"Gebrauchtes Glück" von Gabrielle Roy

Buchcover: "Gebrauchtes Glück" von Gabrielle Roy

"Gebrauchtes Glück" von Gabrielle Roy

Von Jutta Duhm-Heitzmann

Arbeitslosigkeit, Armut, keine  Aussicht auf Verbesserung: die kanadische Autorin Gabrielle Roy schrieb über die deprimierenden sozialen Zustände in ihrer Heimat zur Zeit des Zweiten Weltkriegs. Ihr Roman "Gebrauchtes Glück" gilt in ihrem Land als Klassiker der modernen Literatur.

Gabrielle Roy: Gebrauchtes Glück
Aus dem Französischen von Annabelle Assaf und Sonja Fink.
Aufbau Verlag, Berlin 2021.
455 Seiten, 24.00 Euro.

"Gebrauchtes Glück" von Gabrielle Roy

Lesestoff – neue Bücher 20.10.2021 05:12 Min. Verfügbar bis 20.10.2022 WDR Online Von Jutta Duhm-Heitzmann


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Lebensträume

Träume, wie sie junge Menschen überall auf der Welt haben: eine glückliche Beziehung, Erfolg im Beruf, genügend Geld. Florentine ist da keine Ausnahme. Vor allem als sie Jean kennenlernt:

"Er war derjenige, der sie aus diesem tiefen Schlaf gerissen hatte, in dem sie versunken gewesen war, fernab des Lebens, voller Kummer und Groll, allein, erfüllt von unbestimmten Hoffnungen, die sie nicht richtig wahrnahm und unter denen sie nicht wirklich litt."

Sozialer Auf- und Abstieg

Florentine arbeitet als Kellnerin in einem schäbigen Bistro und hat sich eingerichtet in ihrem Leben, auch wenn sie von einem anderen träumt. Jean dagegen hat nichts gegen einen Flirt mit der hübschen jungen Frau, aber sein Lebensplan sieht anders aus: sozialer Aufstieg! Also kein Happy End in Sicht.

So wie bei allen anderen, die sich um die beiden gruppieren. Vorneweg Florentines Eltern, die sich erfolglos gegen den sozialen Abstieg stemmen, die Mutter erschöpft von elf Geburten und schon wieder schwanger, der Vater mit hochtönenden aber leeren Versprechungen auf bessere Zeiten.

"Von Beruf Schreiner, hatte die Massenarbeitslosigkeit ihn als einen der ersten getroffnen. Zu stolz, um eine beliebige Arbeit anzunehmen, hatte er nur in der eigenen Branche nach etwas neuem gesucht. Irgendwann hatte er resigniert und war wie so viele andere bei der staatlichen Fürsorge gelandet."

Tief im Seelenleben der Figuren

Kein Ausweg, keine Hoffnung, nirgends. In der Provinz Québec, in der Gabrielle Roy seit 1939 lebte, war die in Kanada herrschende Arbeitslosigkeit besonders hoch: eine korrupte Regierung, der alles überlagernde Einfluss der Katholischen Kirche, die Industrie fest in der Hand auswärtiger Investoren, geringe staatliche Fürsorge. Und dann auch noch der Zweite Weltkrieg.

Die Schriftstellerin beschreibt die Verhältnisse schonungslos, genau und zornig, und taucht dabei tief ein in das Seelenleben ihrer Personen: Florentine, die für ein bisschen Glück sogar betrügt; das hilflose Entsetzen der Mutter als sie vom Kriegsbeginn hört.

"Das Gefühl, nicht allein zu sein, sondern inmitten anderer Frauen zu laufen, Tausender Frauen, sie hatte das Gefühl, ihre Wehklage zu hören, die müde Wehklage der hart arbeitenden, einfachen Frauen, die aus Jahrhunderten an ihr Ohr drangen. Sie war eine dieser Frauen, die nichts zu verteidigen hatten als ihre Männer und Söhne. Eine dieser Frauen, deren Augen bei Paraden trocken blieben und die im Herzen den Krieg verfluchten."

Ein früher Beitrag zur Emanzipationsdebatte

Ein hochpolitischer Roman und von unerwarteter Wirkung: "Gebrauchtes Glück", "Bonheur d’ Occasion", trug wesentlich zur "Stillen Revolution" der 60er Jahre in Québec bei, als die korrupte Politikerkaste entmachtet, der Einfluss der Kirche beschnitten und eine neue Sozialgesetzgebung auf den Weg gebracht wurde.

Gleichzeitig wird er auch als früher Beitrag zur Emanzipationsdebatte gelesen, mit einer modernen, intensiven, psychologisch sezierenden Binnensicht. Gabrielle Roy räumt den Frauen den zentralen Platz ein, ihrem Mut und ihrer Kraft, mit der sie sich den deprimierenden Umständen entgegenstemmen.

Das Grauen des Krieges

Nur den Sog des Krieges können sie nicht verhindern: Neben den Patrioten, die für das ferne französische Vaterland kämpfen wollen, verpflichten sich auch verzweifelte Männer, um durch den Sold ihren Familien das Überleben zu sichern.

Oder – so die bittere Ahnung der Autorin und ihrer Protagonistinnen – durch die Witwenrente. Bei der Fahrt an die Front sieht einer von ihnen aus dem Zugfenster auf seine Stadt.

"In einem Hinterhof reckte ein Baum seine krummen Äste durch ein Netz aus Stromleitungen und Wäscheleinen. Die harten, verdorrten Blätter wirkten halb tot, noch bevor sie sich ganz geöffnet hatten. Düstere, tief hängende Wolken kündeten von dem bevorstehenden Unwetter."

Stand: 19.10.2021, 16:40