Lev Rubinstein - Ein ganzes Jahr. Mein Kalender

Buchcover: Lev Rubinstein - Ein ganzes Jahr. Mein Kalender

Lev Rubinstein - Ein ganzes Jahr. Mein Kalender

Von Christine Hamel

Eine persönlich gefärbte Geschichte der Sowjetunion in 365 Tagen. Lev Rubinsteins Kalender kombiniert skurrile historische Daten, etwa die Erfindung des Nylon oder die Einführung des Tutu im Ballett, mit atmosphärisch dichten Erinnerungen aus seiner Kindheit und Jugend in den 50er und 60 Jahren in der Sowjetunion.

Lev Rubinstein: Ein ganzes Jahr. Mein Kalender
Friedenauer Presse, Berlin 2021.
447 Seiten, 32 Euro.

Lev Rubinstein: "Ein ganzes Jahr. Mein Kalender"

WDR 3 Buchkritik 22.06.2021 05:06 Min. Verfügbar bis 22.06.2022 WDR 3


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Ein Kalender als Medium der Literatur

Schon immer hatte Lev Rubinstein ein Faible für Serien. Der Moskauer Dichter und Essayist hatte nach dem Studium viele Jahre als Bibliograph gearbeitet, was ihn zu einer Karteikartenpoesie angestiftet hat. Im Rahmen von Performances zog Lev Rubinstein eine Karte nach der anderen aus einem Kasten hervor und verlas der Reihe nach Textbausteine – mal nur ein Wort, mal mehrere Sätze. Eine Anspielung auf sowjetischen Bürokratisierungsfuror und gleichzeitig Methode dessen poetischer Überwindung.

Ähnlich geht der Schriftsteller nun vor in seinem gerade auf Deutsch erschienenen Buch "Ein ganzes Jahr. Mein Kalender". Das Genre des Kalenders wird hier zum Medium der Literatur, in dem historische, nationale oder globale Daten mit persönlichen Erinnerungen, Geschichten, Skizzen und Gleichungen kombiniert werden. 

"Für jeden Tag habe ich ein Ereignis ausgewählt, zu dem ich eine Reflexion geschrieben habe, einen Gedanken oder eine Erinnerung. So einen Mini-Essay. Eigentlich war „Das ganze Jahr“ ein Schauspiel mit Videoprojektionen, das ich für das Theater entwickelt habe. Ich wähle wichtige historische Ereignisse aus und verbinde sie mit meinen persönlichen Erinnerungen. Ich erinnere mich, was ich an dem und dem Tag gegessen habe und welches Kleid meine Mutter getragen hat. Alles läuft auf einer horizontalen Linie ohne Hierarchie, das politische kann persönlich sein und das Persönliche politisch. Das einzige Prinzip das mich geleitet hat, ist das des Kalenders."

Private Erinnerungen an Kindheit und Jugend

Am 6. Januar 1943 wurden beispielsweise in der sowjetischen Armee Schulterklappen eingeführt. Lev Rubinstein schreibt dazu:

"Ich habe ein Foto von meinem Vater mit ebensolchen Schulterklappen. Es ist im Jahr 1943 an der Front aufgenommen worden. Mein fünf Jahre älterer Bruder war sehr stolz auf dieses Foto. Einmal, als er zusammen mit Mama in der Brotschlange stand, fragte er laut: „Mama, wer ist wichtiger, Papa oder Stalin?“ Mama tat so, als hätte sie nichts gehört. Die anderen in der Schlange auch."

Geburts- und Todestage von Künstlern und Staatsmännern, Beschlüsse, Gesetze und Naturkatastrophen, historische Schlachten oder wegweisende Erfindungen setzen private Erinnerungen, Anekdoten und Überlegungen des Autors in Gang. Im Mittelpunkt steht eine sowjetische Kindheit und Jugend in den 1950er und 60er Jahren.

Die Wärme des gelebten Lebens

Szenen aus dem Alltag in der Moskauer Kommunalwohnung kommen dem Autor in den Sinn, das Zahnpulver in runden Papp-Schächtelchen der Marke "Freiheit", die ersten polnischen Jeans für sieben Rubel, sechsundachtzig Kopeken, funkensprühende Nylonhemden, die Angst vor dem Atompilz, der allgegenwärtig auf Plakaten abgebildet war oder der Stolz des Vaters, einer der ersten Pioniere gewesen zu sein. Im Zeitraum von  365 Tagen erzählt Lev Rubinstein von einer ganzen Epoche. Auf den 7. März etwa fällt im Jahr 321 die Erklärung des Sonntags zum Feiertag durch Konstantin den Großen. Lev Rubinstein kombiniert dieses Datum mit einem Minidrama aus der Familie.

"Sonntags komm ich Dich besuchen, Sonntags gibt’s für Stalin Kuchen, gibt’s für Hitler in den Arsch, und dann Marsch!“ trällerte mein großer Bruder laut, während er mit großem Getöse die Liege zusammenklappte. Der Tag versprach, heiter zu werden."

Das Feierliche des großen historischen Datums konterkariert der Schriftsteller elegant mit der Wärme des gelebten Lebens. Zu dem gehört, dass gewisse Dinge nicht mehr in Erinnerung gerufen werden können, daher heißt es im Buch immer mal wieder:

"Danach…ich erinnere mich nicht mehr."

Oder

"Ich weiß nicht ob das stimmt. Und werde es auch nicht mehr erfahren."

Eine individuelle Historiographie

Lev Rubinsteins Kalender ist ein Kaleidoskop des Lebens, das alltäglichen Ereignissen plötzlich eine ganz andere Tiefe verleiht. Indem der Autor der Zeit gewissermaßen ein Schnippchen schlägt – sie schreitet in Rubinsteins Kalender ja auch nicht voran, sondern wirbelt vergangenheitsselig durcheinander - befreit er sich von ihrem Diktat und nutzt die vorgegebenen 365 Tage des Kalenders allein für eine ganz eigene, individuelle Historiographie und zum lustvollen, lakonischen Erzählen, von dem man gerne noch ein, zwei weitere Jahre lesen würde.

Lev Rubinstein stellt seinem Kalender denn auch einen Zeiteindruck des Schriftstellers Andrej Platonow voran, der schrieb: "Es verging ein Jahr, danach gleich zwei."   

Stand: 21.06.2021, 12:52