Sally Rooney - Normale Menschen

Buchcover: Sally Rooney - Normale Menschen

Sally Rooney - Normale Menschen

Von Uli Hufen

Die tollste Liebesgeschichte des 21. Jahrhundert? Oder doch nur ein übergroßer britisch-irischer Literaturhype? Sally Rooneys neuer Roman ist auf Deutsch erschienen.

Sally Rooney: Normale Menschen
Aus dem Englischen von Zoë Beck.
Luchterhand, Berlin 2020. 
320 Seiten, 20 Euro.

Sally Rooney: "Normale Menschen"

WDR 3 Buchkritik 19.01.2021 05:42 Min. Verfügbar bis 19.01.2022 WDR 3


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Die schlaue Außenseiterin in der Schule

Marianne ist 17 und sitzt in der Cafeteria ihrer Schule im tiefsten Westen Irlands meistens allein. Wer dieser Proust war, dessen Buch sie liest, weiß keiner ihrer Mitschüler, aber das ist egal. Allein dass Marianne liest, weißt sie als Außenseiterin aus. Sie ist zu klug, sie schminkt sich nicht und sie tratscht nicht über Jungs und Sex. Dass sie keine Freunde und keinen Sex hat, ist ein Grund, aber nicht der einzige. Marianne ist anders. Als ein Lehrer ihr vorwirft, unaufmerksam zu sein, sagt sie:

"Machen Sie sich nichts vor, ich kann von Ihnen sowieso nichts lernen."

Den sozialen Zwängen der Schule unterworfen

Der einzige, der in all dem keine Bedrohung erkennt, sondern ein Versprechen, heißt Connell. Connell ist ähnlich klug. Aber er ist auch der Mittelstürmer der Fußballmannschaft. Die Mädchen liegen dem wortkargen Athleten zu Füßen. Doch bloß weil Connell populär ist, kann er noch lange nicht tun und lassen, was er will. Zum Beispiel mit Marianne reden.

Die sozialen Zwänge des Teenagerdaseins sind erbarmungslos. Aber es gibt andere Gelegenheiten. Connells warmherzige Mutter Lorraine ist die Putzfrau von Mariannes kalter Anwalts-Mutter Denise. Und so passiert, was passieren muss, als Connell seine Mutter von der Arbeit abholt.

"Du hast letztens gesagt, dass du mich magst, sagte er. In der Küche hast du das gesagt, als wir über die Schule gesprochen haben.
Ja.
Meintest du das freundschaftlich, oder wie?
Sie starte auf ihren Schoß. Sie trug einen Cordrock, und in dem Licht, das vom Fenster kam, konnte sie sehen, dass er mit Fusseln bedeckt war.
Nein, nicht nur freundschaftlich, sagte sie.
Oh, okay. Ich hab mich schon gefragt.
Er saß da und nickte vor sich hin.
Ich bin mir nicht ganz sicher, was ich empfinde, fügte er hinzu. Ich glaube, es wäre echt komisch in der Schule, wenn zwischen uns was passiert.
Es müsste niemand wissen.
Er sah sie an, ganz direkt, ganz aufmerksam. Sie wusste, dass er sie küssen würde, und er tat es."

Eine mit Preisen und guter Kritik überhäufte Liebesgeschichte

So geht er los, der "beste Roman des Jahres", "der zukünftige Klassiker". Sally Rooneys "Normale Menschen" ist ein Mega-Bestseller und hat außerdem die Kritik in Großbritannien, Irland und den USA in Ekstase versetzt.

Es regnete Preise, der New Yorker schickte eine Reporterin für ein gigantisches Portrait und die BBC drehte umgehend eine 12-teilige Serie. Verzauberung aller Orten, Verzauberung angesichts einer Liebesgeschichte, wie sie altmodischer und gleichzeitig zeitloser nicht sein könnte. Und es ist wahr: der Sturm der Leidenschaften und Verwirrungen zwischen Marianne und Connell lässt wohl nur die Hartherzigsten völlig kalt.

Die Verhältnisse kehren sich während des Studiums um

Die beiden sind füreinander bestimmt. Noch nie haben sie sich so frei und wohl und verstanden gefühlt. Die Gespräche, bald auch der Sex, es ist herrlich. Doch wie das Leben so spielt: das junge Glück ist bedroht und flüchtig. Da sind die sozialen Hierarchien, da ist das Geld, da sind die Freunde - die falschen und die richtigen.

Zuhause in Carricklea ist Connell etabliert und Marianne die Außenseiterin. Als die beiden zum Studium nach Dublin gehen, verkehrt sich das. Hier findet die wohlhabende Marianne leicht Anschluss, Connell bleibt das Landei. Wichtiger noch als das Außen ist das Private: Marianne und Connell entdecken, wie viel Liebe mit Vertrauen zu tun hat. Mit Sich-Hingeben, mit Kontrolle, Macht und Abhängigkeiten.

Das Ergebnis: Streit, Trennungen, Versöhnungen, Grausamkeit, Verletzungen. Liebe ist ein Missverständnis zwischen zwei Dummköpfen, Sally Rooneys Landsmann Oscar Wilde wusste es.

Gegenwärtige Themen fließen geschickt in die Geschichte ein

Ein klassischer Stoff also, den Sally Rooney ausbreitet. Jane Austen, George Eliot - Rooney bringt die großen Vorbilder selbst ins Spiel. Ein in vielem aber durchaus auch vorhersehbarer Stoff. Ein Coming of Age-Roman, ein Bildungsroman. Was also erklärt den enormen Erfolg?

Auffällig ist zum einen, was man eine sehr clevere Unverbindlichkeit nennen könnte. Die Art, wie Rooney ihre Liebesgeschichte verknüpft mit zeitgenössischen Großdebatten, ohne je ernsthaft kontrovers zu werden. Mobbing, Selbstverletzung, Antikapitalismus, Depression, Abtreibung, Palästina und Geschlechtergerechtigkeit: alles da, irgendwie. Das macht "Normale Menschen" anschlussfähig.

Bewusst unpoetisch und kühl in der Sprache

Wichtiger aber ist die Sprache. Sally Rooney schreibt ein kühles, absichtsvoll unpoetisches, ornamentloses Englisch. Die kahlen Titel ihrer Romane sind Programm. Auf Englisch spürt man, wie genau vor allem die Dialoge gearbeitet sind. Der Sprachrhythmus, die Umgangs-sprache, die harte Ironie - hier erkennt man den Sound einer Generation und diese sich offenbar selbst. Beim Lesen der Übersetzung allerdings fragt man sich oft: Wer bitte redet so?

Trotzdem ist "Normale Menschen" auch auf Deutsch ein kluger Liebes- und Sittenroman über die Generation der Millenials. Weniger zwingend und gewagt als Rooneys famoses Debüt "Unterhaltungen mit Freunden". Aber allemal kluge Unterhaltung. Ein Klassiker aus der Jane-Austen- oder Salinger-Liga? Oscar Wilde weiß auch hier Antwort: Manche Dinge sind wertvoller, weil sie nicht so lange halten. // Zwei Männer schauen aus dem Fenster: einer sieht Schlamm, der andere die Sterne.

Stand: 18.01.2021, 11:54