Sasha Marianna Salzmann - Außer sich

Sasha Marianna Salzmann - Außer sich

Sasha Marianna Salzmann - Außer sich

Von Simone Schlosser

Sasha Marianna Salzmann war bisher vor allem in der Theaterszene bekannt. Jetzt steht sie mit ihrem Debütroman "Außer sich" auf der Shortlist zum Deutschen Buchpreis. Der Versuch einer literarischen Identitätsbestimmung vor dem Hintergrund von Herkunft und Geschlecht.

Logo des Deutscher Buchpreis 2017

Shortlist

Sasha Marianna Salzmann
Außer sich
Suhrkamp, 2017
366 Seiten
22,00 Euro

Versuch einer Identitätsbestimmung

"Niemand sagt dir, dass es daran liegt, dass Du bist, was Du bist", heißt es in einem Zitat, das Carolin Emcke einem Kapitel ihres Buches "Gegen den Hass" vorangestellt hat. "Ursprünglich/Natürlich" lautet der Titel dieses Kapitels, das eine Reflexion ist über Trans- und Intersexualität, ein Appell für einen modernen Diskurs über Geschlechterzugehörigkeit. Der Satz ist einem Theaterstück von Sasha Marianna Salzmann entnommen: "Meteoriten". Passt genauso aber auch auf ihren Roman, der der Versuch einer Identitätsbestimmung ist, vor dem Hintergrund von Geschlecht und Herkunft.

"Immer wenn ich merke, dass es für Menschen eine Vorstellung von Welt gibt, auf die sie ohne Zweifel bauen, fühle ich mich allein. Ausgeliefert. Sie sprechen davon, Dinge mit Sicherheit zu wissen, sie erzählen, wie etwas gewesen ist oder sogar wie etwas sein wird, und ich merke dann immer, wie sehr ich nichts weiß von dem, was als Nächstes passieren könnte. Ich weiß ja noch nicht mal, als was ich angesprochen werde, wenn ich Zigaretten kaufen gehe – als ein Er oder als eine Sie?"

Anton und Alissa

Im Mittelpunkt des Romans stehen die Zwillinge Anton und Alissa. Bereits als Kinder eine fast körperliche Einheit. Doch dann verschwindet Anton in Richtung Osten. Ali reist ihm hinterher bis nach Istanbul. Damals, vor den Gezi Park-Protesten, noch eine weltoffene Metropole, bekannt für ihre selbstbewusste Homosexuellen- und Transgender-Szene. Dort in den engen Gassen und dunklen Nachtclubs findet Ali nicht Anton. Entdeckt dafür aber eine für sie bis dahin unbekannte sexuelle Freiheit. Sie beginnt eine Affäre mit dem Tänzer Katho, fängt an Testosteron zu spritzen, bis ihr die ersten Bartstoppel wachsen. Zunehmend verschwimmen die Grenzen zwischen Anton und Alissa. Sodass man sich zu fragen beginnt, ob es sie jemals beide gegeben hat.

"Ich erdenke mir neue Personen, wie ich mir alte zusammensetze. Stelle mir das Leben meines Bruders vor, stelle mir vor, er würde all das tun, wozu ich nicht in der Lage gewesen bin, sehe ihn als einen, der hinauszieht in die Welt, weil er den Mut besitzt, der mir gefehlt hat, und ich vermisse ihn."

Biographien

Sasha Marianna Salzmann

Sasha Marianna Salzmann

Die Suche nach der eigenen Identität führt Ali schließlich in die Familiengeschichte. Als Kind ist sie Anfang der neunziger Jahre als jüdischer Kontingentflüchtling nach Deutschland gekommen. Zusammen mit ihren Eltern, Großeltern und Urgroßeltern. Jeder dieser Biographien ist ein einzelnes Kapitel gewidmet. Sie führen über Odessa und Moskau bis in die niedersächsische Provinz. Ein Generationen– und Gesellschaftsporträt, aufgeschrieben von Alissa. In einer an Metaphern reichen Sprache, die jedoch wenig vertrauenswürdig ist, wie die Erzählerin selbst kommentiert. Schließlich seien Russischsprechende bekannt für ihre Übertreibungen.

"Ich kenne viele mit meiner Biographie, sie haben andere Kerben in ihren Gesichtern, tragen andere Kleidung, spielen Musikinstrumente, essen bei ihren Eltern am Sonntag Heringssalat, können danach die Nacht durchschlafen, haben Berufe, kaufen Wohnungen, fahren in den Süden, um Urlaub zu machen, und kehren am Endes des Sommers an Orte zurück, die sie Zuhause nennen. Ich dagegen fühle mich unfähig, verbindliche Aussagen zu treffen, eine Perspektive einzunehmen, eine Stimme zu entwickeln, die nur die meine wäre und für mich sprechen würde. "

Eine literarische Auseinandersetzung

Wie lässt sich in der heutigen Zeit über Herkunft und Identität sprechen, und wie kann eine literarische Auseinandersetzung darüber aussehen? In "Außer sich" gibt Sasha Marianna Salzmann eine Antwort auf diese Frage. Und wie andere Autoren ihrer Generation findet sie diese nicht in einer konventionellen Familiengeschichte, sondern in einer anspruchsvollen Komposition, deren fragmentarische Form dem Thema angemessen erscheint. Mitunter erliegt der Roman seiner Themendichte – insbesondere bei dem Versuch, die aktuellen politischen Entwicklungen in der Türkei auch noch mit abzubilden. Davon abgesehen ist "Außer sich" ein bemerkenswert moderner Roman, der stellvertretend steht für eine neue Generation junger deutschsprachiger Autoren.

Sasha Marianna Salzmann - Außer sich

WDR 3 Buchrezension | 05.10.2017 | 03:56 Min.

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Stand: 29.09.2017, 15:13