Gerhard Roth - Die Hölle ist leer - die Teufel sind alle hier

Gerhard Roth - Die Hölle ist leer - die Teufel sind alle hier

Gerhard Roth - Die Hölle ist leer - die Teufel sind alle hier

Von Anja Hirsch

Auf schmalem Grad zwischen Realität und Fiktion folgt der neue Roman von Gerhard Roth seinen Figuren durch die Lagunenstadt Venedig - hinein in einen Bilderstrudel, der alles verschlingt.

Gerhard Roth
Die Hölle ist leer - die Teufel sind alle hier

S. Fischer, Frankfurt a.M. 2019
368 Seiten
25 Euro

Gerhard Roth: Die Hölle ist leer - die Teufel sind alle hier

WDR 3 Buchrezension 21.05.2019 04:49 Min. Verfügbar bis 20.05.2020 WDR 3

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Wenn man in der Unterwelt ist, soll man alles anfassen

Zum Tod hatten die Figuren in den Romanen Gerhard Roths schon immer ein ganz besonderes Verhältnis. Der österreichische Schriftsteller hält es mit Freud: Wenn man in der Unterwelt ist, soll man alles anfassen, hat der mal gesagt. Aber auch im oberirdischen Bereich ist Gerhard Roth von einer Neugier ohnegleichen angetrieben. In seinen Reportagen entdeckt er die Geschichten hinter Museumsstücken und den Menschen, die sie verwahren. Und auch seine Prosa lebt von Details; von Fundstücken und Strandgut, das seine eigenen Fährten legt, denen die Figuren dann tranceartig folgen; - diesmal in Venedig. Emil Lanz heißt der ebenso schwermütige wie wissensdurstige Protagonist. Seine Ehe in der Südsteiermark liegt schon eine Weile zurück. Nach dem Tod seiner Frau Alma - übersetzt heißt das „Seele“ - sind ihm nur die zwei "Walther" seines Schwiegervaters geblieben. Die Pistolen hat Lanz mitgenommen in sein Haus am Lido; die Seriennummern vorsichtshalber herausgekratzt. Zumindest eine der Kugeln darin hat ein sicheres Ziel:

"Er wollte jedesmal an einem Ort, der nur selten von Menschen aufgesucht wurde, Suizid begehen. Sobald er sich aber besser fühlte, vergaß er seine Gedanken."

Die Ruhe vor dem Sturm

Gerhard Roth

Gerhard Roth

Auf Venedigs Nachbarinsel Torcello soll es aber endlich geschehen. Der aus der Zeit gefallene Ort, noch menschenleer, scheint wie geschaffen, um Abschied zu nehmen. Fasziniert steht Lanz vor dem gewaltigen Goldmosaik an der Wand der mittelalterlichen Basilika. Jähzornige sind dort abgebildet, in eisiges Wasser getaucht; und Neidische im Angesicht von 17 Totenschädeln, denen Schlangen aus den Augen kriechen. Die Höllenbilder sind Lanz von Dantes „Göttlicher Komödie“ bestens vertraut - und düstere Vorzeichen, wie sich bald schon zeigen wird. Noch aber herrscht die Ruhe vor dem Sturm. Der geplante Selbstmord hat ihm offenbar die Sinne geschärft. Er ist verzückt.

"Als er den goldgeschmückten Raum hinter sich ließ, glaubte er für einen Augenblick, dass er das Universum von innen gesehen habe."

Kontraste bestimmen die erzählerische Wucht des Romans

Venedig, sagt Gerhard Roth, hat alles, was den Menschen ausmacht, eng beieinander: Die Sehnsucht nach Schönheit - ausgedrückt in der Kunst. Die Lust zu strafen - ausgelebt in der Justiz. Die Freude an der Intrige, symbolisiert durch die geöffneten Löwenmäuler am Dogenpalast, in die Bürger früher anonyme Anzeigen werfen konnten. Solche Kontraste bestimmen die erzählerische Wucht seines Romans, in dem alles immer aberwitziger wird. Schon erscheint Lanz' Realitätssinn geschwächt. Deshalb traut auch der Leser bald nicht mehr diesem einzelgängerischen Ich-Erzähler, der da schließlich nahe der vielsagenden "Satansbrücke" unter einem Holunderbusch statt Selbstmord zu begehen einen kaltblütigen Mord beobachtet haben will - nach dem Genuss von drei Flaschen Rotwein und irgendwelcher dubiosen Pflanzenteile. Zumindest eine seiner beiden "Walther" ist bald wie vom Erdboden verschwunden. Im Polizeibericht über den Mord ist von einer Pistole ohne Seriennummer die Rede. Hat Lanz den Mord gar selbst begangen?

"Er blickte auf den Sternenhimmel. Mit ihm hatten alle seine Zweifel begonnen, ob es nicht doch einen Schöpfer gab. Aber je intensiver er sich mit diesen Fragen beschäftigte, desto schwerer verständlich wurden die physikalischen und mathematischen Erklärungen, die er in Büchern fand. Längere Zeit hindurch hatte sein Vater mit ihm über die Paralleluniversen und die vierte Dimension gesprochen, fiel ihm jetzt ein, und alle Erklärungen erschienen ihm angesichts des über seinem Kopf funkelnden Sternenhimmels nur als Ausdruck von Hilflosigkeit."

Wie von Zauberkraft bewegt

So steht man selbst beim Lesen oft da: Staunend. Immer schneller wechselt Lanz auf der Flucht vor den Machenschaften dubioser Schleuser und Geschäftemacher die Orte, hinüber zu Inseln, zurück zum Arsenale, hinab in Keller und Gewölbe. Aber es gibt auch Himmelsfahrten durch das unbekanntere Venedig mit seinen Wunderkammern; Exkurse über biblische Pflanzen; und einen begehbaren Himmelsglobus, in dessen Innerem Emil Lanz jedes Raum-Zeit-Gefühl verliert. "Die Hölle ist leer - die Teufel sind alle hier" - der Romantitel ist ein Zitat aus Shakespeares' "Sturm". Hier wie dort wirkt alles wie von Zauberkraft bewegt. Und so hat man mit diesem Roman nicht nur als Venedigkenner seinen Spaß. Auf die Frage, was er arbeite, antwortet Emil Lanz einmal, er "bewege sich von Wort zu Wort", was sich von Gerhard Roth genauso sagen ließe. Der Grad zwischen Realität und Fiktion, auf dem er sich bewegt, ist diesmal so schmal wie nie - fast unsichtbar.

Stand: 20.05.2019, 11:30