Rüdiger Safranski - Hölderlin, Komm ins Offene Freund!

Rüdiger Safranski - Hölderlin, Komm ins Offene Freund!

Rüdiger Safranski - Hölderlin, Komm ins Offene Freund!

Von Brigitta Lindemann

Göttliches Feuer brennt und verbrennt: Rüdiger Safranski widmet dem exzentrischen Genius
Hölderlin eine wohltemperiert Biografie.

Rüdiger Safranski
Hölderlin
Komm ins Offene Freund!

Biographie
Carl Hanser Verlag, München 2019
Gebunden, 336 Seiten
28,00 EUR
ISBN 9783446264083

Rüdiger Safranski: "Hölderlin - Komm! Ins Offene, Freund!"

WDR 3 Buchkritik 20.03.2020 05:31 Min. Verfügbar bis 20.03.2021 WDR 3

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1789. Das Versprechen der Französischen Revolution

Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit, überschreitet Grenzen. In den deutschen Kleinstaaten jubeln die Dichter und Denker und alle, die es noch werden wollen. Die Gemüter sind hoch gestimmt, die Verstandeskräfte gespannt: Morgenröte bricht an. In philosophischen und literarischen Werken tritt ein Ich an, das von Standesgrenzen nicht mehr eingeschränkt, von den finsteren Mächten der Reaktion nicht länger unterdrückt wird. Auch der junge Friedrich Hölderlin, 1788 bis 1793 Student im Tübinger Evangelischen Stift, schwört hymnisch herauf die Freiheit, die Wahrheit, die unsterblichen Musen. "Tirannenstühle" verwaisen, es bricht an das Zeitalter der Harmonie und der Einheit des Menschengeschlechts.

"‘Göttliches Feuer auch treibet, bei Tag und bei Nacht,/ Aufzubrechen. So komm! Daß wir das Offene schauen’, heißt es in Hölderlins “Brod und Wein”, der schönsten und gewaltigsten Elegie in deutscher Sprache. Was ist das für ein Feuer, das in Leben und Poesie Hölderlins brennt? Das ist die Frage, der dieses Buch nachgeht. Poesie war für Hölderlin Lebensmittel, im höchsten Sinne und in Einsamkeit und Verbundenheit."

Die Anfänge einer der fruchtbarsten Perioden der deutschen Literatur- und Philosophiegeschichte

Friedrich Hölderlins Jahre im Tübinger Stift, theologische Ausbildungsstätte für den hochbegabten Nachwuchs im württembergischen Herzogtum, bilden das Zentrum von Rüdiger Safranskis Biographie "Hölderlin. Komm ins Offene Freund!". Sichtlich begeistert schildert der Germanist und Philosoph Safranski die Anfänge einer der fruchtbarsten Perioden der deutschen Literatur- und Philosophiegeschichte. Politische Revolution und Reaktion, pietistische Frömmigkeit, Vernunft-Rebellion und Heilserwartungen der ästhetischen Art gebündelt auf engem Raum, in kürzester Zeit - das allein ist ein Glücksfall für jeden Biographen. Damit nicht genug, findet sich im Tübinger Stift die wohl berühmteste Wohngemeinschaft der Geistesgeschichte ein: neben Hölderlin sind das die Freunde und zukünftigen Philosophen Georg Wilhelm Friedrich Hegel und Friedrich Wilhelm Joseph Schelling. Jugendliche Genies und politische Aufbruchstimmung – dieser Stoff erlaubt Safranski über die Schilderung des Werdegangs seines Protagonisten hinaus die wichtigsten zeitgenössischen Einflüsse zu sichten: Spinozas pantheistische Verbindungs-Lehre von Geist und Natur; Kants Untersuchungen der Bedingung der Möglichkeit von Erkenntnis; Fichtes Setzung eines absoluten Ich. Dazu die Zusammenschau verstreuter ästhetischer Schriften, etwa Winkelmanns, Herders und Schillers.

Er schmiedet Pläne

Rüdiger Safranski

Rüdiger Safranski

Pfarrstellen treten die "Tübinger Drei" genannten Hölderlin, Hegel, Schelling nach ihren Abschlussexamina nicht an. Keiner von ihnen hatte es je vor. Was ihnen bleibt, vorerst, ist, sich durchzuschlagen als Hauslehrer. Safranski schickt seinen Helden auf den Dienstbotenweg durch Alt- und Neureichtum und leidet ersichtlich mit. Sein Held reüssiert nicht. Zwar werden Hölderlins Gedichte hier und da publiziert, der erste Band seines Hyperion-Romans erscheint 1797, er schmiedet Pläne - eine eigene Literaturzeitschrift etwa und entwirft Projekte, das Empedokles-Trauerspiel, das er bald wieder abbricht. Unter Seinesgleichen ist er als Dichter anerkannt und geschätzt - und er bleibt doch erfolglos. Und zweifelt immer wieder an sich selbst.

"In guten Momenten fühlte er sich stark, mit Leben erfüllt, in einem euphorischen Sinne seinsverbunden; dann aber spürte er alles Leben aus sich entweichen, er entgleitet sich selbst, und er fühlt sich als Nichts. Es sind eher die erfüllten Momente, die ihn zur Poesie, und die krisenhaften, die ihn zur Philosophie bringen. ‘Das Mißfallen an mir selbst hat mich in die Abstraction hineingetrieben’, schrieb er im September 1795 an Schiller."

Das anschauliche Bild eines Schönheitstrunkenen und Zweifelnden

Safranski, chronologisch voranschreitend, verbindet versiert Biographie und Historiographie, ästhetische Erläuterungen, vorsichtige psychologische Annäherung, Editions- und Rezeptionsgeschichte. Aus eingestreuten Gedichten, Zitaten aus Drama, Roman und philosophischen Schriften entwickelt sich das anschauliche Bild eines Schönheitstrunkenen und Zweifelnden. Zerrissen zwischen Freiheitsstreben, hochfahrender Theorieanstrengung und Vereinigungswunsch. Ein exzentrischer Held. In Stil und Haltung seinem Biographen ganz unähnlich. Wo Hölderlin ruhelos, ist Safranski betulich; dem Unbedingten, auch zuweilen Schrillen des Hölderlinschen Tons setzt er das wohltemperiert Moderate entgegen. Fast hat es den Anschein, als wolle der Biograph warnen vor den frühen zu hohen Ansprüchen, dem folgenden zu tiefen Fall.

Dem Träume entsagen möchte man aber doch viel lieber mit dem Dichter Hölderlin selber. In seinem Exil im Tüinger Turmzimmer über dem Neckar verabschiedete der die jugendliche Emphase mit den rührenden Versen:

"April und Mai und Julius sind ferne,/ Ich bin nichts mehr, ich lebe nicht mehr gerne!"

Stand: 17.03.2020, 18:51