Buchcover: "Rot und Weiß" von Joseph Roth

"Rot und Weiß" von Joseph Roth

Stand: 03.04.2022, 12:15 Uhr

Ein Schlüsselwerk: Im Band "Rot und Weiß" liegen erstmals der poetische Reisebericht "Die weissen Städte" und der parallel entstandene Essay "Juden auf Wanderschaft" von Joseph Roth vor – in ursprünglicher Form und mit allen nun sichtbaren Korrespondenzen. Eine Rezension von Ulrich Rüdenauer.

Joseph Roth: Rot und Weiß
Aus dem Nachlass ediert und mit einem Essay von Volker Breidecker.
Die Andere Bibliothek, 2022.
340 Seiten, 44 Euro.

"Rot und Weiß" von Joseph Roth

Lesestoff – neue Bücher 05.04.2022 05:16 Min. Verfügbar bis 05.04.2023 WDR Online Von Ulrich Rüdenauer


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Eine Reise zu den weißen Städten

Sind es Traumbilder, die Joseph Roth auf seiner Reise durch die Provence im Jahr 1925 gesehen hat? Spiegelungen einer noch ferneren Gegend, jenseits des Meeres, eine Fata Morgana, an den Maghreb erinnernd oder die Levante?

Die weißen Städte jedenfalls, von denen Roth spricht, mit ihren Flachdächern, haben etwas Märchenhaftes und Orientalisches – Nîmes, Arles, Avignon, Marseille. Sie verweisen auf die Welt am südöstlichen Ufer des Mittelmeers, aus der die Urväter Roths stammten. Es ist eine Reise zurück, und eine Reise in eine lichtere Zeit als jene dunkle, aus der Europa gerade aufgetaucht ist und in die es wieder hineintaumelt.

"Als ich dreissig Jahre alt war, durfte ich endlich die weissen Städte sehn, die ich als Knabe geträumt hatte. Meine Kindheit verlief grau in grauen Städten. Meine Jugend war ein grauer und roter Militärdienst, eine Kaserne, ein Schützengraben, ein Lazarett. Ich machte Reisen in fremde Länder – aber es waren feindliche Länder."

Durch die Seele des Autors

Der Romancier, Reporter, Feuilletonist Joseph Roth wird Mitte der 1920er Jahre von der Frankfurter Zeitung in den Süden Frankreichs geschickt. Eine Artikelserie erscheint. Aber "Die weissen Städte", das daraus hervorgehende Buch, geht über diese Reportagen weit hinaus, wie er in einem Brief schreibt:

"Es ist ein Reisebuch durch die Seele des Schreibers, wie durch das Land, das er durchfährt."

Es sei im höchsten Grade dichterisch, bekennt er – mehr noch, als ein Roman. Der Journalist Volker Breidecker spricht von einer Prosadichtung, einem modernen Märchen. Es ist ein poetischer Essay, der sich in keine Gattungsschublade sortieren lässt.

Verbindungslinien zwischen zwei Werken

Auf verschlungenen Wegen gelangte das Manuskript seinerzeit nicht zur Veröffentlichung, und später, nach dem Tod Roths 1938, wurde es nie in der von ihm vorgesehenen Form publiziert, als eigenständiges Buch nämlich. Mit der von Volker Breidecker aus dem Nachlass herausgegeben Fassung letzter Hand liegt es nun in der Anderen Bibliothek unter dem Titel "Rot und Weiß" vor, ergänzt um das zur selben Zeit entstandene "Parallprojekt" "Juden auf Wanderschaft".

Breidecker führt uns in seinem klugen, nuancenreichen Nachwort akribisch in diese Jahre; er legt die Verbindungslinien frei, die zwischen den beiden Werken verlaufen: die "weissen Städte" erscheinen so als Sehnsuchtsort der jüdischen Diaspora. Und Breidecker zeigt, wie der "unbehauste Poet" Roth nach der ersten Katastrophe des 20. Jahrhunderts in der Provence die verlorenen Orte der Vergangenheit sucht und in Worten heraufbeschwört. Es sind Epiphanie-Erfahrungen, wie sie Marcel Proust in seiner "Recherche" beschreibt.

"Hier ist man nicht leicht bereit, sein Blut zu vergiessen. Hier findet man eine Kindheit, seine eigene und die Kindheit Europas. Nirgends wird man so leicht heimisch. Und selbst wer das Land verlässt, nimmt das Beste mit, das eine Heimat mitgeben kann: das Heimweh."

Der Blick über die eigenen Grenzen hinaus

Die weißen Städte – für den aus Ostgalizien stammenden Juden Roth stehen sie für mehr als eine Landschaft. In ihnen lebt der Geist des Weltbürgertums, der Gastlichkeit, der Menschlichkeit. Diese universellen Werte sind für den Dichter in Frankreich zu Hause. Hier kommt Europa noch einmal zu sich, während weiter nördlich engstirniger Nationalismus und Militarismus als dunkle Schatten über dem Kontinent dräuen.

Kein Wunder, dass sein Buch im Deutschland des aufkeimenden Nazismus nicht mehr erscheinen konnte. Joseph Roth, das zeigt diese Ausgabe einmal mehr, war nicht nur ein brillanter Stilist. Er war hellsichtig, schwärmerisch, melancholisch, frei. Er war es aufgrund seiner Erfahrungen, und er war es aufgrund seines Blicks weit über die eigenen Grenzen hinaus.