Katharina Rudolph - Rebell im Maßanzug. Leonhard Frank. Die Biographie

Buchcover: Katharina Rudolph - Rebell im Maßanzug. Leonhard Frank. Die Biographie.

Katharina Rudolph - Rebell im Maßanzug. Leonhard Frank. Die Biographie

Von Ulrich Rüdenauer

Der Revolutionär im Gehpelz - eine detailreiche Biographie von Katharina Rudolph erinnert an den Exilautor Leonard Frank.

Katharina Rudolph: Rebell im Maßanzug. Leonhard Frank. Die Biographie.
Aufbau Verlag, Berlin 2020.
496 Seiten. 28 Euro.

Katharina Rudolph: "Rebell im Maßanzug. Leonhard Frank. Die Biographie

WDR 3 Buchkritik 06.11.2020 04:41 Min. Verfügbar bis 06.11.2021 WDR 3


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Die richtige Kleidung für eine Demonstration

Dass Leonhard Frank nicht nur an die Revolution glaubte, sondern auch das Leben zu genießen wusste, das zeigt eine wunderbare Anekdote von Otto Flake:

"Die Zürcher Sozialisten wollten den Jahrestag der russischen Revolution feiern und beantworteten das Verbot mit einem Proteststreik. Als ich ins Café Odéon kam, erzählte Hans Arp, er müsse auf seinen Regenmantel warten und den Gehpelz meines Kollegen Leonhard Frank bewahren: Vor der 'Neuen Zürcher Zeitung' finde eine Demonstration statt, Frank habe es für seine Pflicht gehalten, bei den Arbeitern zu sein – nach Austausch des kapitalistischen Kleidungsstückes mit dem bescheidenen Gummicape."

Diese Episode findet sich in einer kenntnis- und umfangreichen Biographie über Leonhard Frank, der ersten überhaupt. Dass die Autorin Katharina Rudolph ihr Porträt des heute kaum noch gelesenen Schriftstellers "Rebell im Maßanzug" nennt, scheint also nur folgerichtig: Tatsächlich hatte sich der aus kleinen Verhältnisse stammende Frank – die Vorfahren waren Handwerker und Tagelöhner – nicht nur ein proletarisches Bewusstsein bewahrt, sondern zudem einen ausgeprägten Sinn für exquisite Kleidung und Speisen erworben.

Vom Maler zum Autor

Frank wurde 1882 in Würzburg geboren. Rudolph schildert mit großem Einfühlungsvermögen die frühen Prägungen des Milieus und der Stadt, die in seinem Werk eine wichtige Rolle spielen sollten.

Werden wollte er zunächst Maler. Sein Talent wird erkannt. Er geht nach München, besucht die Akademie, tummelt sich in der zu Beginn des 20. Jahrhunderts brodelnden Münchener Boheme. Er lernt den einflussreichen Psychiater Otto Gross kennen, hat Kontakt zu den Aussteigern auf dem Monte Verità; und er durchlebt die ersten Liebesabenteuer. Frank gerät fast in einen Rausch – der freilich nicht ohne innere Turbulenzen zu haben ist.

Als er feststellt, dass sein Talent zum Malen nicht an das anderer Künstler in seinem Umfeld heranreicht, wendet er sich dem Schreiben zu. Keiner traut ihm das zu. Aber er hat diesen unbedingten Willen, "etwas zu werden". Und dann ist da der Roman "Die Räuberbande", ein Ausrufezeichen. Er erhält den Fontane-Preis. Und wird über Nacht bekannt. Nach dem Krieg zieht er nach Berlin.

Kontraste zu Franks Autobiographie

Es folgen unstete Jahre, Liebschaften, Exzesse, eine Fortsetzung des bohemehaften Münchener Lebens, nun aber in einer Weltmetropole, die alles zu bieten hat, was einen jungen Mann zu inspirieren vermag. Frank feiert seine erfolgreichste Zeit: Romane entstehen, er schreibt Theaterstücke und Drehbücher: ein mondänes Dasein, das kaum weiter von dem des einstigen Schlosserlehrlings entfernt sein konnte.

Dann der große Bruch. Der bekennende Sozialist Frank ahnt früh, was die Machtergreifung Hitlers bedeutet. Seine Bücher werden verbrannt, er flüchtet. Seine Exiljahre gleichen denen vieler Generationsgenossen. Katharina Rudolph bettet das Schicksal Franks geschickt ein in größere Zusammenhänge. Und immer wieder kontrastiert sie die tatsächlichen Ereignisse mit den Schilderungen in Franks Autobiographie "Links wo das Herz ist" – viele Abweichungen gibt es da, Verkürzungen, vielleicht auch Verdrängungen.

Exil in den USA und Rückkehr nach Deutschland

Es sind abenteuerliche Jahre, Frank entkommt den Nazi-Schergen nur knapp – und landet schließlich in Los Angeles, wie Lion Feuchtwanger und Thomas Mann, nur in weniger erfreulichen Lebensumständen als die beiden. Frank gehört zu den Emigranten, die auf Hilfe angewiesen sind, nicht Fuß fassen in den USA, ihre Bücher nicht mehr verkaufen können. Aber er lernt während des Exils seine letzte große Liebe Charlott kennen, mit der er schließlich nach Deutschland zurückkehrt.

Noch einmal fängt er von vorn an – leidet aber darunter, dass man seine Bücher ignoriert. An frühe Erfolge kann er nicht anknüpfen. Auch wenn er umworben wird von der DDR – sogar gedrängt, sich im Ostteil des Landes niederzulassen.

"Seit seiner Rückkehr aus dem Exil befand sich Frank in einem Dauerkonflikt zwischen seiner Bewunderung für den real existierenden Sozialismus im Osten einerseits und der Tatsache andererseits, dass er den von ihm in der Theorie so verteufelten Kapitalismus in seinem praktischen Alltag in der Bundesrepublik genoss."

Frank stirbt 1861 in München. Sein einstiger Ruhm ist da längst verblasst. Mit Katharina Rudolphs souverän erzählter Biografie kann man nun nicht nur in die wechselvolle Geschichte dieses Autors eintauchen; man bekommt zudem Lust, einige seiner Bücher erstmals oder wieder zu lesen. Gelegenheit hat man etwa mit der Neuauflage seines Romans "Karl und Anna" aus dem Jahr 1927, ebenfalls gerade im Aufbau Verlag erschienen.

Stand: 05.11.2020, 13:58