Vita Sackville-West, Laelia Goehr - Gesichter. Portraits einiger Hunde

Buchcover: Vita Sackville-West, Laelia Goehr: Gesichter. Portraits einiger Hunde.

Vita Sackville-West, Laelia Goehr - Gesichter. Portraits einiger Hunde

Von Manuela Reichart

Jeder ein eigener Charakter – ein Fotoband portraitiert 44 Hunderassen mit Nahaufnahmen und Texten der Schriftstellerin Sackville-West.

Vita Sackville-West, Laelia Goehr: Gesichter. Portraits einiger Hunde.
Aus dem Englischen von Helmut Ettinger.
Verlag Blumenbar, Berlin 2020.
192 Seiten, 16 Euro.

Ein Gemeinschaftsprojekt zweier Künstlerinnen

Der Titel ist wörtlich zu verstehen: In kunstvollen schwarz-weiß Fotografien und persönlichen literarischen Texten werden Hunderassen vorgestellt. Vom Afghanischen Windhund bis zum Yorkshire Terrier über Cocker-Spaniel und Boxer, Dackel und Schäferhund. Der Band ist ein Gemeinschaftsprojekt zweier Künstlerinnen: Der Autorin Vita Sackville-West und der Fotografin Laelia Goehr.

Die wurde 1908 in eine wohlhabende jüdische Familie in Kiew geboren, floh als Kind mit den Eltern vor den Bolschewisten nach Berlin und von dort 20 Jahre später vor den Nazis nach England. Sie war eigentlich Musikerin – wie ihr Mann der Komponist Walter Goehr, ein Schüler Schönbergs – in London wurde sie dann aber zur begabten Fotografin. Und porträtierte – nicht zuletzt Hunde. 2004 ist sie gestorben.

Vita Sackville-West war nicht nur eine berühmte Gartengestalterin und vielschreibende Autorin, sondern auch die zeitweilige Geliebte von Virginia Woolf. Die sie unsterblich machte, indem sie sie in der Titelfigur ihres berühmtem Romans Orlando verewigte.

V. Sackville-West, L. Goehr - Gesichter. Portraits einiger Hunde

WDR 3 Mosaik 20.11.2020 04:43 Min. Verfügbar bis 20.11.2021 WDR 3


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Menschliche Züge in Anekdoten und Portraits

Vita Sackville-West (geboren 1892, gestorben 1962) liebte Hunde, natürlich liebte sie Hunde, jeder Engländer liebt schließlich Hunde. In keinem Land ist die Hundedichte pro Kopf größer als dort.

"Ich konnte mich den von Laelia Goehr vorgestellten Exemplaren nur mit einem frischen Blick nähern und versuchen, Geschichtchen und Anekdoten  über sie in Erfahrung zu bringen, die eine unterhaltsame Lektüre bieten.
Ich hoffe, in meinen Kommentaren menschelt es nicht allzu sehr. Wer Hunde liebt, dem fällt es schwer, ihnen keine menschlichen Eigenschaften zuzuschreiben."

Die Fotografin hat die verschiedenen Hunde auch sehr menschlich porträtiert; sie inszeniert die Hundegesichter, geht ganz nah dran mit ihrer Kamera, fängt etwa den freundlichen, ein wenig treu-doofen Blick des Labradors ein oder den grimmig-selbst-bewussten einer englischen Bulldogge.

Der Mops kommt nicht gut weg

Vita Sackville-West erzählt – angesichts dieser faszinierend ausgeleuchteten Hundegesichter – in ihren kurzen Texten von ihren Vorlieben und Abneigungen.

"Der geneigte Leser wird rasch erkennen, dass ich für große, edle, romantische Tiere schwärme, die auch ästhetisch etwas darstellen."

Deswegen kommt etwa der – bei uns gerade besonders beliebte – Mops, dem man bekanntlich eine absurd platte Nase gezüchtet hat, die es dem Tier schwer macht zu atmen, nicht besonders gut weg:

"Ich ertrage ihr Schniefen nicht und mag auch keine Gesichter, die aussehen, als seien sie gerade mit voller Wucht gegen eine Wand geprallt."

Herkunftsgeschichten und Charaktereigenschaften

44 Hunderassen werden in diesem – 1961 zum ersten Mal erschienen – Band vorgestellt. Natürlich kommt auch ein besonders nett dreinschauender Mischling vor, der mit keinem Stammbaum und keiner Herkunftsanekdote aufwarten kann, anders als der Bluthund, von dem Sackville-West berichtet, ein Exemplar habe zusammen mit Wilhelm dem Eroberer persönlich englischen Boden betreten oder dem Chow-Chow, den ein junger Gentleman im Dienst der East India Company aus Kanton mitgebracht haben soll.

Dass der Dalmatiner nicht aus Dalmatien stammt, lernt man hier und es leuchtet einem sofort ein – nach dem man das Foto eines blutrünstig dreinschauenden  Exemplars betrachtet hat –, dass der Dobermann eine besonders in Amerika beliebte Rasse ist. Liebenswürdiger schaut dagegen die Deutsche Dogge drein, über die es heißt:

"Der große furchteinflößende Hund ist ebenso wie viele hünenhafte Männer von überaus freundlichem Charakter."

Die wichtige Frage: Welcher Hund passt zu mir?

Über ihren eigenen, besonders geliebten Labrador schreibt Lady Vita mit Herzenswärme, einen Mini-Hund wie den Chihuhua (heute nennt man diese gefragten Miniatur-Rassen Teacup-Dogs) möchte sie dagegen keinesfalls besitzen.

Ebenso wie die Porträt-Fotos von Laelia Goehr werfen auch die Texte von Vita Sackwille-West einen persönlichen Blick auf die Hunde und gerade darin liegt nicht nur der Charme dieses schmalen Buchs, sondern auch seine ungewöhnliche Ratgeberfunktion. Denn auf die Frage, welcher Hund passt zu mir, kann man hier durchaus Antworten finden. Wie wäre es zum Beispiel mit dem vollständig aus der Mode gekommenen Foxterrier?

"Ein Foxterrier will immerzu geliebt werden. Er ist fröhlich, gesellig und sportlich. Dieser durch und durch normale, lebhafte Hund ohne alle Freud’schen neurotischen Macken scheint dafür geschaffen, der geborene Freund der Landbewohner zu sein. Er passt gut zu Tweedanzug und derben Schuhen. Oh ja, sehr englisch ist er auch: Kipling hätte ihn den Kumpel des Mannes genannt."

Stand: 19.11.2020, 15:06