Petro Rychlo (Hrsg.) - Mit den Augen von Zeitgenossen. Erinnerungen an Paul Celan

Buchcover: Petro Rychlo (Hrsg.) - Mit den Augen von Zeitgenossen. Erinnerungen an Paul Celan

Petro Rychlo (Hrsg.) - Mit den Augen von Zeitgenossen. Erinnerungen an Paul Celan

Von Jakob Stärker

Vielfältig gebrochenes Bild:  zum 100. Geburtstag von Paul Celan erscheint ein Band, in dem sich Zeitgenossen an den großen Dichter erinnern.

Petro Rychlo (Hrsg.): Mit den Augen von Zeitgenossen. Erinnerungen an Paul Celan
Suhrkamp, Berlin 2020.
469 Seiten, 28 Euro.

Gesammelte "Erinnerungen an Paul Celan"

WDR 3 Buchkritik 23.11.2020 05:24 Min. Verfügbar bis 23.11.2021 WDR 3


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Frühe Begeisterung für Hölderlin, Rilke und Shakespeare

Der Erinnerungsband "Mit den Augen von Zeitgenossen" erzählt von Begegnungen. Er legt ein Mosaik vom Menschen und vom Dichter Paul Celan. Dabei gehen die Erinnerungen bis in seine Kindheit in Czernowitz zurück. Die in der Bukowina liegende Stadt beherbergte eine große deutschsprachige, vom jüdischen Leben geprägte Gemeinde, hier wuchs der junge Paul Antschel auf. Später sollte er sich seinen Künstlernamen zulegen, dazu hatte schon der Mann seiner Schulfreundin und späteren Übersetzerin Edith Silbermann geraten. Sie erinnert sich an den jungen Paul Celan:

"Sehr früh schon begeisterte Paul sich für Hölderlin und machte mich auf Rilke aufmerksam […] Immer wieder trug Paul den 'Cornet', die 'Geschichten vom lieben Gott' und Gedichte aus dem 'Stundenbuch' und dem 'Buch der Bilder' vor. Er kannte auch viele Szenen aus Shakespeares Dramen auswendig und rezitierte merkwürdigerweise mit Vorliebe den Part der Frauen."

Celans Leben in Bukarest und Wien

Czernowitz wird 1941 von den Deutschen besetzt, die Eltern Celans werden deportiert, später ermordet. Er selbst kann entkommen, verbringt aber trotzdem zwei Jahre im Arbeitslager. Gemeinsam mit Edith Silbermann macht er sich auf nach Bukarest. Er findet eine Anstellung als Lektor im Verlag Cartea Rusă. Er knüpft Kontakte und veröffentlicht seine ersten Gedichte. Die "Todesfuge" erscheint, als "Todestango" übersetzt auf Rumänisch in der Zeitschrift "Contemporanul".

Doch Celan will in den Westen. Über Ungarn flieht er nach Wien, von dort nach Paris. Er heiratet die Zeichnerin Gisèle de l'Estrange, bekommt mit ihr einen Sohn. Es scheint, als wäre Celan angekommen.

Seine Wiener Freunde Milo Dor und Ingeborg Bachmann setzen sich bei Hans Werner Richter für Celan ein, er wird zur Tagung der Gruppe 47 eingeladen. Doch dort fällt er durch: die deutschen Kollegen verstört der pathetische Auftritt, sein Tonfall "erinnere an Goebbels". Nach der Lesung beschwert sich Celan über "diese Fußballspieler". War die Ablehnung wirklich derartig vehement, oder waren es nur einzelne kritische Stimmen?

