Leute müssen sehen, wo sie bleiben. Das ist verständlich. Unser Land liegt vom Bauchnabel bis zur Gurgel aufgeschnitten auf dem Operationstisch. Diese ... Umwälzungen, diese Veränderungen ... werden immer mehr Menschen produzieren, die zu allem bereit sind. Sie glauben nur an sich, denn woran sonst sollen sie glauben?"

Sasha Marianna Salzmann legt dem Mediziner, der ansonsten – wie alle Männer im Roman – nur eine Randfigur bleibt, auch diese messerscharfe Diagnose in den Mund, mit der diesmal eine junge Ärztin aufgerüttelt und davor beschützt werden soll, "in diesem Gemetzel unterzugehen".

Flucht nach Jena

Lena, die im Mittelpunkt des Romans steht, darf sich hinfort um die Privatpatienten kümmern. Es ist ein lukrativer Job. Denn die Menschen, die sie aufsuchen, sind mit zwielichtigen Geschäften rasch reich geworden und verteilen im Gegenzug für absolute Vertraulichkeit großzügig Geschenke.

Obwohl Lena privilegiert ist, flüchtet sie mit ihrem jüdischen Ehemann und der Tochter Edi vor dem kapitalistisch-kriminellen Rausch, so wie die meisten, die einen Anlaufpunkt im Ausland haben. Sie landet in Jena in einer Plattenbausiedlung und arbeitet künftig – in der Hierarchie herabgestuft – als Krankenschwester.

Der Versuch, irgendwo halt zu finden

Sasha Marianna Salzmann erzählt in stimmigen Bildern vom Zerfall der alten und dem Wechsel in eine neue Welt, von brüchigen Familienbanden und dem Versuch, irgendwo Halt zu finden.

Die fesselnde Handlung folgt dabei im ersten, überwiegend chronologisch geordneten Teil Lenas Lebensweg vom sowjetischen Pionierlager und den Ferien bei der Großmutter in Sotschi bis zum Ringen um einen begehrten Medizinstudienplatz, der nur mit Bestechung zu bekommen ist. Die Atmosphäre einer erstarrten Gesellschaft, die sich allmählich und kontinuierlich auf ein Ende zubewegt, spiegelt sich in der Form. Der allgegenwärtige Mangel macht den Alltag zu einer Aufgabe. Doch erst die "Fleischwolfzeit" der Perestroika schafft eine existenzielle Unsicherheit.

Nachbeben der Erschütterung

Lässt sich diese Erschütterung anderen mitteilen und wird sie so nachvollziehbar? Das ist eine der zentralen Fragen des Romans. Sie grundiert im zweiten, unruhigeren, nah an der Gegenwart angesiedelten Teil die Beziehungen von Lena und drei weiteren Frauen. Nina, die als einzige im Roman aus der Ich-Perspektive erzählt, ist eine davon.

"Ich habe Nächte, Wochen, Monate damit verbracht, nachzulesen, welche Erschütterung das gewesen sein muss. Das Einzige, was feststeht, ist, dass es immer noch Nachbeben gibt. Und bei denen, die es am eigenen Leib erfahren haben, wackeln immer noch die Eingeweide. Oder sie leiden an einer Art Phantomschmerz: Das Land, in das sie hineingeboren wurden, ist schon amputiert, aber es schmerzt trotzdem noch. Sonst kann man wenig mit Sicherheit sagen."

Die Zeit nach der Emigration

Nina wurde in Berlin geboren. Ihre Mutter Tatjana ist ebenso wie ihre enge Freundin Lena mit Tochter Edi aus der Ukraine ausgewandert. In der zweiten Hälfte, die überwiegend die Zeit nach der Emigration einfängt, wechselt der Roman stetig zwischen den Blickwinkeln dieser vier Frauen. Die Perspektiven überlagern, widersprechen und ergänzen sich. Zu Tatjanas 50. Geburtstag bringt Salzmann ihre vier Hauptfiguren und mit ihnen die ganze "Emigranten-Mischpoke" schließlich in Jena zusammen. Doch sie unterläuft dabei alle Erwartungen einer finalen Zuspitzung.

Für die Nachgeborenen bleibt die Sowjetzeit eine ferne, fremde Vergangenheit. "Wie fragt man, wenn man nicht genau weiß, wonach", zerbricht sich Edi in einem zaghaften Versuch einer Annäherung den Kopf. Eine Antwort findet sie so wenig wie es zu einer Aussprache zwischen den überforderten Frauen kommt.

Sasha Marianna Salzmann setzt beredt das Misslingen eines Gesprächs in Szene, nicht obwohl, sondern gerade weil es so viel zu sagen gäbe.

Stand: 17.10.2021, 17:44