David Rothenberg - Stadt der Nachtigallen. Berlins perfekter Sound

David Rothenberg - Stadt der Nachtigallen. Berlins perfekter Sound

David Rothenberg - Stadt der Nachtigallen. Berlins perfekter Sound

Von Tobias Wenzel

Er hat mit Walen und Zikaden Musik gemacht: David Rothenberg. In seinem neuen Buch beschreibt der US-amerikanische Experimentalmusiker, wie er seit Jahren Berliner Nachtigallen auf der Klarinette begleitet, und macht damit dem Leser Lust auf Natur.

David Rothenberg
Stadt der Nachtigallen. Berlins perfekter Sound

Aus dem Englischen von Silvia Morawetz
Rowohlt, Hamburg 2020
264 Seiten
26 Euro

Er sagt, er mache Musik mit ihnen

Nach der Lektüre von David Rothenbergs Buch "Stadt der Nachtigallen" will man Nachts das Haus verlassen, um selbst eine Nachtigall zu hören und überhaupt mit offeneren Ohren durch die Welt gehen. Das hat der Professor für Philosophie und Musik am New Jersey Institute of Technology ausgerechnet dadurch im Leser ausgelöst, dass er ihm von seinem ziemlich verrückten Projekt erzählt hat: Seit Jahren spielt David Rothenberg im Frühling Klarinette zum Gesang Berliner Nachtigallen. Er sagt, er mache Musik mit ihnen:

"Wissenschaftler würden mir jetzt natürlich so etwas sagen wie: 'Der Vogel interessiert sich nur für seinen eigenen Gesang. Das Klarinettenspiel ist für ihn nur Lärm oder Ablenkung. Der Nachtigall sind Sie egal. Machen Sie sich nichts vor!' Auf der anderen Seite wissen diejenigen, die mit Nachtigallen musiziert haben, dass sie sich für Klänge interessieren."

David Rothenberg: "Stadt der Nachtigallen"

WDR 3 Buchkritik 03.06.2020 05:46 Min. Verfügbar bis 03.06.2021 WDR 3

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Die klingt ja wie eine seltsames elektronisches Gerät!

Warum, argumentiert Rothenberg, sollten sich Nachtigallen dann nicht auch für sein Klarinettenspiel interessieren und darauf antworten, indem sie ähnlich oder gerade verschieden klingende Phrasen aus ihrem umfangreichen Repertoire auswählen?
Das ebenso lehrreiche wie sinnliche Buch, das Silvia Morawetz wunderbar ins Deutsche übertragen hat, beginnt mit dem erst einmal überraschenden Kapitel Der Vogel ist für uns verdorben. Die reale Nachtigall ist nämlich unter ihrem eigenen Mythos verschüttet. In Rothenbergs Heimat, den USA, gibt es keine Nachtigallen. Deshalb hat er sie lange nur durch den Filter der Literatur wahrgenommen, vor allem durch Gedichte:

"Ich dachte also, die Nachtigall singe komplexe Melodien, fast wie bei Beethoven. Als ich dann in den 90ern in Helsinki war, habe ich ein seltsames Geräusch aus den Bäumen gehört. [macht es nach] Da habe ich gefragt: 'Was ist das?' Die Antwort: 'Eine Nachtigall.' Und ich: 'Was?! So hört sich eine Nachtigall an? Die klingt ja wie eine seltsames elektronisches Gerät!' Und seitdem bin ich davon besessen, der Welt um mich herum zu lauschen."

Die vielfältigen Klänge dieser Stadt

David Rothenberg

David Rothenberg

Besonders gern lauscht er den Nachtigallen in Berlin, in keiner anderen europäischen Großstadt gibt es so viele und auch noch spektakulär singende Nachtigallen. Das liegt, laut Rothenberg, nicht nur an dem für sie günstigen Wildwuchs in Berliner Parks. Sie suchen außerdem die vielfältigen Klänge dieser Stadt, um mit ihnen in einen Wettstreit zu treten. Mit Phrasen, die für den Jazzmusiker Rothenberg der perfekte Sound sind. Weil sich der Nachtigallen-Gesang seit Millionen von Jahren bewährt hat. Dieser Gesang kann wiederum Teil einer vollkommenen Klanglandschaft werden. Rothenberg spricht hier vom Sharawaji-Effekt

"Man hört die Vögel auf eine gewisse Art an einem bestimmten Ort singen. Die Lufttemperatur stimmt. Auch der Wind. Man hört in der Ferne ein Geräusch, vielleicht das einer S-Bahn. Natur und Mensch vereint. Ein perfekter unerwarteter Augenblick."

Das Zusammenspiel aus Klängen von Mensch und Natur

Diesem Sharawaji-Effekt hat Rothenberg in "Stadt der Nachtigallen" ein ganzes Kapitel gewidmet. Im Folgenden grenzt sich der Autor von Bernie Krause, dem Pionier der Naturklangforschung, ab. Während Krause bedauert, dass es kaum noch Orte gibt, die frei von menschengemachten Geräuschen sind, sieht Rothenberg das als Chance. Ihn reizt gerade das Zusammenspiel aus Klängen von Mensch und Natur. Da könne es eine gegenseitige Anziehung geben. So nähren sich Glattwale leise dröhnenden Schiffen, weil ihnen das Geräusch gefällt. In Berlin lassen sich Nachtigallen besonders häufig neben S-Bahn Gleisen nieder. Vielleicht mögen sie das Geräusch der Bahn, genauso wie David Rothenbergs Klarinettenspiel. Wenn der Mensch wiederum den Gesang der Nachtigall wie auch die Klänge von Walen und Zikaden als Musik begreift, kommt er der Natur näher, ist sich Rothenberg sicher. Dem Leser erscheint es auch deshalb plausibel, weil Rothenberg sehr schön beschreibt, wie es ihn selbst und befreundete Musiker verändert, wenn sie mit der anderen Spezies Nachtigall musizieren. Rothenberg skizziert im Buch seine Vorstellung von einer respektvollen Koexistenz von Mensch und Natur. Und wird auch systemkritisch:

"Im Berliner Zoo können Gorillas durch eine Glasscheibe beobachten, wie Menschen im Käfig des Einkaufszentrums Bikini Berlin dumme Dinge tun, nämlich shoppen gehen. Wir können die Tiere betrachten und die Tiere uns. Wer befindet sich im Käfig? Natürlich sitzen die Gorillas im Zoo fest. Aber wir, wir sitzen im kapitalistischen System fest und müssen wertlose Dinge kaufen."

Selbst wenn man als Leser denkt, David Rothenberg sei ein Phantast, die Nachtigall reagiere gar nicht auf seine Klarinette, selbst dann muss man ihm zugestehen: Er hat uns mit seinem Buch berührt, neugierig auf diesen außergewöhnlichen Vogel gemacht und uns für die Schönheit der Natur sensibilisiert.

Stand: 28.05.2020, 16:37