Misstrauen gegenüber Nachkriegsdeutschland

Der Auftritt bedeutete Celans literarischen Durchbruch. Doch bemerkt er hier auch zum ersten Mal: in Deutschland ist er nicht nur Dichter, hier ist er ein Jude. Der Verleger Christoph Schwerin schreibt:

"Als er von einer Reise aus Deutschland zurückkehrte, dem Land seiner Sprache und seiner Ängste, sagte er mir einmal: 'Zum Juden bin ich erst jetzt geworden, Heinrich Böll und Paul Schallück haben mich eigentlich zum Juden gemacht.'
Was er damit wohl meinte, dass man ihm als deutschsprachigen Dichter jüdischer Herkunft zum Schutzjuden der Gruppe und des literarischen Wiedergutmachungsbetriebs gemacht und ihm eine Rolle aufgezwungen habe, die ihn bedrängte und ängstigte."

Celan wird misstrauisch: Ist es Philosemitismus, mit dem die Nachkriegsdeutschen die Geschichte verdrängen wollen oder doch Antisemitismus, der sich ungebrochen erhalten hat? Auch das Etikett von der reinen Wortkunst seiner Gedichte verstört ihn.

Die Goll-Affäre und ihre Folgen

Dann setzt die sogenannte Goll-Affäre eine dramatische Zäsur in Celans Leben. Auch sie wird in den Erinnerungen dieses Bandes geschildert. Claire Goll, Witwe von Yvan Goll, bezichtigt Celan des Plagiats. Er habe von Yvan Goll abgeschrieben. Eine öffentliche Debatte entbrennt, auch Freundschaften zerbrechen an der Affäre. Der Schriftsteller Hermann Lenz berichtet darüber:

"Ich sagte zu ihm: 'Lass doch das blöde Weib schreiben, was es will', aber es quälte ihn trotzdem und steigerte sein Gefühl, verfolgt zu werden. Hermann Kasack ließ als Präsident der Darmstädter Akademie von Reinhard Döhl eine Analyse der Celanschen Gedichte erstellen, und Döhl widmete sich dieser Aufgabe zwar mit wissenschaftlicher Akribie und Beflissenheit, blieb aber trotzdem parteiisch gesinnt. denn Döhl war damals ein Parteigänger der Konkreten Poesie, die Max Bense als Oberhaupt der 'Stuttgarter Schule' befehligte, wenn ich so sagen darf. Seine Anhänger pflegte Bense als 'gute Truppe' zu bezeichnen."

In der Folge der Goll-Affäre leidet Celan unter Verfolgungsängsten und psychotischen Schüben. Es ist auch diese Seite seiner Person, die in den Erinnerungen zum Ausdruck kommt. Nicht nur sinnlicher Lyriker mit einer Faszination für Heidegger, der charmante Gesprächspartner, der sein Gegenüber im Dialog berühren möchte und zur Erkenntnis führt. Es ist auch der neurotische, hochsensible Dichter, der an jeder Ecke eine Verschwörung wittert. Der Schriftsteller Rudolf Peyer schreibt:

"Das Bild meiner ersten Celan-Begegnung: sein Buddha-Mona Lisa-Lächeln
auf einem vibrierenden Lichthintergrund.
Mein letztes Celan-Bild: Wie er in strahlender Schwärze
in den Pariser Untergrund verschwand."

Überraschendes Bild mit vielen Facetten

Czernowitz – Bukarest – Wien – Paris: geordnet nach Paul Celans Lebensstationen versammelt der Band "Mit den Augen von Zeitgenossen – Erinnerungen an Paul Celan" Texte unterschiedlicher Länge, sie sind zum größten Teil verstreut andernorts erschienen. Zusammengebunden ergeben sie einen Lebenslauf in Begegnungen.

Auch wenn einige prominente Stimmen wie Nelly Sachs oder Ingeborg Bachmann, die ein umfangreicher Briefwechsel mit Paul Celan verband, hier keine Berücksichtigung finden, zeichnen die kurzen Beiträge der Anthologie ein vielschichtiges, oft überraschendes Bild von Paul Celan. Ein Portrait ähnlich einem Kristall. Die verschiedenen Facetten blitzen auf und machen das Ganze, das Gitter sichtbar.

Stand: 22.11.2020, 14:51