Nayantara Sahgal - Los der Schmetterlinge

Buchcover: "Das Los der Schmetterlinge" von Nayantara Sahgal

Nayantara Sahgal - Los der Schmetterlinge

Von Gerhard Klas

Nayantara Sahgal ist bekannt für ihre Romane über die Entstehung des modernen Indien. In ihrem jüngsten Roman "Das Los der Schmetterlinge" beschreibt die 94 jährige Journalistin und Schriftstellerin nun den Niedergang der größten Demokratie. Ihre Romanfiguren sehen sich konfrontiert mit Frauenfeindlichkeit, Islamophobie und rechtsextremer Gewalt. Ein Albtraum.

Nayantara Sahgal: Los der Schmetterlinge
Aus dem Englischen übersetzt von Gerhard Bierwirth.
Draupadi Verlag, Heidelberg 2021.
114 Seiten, 12 Euro.

Nayantara Sahgal: "Das Los der Schmetterlinge"

WDR 3 Buchkritik 02.08.2021 03:33 Min. Verfügbar bis 02.08.2022 WDR 3


Download

Eine Satire führt zu Missverständnissen

Nayantara Sahgals Roman beginnt mit einem Missverständnis: Prabhakar, ein Professor für Politikwissenschaften und Hauptfigur des Romans, schreibt eine Satire, die vom wichtigsten politischen Denker der Nation als die Zukunft Indiens gelesen wird. Daraufhin gratulieren ihm Rechtsextreme aller Couleur, bis hin zu europäischen Faschisten. Bei einer Autofahrt wird Prabhakar mit Bildern konfrontiert, die ihm die Komplimente übel aufstoßen lassen.

"Er lag, die Arme und Beine von sich gestreckt, auf der Straße, nackt bis auf ein Gebetskäppchen auf dem Kopf, die Axt gegen seinen Körper gelehnt, womit zwei Botschaften zugleich verbunden waren: Das kommt davon und so geschieht es allen. War das ein Zeichen, was denen bevorstand, deren Glauben der Islam war? Prabhakar blieb über sein Lenkrad gebeugt und verlor völlig das Zeitgefühl. Als er sich wieder aufrichtete, spritzte Nieselregen gegen die Windschutzscheibe und nahm ihm die Sicht. [..] Bis er an der Kreuzung war, trommelte der Regen auf’s Wagendach. Er musste durch die Scheibe den Verkehrspolizisten anbrüllen, der nur sagte: 'Ja, ja, wir wissen schon Bescheid, wir werden ihn wegschaffen' und ihn weiterwinkte."

Aus einfachen Verhältnissen zur Professur

Nayantara Sahgal lässt ähnliche Szenen in immer kürzeren Abständen aufblitzen, Gefühle der Beklemmung verdichten sich zusehends. Prabhakar gehört zu den wenigen Menschen in Indien, denen es gelungen ist, sich aus den Zwängen ihrer Herkunftskaste zu befreien. Er kommt ursprünglich aus ganz einfachen Verhältnissen: seine beiden Eltern kamen bei einem Unfall auf einer Baustelle ums Leben, wo sie als Hilfsarbeiter schuften mussten, er wurde dann von Nonnen aufgezogen.

Jetzt, als Professor ganz oben angekommen, ist er mit einem schwulen Paar befreundet und verliebt sich in eine Menschenrechtsaktivistin aus Europa, die als einzige eine Massenvergewaltigung muslimischer Frauen überlebt hat. 

"Der Richter verlangte Ruhe, andernfalls würde er den Saal räumen lassen. Er hätte ihr für ihre Zeugenaussage auch einen anderen Raum zugeteilt, aber das lehnte sie ab und sagte, die Leute sollten das hören. Sie fuhr fort: Sie haben uns die Kleider heruntergerissen. Es kamen immer mehr Männer. Sie haben uns auseinander geschleift und unsere Beine mit ihren Tritten gespreizt. Jede einzelne von uns war von mehreren Männern umgeben und wurde zu Boden gedrückt..."

Als die Europäerin schließlich die Schilderung beendet, resümiert der Richter:

"Eine höchst unglückliche Angelegenheit, höchst verwerflich. Und dass so etwas Ihnen in Ihrer Position widerfahren muss … Die Tat unbekannter Missetäter. Am besten, man vergisst es."

Ein Roman, der zum Hinsehen auffordert

Mehr noch als die Beschreibung der brutalen Ereignisse sind es solch lakonische Reaktionen, die über das Leiden der anderen hinweggeghen und beim Lesen die Beklemmung stetig wachsen lassen. Dabei folgt dieser Roman einem zutiefst menschlichen Anliegen.

"Erinnerungen sind für einen Überlebenden nutzlos, wenn er sie nicht mit jemandem teilen kann."

monologisiert Nayantara Sahgal. "Das Los der Schmetterlinge" ist ein anspruchsvoller Roman, der zum Hinsehen auffordert, nicht nur in Indien, sondern überall dort, wo Menschen ihrer Rechte beraubt werden.

Stand: 01.08.2021, 14:42