Tobias Roth - Welt der Renaissance

Buchcover: Tobias Roth - Welt der Renaissance

Tobias Roth - Welt der Renaissance

Von Corinne Orlowski

Etwas zum Staunen und Schwelgen: Tobias Roth versammelt in seinem großen Prachtband Literatur, Alltag und Gedankenwelt der italienischen Renaissance.

Tobias Roth: Welt der Renaissance
Galiani Verlag, Berlin 2020.
640 Seiten, 89 Euro.

Tobias Roth: "Welt der Renaissance"

WDR 3 Buchkritik 22.12.2020 05:26 Min. Verfügbar bis 22.12.2021 WDR 3


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Die Realität einer faszinierenden Epoche

Die Renaissance war kein goldenes Zeitalter, wie gemeinhin behauptet wird. Die Renaissance war geprägt von Kriegen, Hungersnöten und Klimakatastrophen. Für 90 Prozent der Menschen hat sie überhaupt nicht stattgefunden. Trotzdem können wir zweifellos eines sagen: Die Renaissance ist eine der faszinierendsten Epochen unserer Zeit. Dank der Anthologie "Welt der Renaissance" des Autors, Übersetzers und Verlegers Tobias Roth verstehen wir nun endlich auch warum.

"Vielleicht ist dir etwas von mir zu Ohren gekommen – obwohl es mir durchaus zweifelhaft erscheint, ob mein kleiner und unbekannter Name durch Raum und Zeit zu dringen vermag; und vielleicht möchtest du wissen, was für ein Mensch ich gewesen bin und welche Werke ich vollendet habe. Was ersteres betrifft, so werden die Meinungen der Menschen auseinandergehen: denn fast jeder redet so, wie es ihm gefällt, und nicht wie die Wahrheit es fordert. Lob und Verunglimpfung kennen beide kein Maß."

Diese Zeilen stammen von Francesco Petrarca, sozusagen der Gründungsvater der Renaissance. Er ist besessen von alten Büchern, umarmt und küsst sie – auch wenn er sie gar nicht lesen kann, wie seine Homer-Handschrift auf Griechisch. Seine Gegenwart kommt ihm elend und dunkel vor. Sehnsüchtig schaut er auf die Antike, für ihn eine Zeit der Größe und des Glanzes.

Viele Überlieferungen aus Briefen, Widmungen und Tagebüchern

In seiner Anthologie zeigt Tobias Roth anschaulich, wie sich immer mehr Humanisten einer Kultur zuwenden, die damals bereits 1500 Jahre alt ist und in der man Latein spricht. Die Gelehrten beginnen, eifrig alles Altertümliche nachzuahmen, dabei schaffen sie etwas völlig Neues.

Tobias Roth:
"Die sind nicht gefangen im 'ich distanziere mich' und muss krampfhaft reflektieren worin ich mich jetzt von der Vergangenheit unterscheide. Die haben da keine Scheu, dieses Zeug zu nehmen und zu bearbeiten und zu verändern. Die haben keine museale Distanz."

Wir lernen: die Renaissance ist gesprächig. Überliefert sind unzählige Briefe, Widmungen, sogar Tagebücher – so wie das vom Florentiner Apotheker Luca Landucci. Es nimmt einem den Atem, wie er die Brutalität aber auch den kunstsinnigen Alltag seiner Zeit einfängt.

"Am 13. Januar 1510 fing es in Florenz und in der ganzen Gegend zu schneien an und es schneite vier Tage am Stück und hörte nicht auf, sodass in ganz Florenz einen halben Arm hoch Schnee lag. Und man machte Löwen daraus, sehr schöne, von großen Künstlern, auch nackte Gestalten, auch hier von großen Künstlern; und in Borgo San Lorenzo baute man ganze Städte mit Festungen und vielen Schiffen: Und so ging es in ganz Florenz."

Ein sehr buntes Feld an Entdeckungen

Neben Fabeln von Leonardo da Vinci, obszönen Briefen von Machiavelli, ersten Gedanken über die Würde des Menschen oder Gedichten von außergewöhnlichen Frauen, sind noch viele weitere Entdeckungen zu machen: Eine Lobrede auf die Nase, Trauerlieder auf Haustiere, ein Epos über die Krätze. Außerdem derbe Pornographie, zarte Liebesdichtung und ausgefallene Menüs am Hofe.

"Ein häusliches Abendessen, das ich meinem erlauchtesten und ehrwürdigsten Dienstherren veranstaltet habe: 24 große und vergoldete Pralinen aus Mandeln und Honig, magere Stücke vom gebratenen Pfau, Hirnwürste und Kalbseuter, süße grüne Soße, 300 Austern mit Orangen und Pfeffer."

Philosophieren über die Liebe

Das Zeitalter der Renaissance, diese 300 Jahre vom Beginn des 14. bis zum Ende des 16. Jahrhunderts, blickt mit offenen Augen auf die Schönheit der Natur. Denn irdische Schönheit wird als identisch mit Gott assoziiert. Deswegen philosophiert man auch so viel über die Liebe. Mit ihr lässt sich das Verhältnis des Menschen zur Welt und zu Gott beschreiben. – Pietro Bembo war so etwas wie der damalige Literaturpapst. Sein Stil war prägend. Seine Liebesphilosophie wegweisend. Er schreibt:

"Die Liebe ist wie die Sonne, die, mag sie auch die Zeichen durchwandern, sich immerzu hell den Sterblichen zeigt. Wenn sie zuweilen auch andere Länder bescheint als unseres, so lässt sie uns doch immer und überall ihre Gaben spüren. Für Männer, für Frauen ist sie wie die Gesundheit immer freudenreich und immer wohltuend. Sie verjagt die Traurigkeit, vertreibt die Melancholie, verscheucht die Ängste, schlichtet den Streit, stiftet Hochzeiten, lässt die Familien wachsen. Sie lehrt, zu sprechen, sie lehrt, zu schweigen, sie veredelt uns."

Spielerisch und auführlich eine Epoche kennenlernen

Man muss kein Historiker oder Renaissance-Experte sein, um Freude an diesem Buch zu haben. Unterhaltsam, mit zahlreichen Abbildungen und toll in Szene gesetzt von der Gestalterin Hanne Mandik, hat Roth ein großartiges Kompendium geschaffen.

In jahrelanger Arbeit hat er 350 Texte von 68 Autorinnen und Autoren ausgewählt, chronologisch angeordnet, komplett neu übersetzt, – teilweise erstmalig –, sie alle kommentiert, mit einer Einleitung versehen und ein Register mit Tausenden von Einträgen erstellt, damit man voll Verblüffung das Buch – ja oder eher die vielen Bücher – Seite um Seite durchstöbern und so spielerisch einer ganzen Epoche näher kommen kann.   

Stand: 21.12.2020, 16:37