Gottfried Keller - Romeo und Julia auf dem Dorfe

Gottfried Keller - Romeo und Julia auf dem Dorfe

Gottfried Keller - Romeo und Julia auf dem Dorfe

Von Monika Buschey

Eine traurige Liebesgeschichte, hoch dramatisch und doch sanft und behutsam erzählt. Gottfried Keller als ein Meister des poetischen Realismus, der die berühmte Vorlage von Shakespeare auf seine Weise neu deutet.

Gottfried Keller
Romeo und Julia auf dem Dorfe

Gelesen von Stephan Schad
GoyaLit
3 Audio CDs
ISBN 978-3-8337- 4085-5

Seine Novelle "Romeo und Julia auf dem Lande" beruhe auf einem wirklichen Vorfall, bemerkt der Schweizer Schriftsteller Gottfried Keller – in der Nähe von Leipzig hat sich die Sache zugetragen, die Zeitungen berichteten darüber: Liebe und Tod zweier junger Leute, genau wie bei Shakespeare. Und wie bei den Liebenden aus Verona führt die erbitterte Feindschaft ihrer Familien die beiden in den Tod. Vrenchen und Sali sind Bauernkinder. Keller wählt das ihm vertraute ländliche Milieu, ihm gelingt ein Meisterstück des poetischen Realismus. Es liest Stephan Schad.

Wenn zwei Bauern streiten

"Diese Geschichte zu erzählen würde eine müßige Nachahmung sein, wenn sie nicht auf einem wirklichen Vorfall beruhte, zum Beweis, wie tief im Menschenleben jede jener Fabeln wurzelt, auf welchen die großen alten Werke gebaut sind."

Zwei Bauern streiten um einen verwilderten Acker, der zwischen ihren beiden Feldern liegt. Der unselige Streit treibt sie nach und nach in den Ruin. Ihre Kinder, Vrenchen und Sali, haben zusammen gespielt, als sie klein waren und die Familienfede noch nicht ausgebrochen war. Die Heranwachsenden entdecken ihre tiefe Zuneigung. Nach Jahren der Distanz treffen die Väter zufällig aufeinander und liegen sich unter wüsten Beschimpfungen in den Haaren. Vreni und Sali versuchen, die Streifhähne zu trennen.

"Darüber waren die jungen Leute, sich mehr und mehr zwischen die Alten schiebend, in dichte Berührung gekommen, und in diesem Augenblicke erhellte ein Wolkenriss, der den grellen Abendschein durchließ, das nahe Gesicht des Mädchens, und Sali sah in dies ihm so wohlbekannte und doch so viel anders und schöner gewordene Gesicht. Vrenchen sah in diesem Augenblicke auch sein Erstaunen und es lächelte ganz kurz und geschwind mitten in seinem Schrecken und seinen Tränen ihn an."

Eine Erzählung von tiefen Empfindungen

Gottfried Keller in einem kolirierten Holzstich von C. Kolb nach einer Photographie, um 1875

Gottfried Keller

Gottfried Keller fand die Anregung für seine Geschichte in der Zeitung. Er gliederte sie ein in den Novellenzyklus "Die Leute von Seldwyla". Die tragische Liebesgeschichte unterscheidet sich allerdings grundlegend von den anderen Erzählungen, die allerhand kuriose Begebenheiten im imaginären Städtchen Seldwyla "irgendwo in der Schweiz" zum Thema haben. Mit "Romeo und Julia auf dem Dorfe" gelingt es Keller, von tiefen Empfindungen, von Sehnsucht und Schmerz eindringlich zu erzählen. Er findet eine sanfte Sprach-Melodie, die in reizvollem Gegensatz steht zu den dramatischen Ereignissen. Das Versponnen-Altertümliche hat bezwingenden Charme.

"Sali fühlte sich an diesem Tage weder müßig noch unglücklich, weder arm noch hoffnungslos. Vielmehr war er vollauf beschäftigt, sich Vrenchens Gesicht und Gestalt vorzustellen, unaufhörlich, eine Stunde wie die andere. Über dieser aufgeregten Tätigkeit aber verschwand ihm der Gegenstand derselben fast vollständig, das heißt er bildete sich endlich ein, nun doch nicht zu wissen, wie Vrenchen recht aussehe, er habe wohl ein allgemeines Bild von ihr im Gedächtnis, aber wen er sie beschreiben sollte, so könnte er das nicht. Er sah fortwährend dies Bild, als ob es vor ihm stünde, und fühlte seinen angenehmen Eindruck, und doch sah er es nur wie etwas, das man eben nur einmal gesehen, in dessen Gewalt man liegt und das man doch noch nicht kennt."

Zwei Gewissheiten stehen einander gegenüber

Sali und Vrenchen, nachdem sie sich wiedergefunden haben, begreifen schnell, dass es für sie und ihre Liebe im Leben keinen Platz gibt und kein Verständnis. Einziger Ausweg: der Tod.

"Es gibt eines für uns, Vrenchen, wir halten Hochzeit zu dieser Stunde, und gehen dann aus der Welt – dort ist das tiefe Wasser – dort scheidet uns niemand mehr und wir sind zusammen gewesen - ob kurz oder lang, das kann uns dann gleich sein. Vrenchen sagte sogleich: Sali, was du da sagst, habe ich schon lang bei mir gedacht und ausgemacht, nämlich dass wir sterben könnten und dann alles vorbei wäre – so schwör mir es, dass du es mit mir tun willst."

Mit elementaren Mächten

Der klare Blick des Autors für jedes Detail, sein Realismus, bewahrt die Geschichte vor schwärmerischem Überschwang. Die elementaren Mächte, von denen die Menschen geschüttelt und ins Ausweglose getrieben werden, rasen bei ihm dennoch nicht minder heftig.

"Komm, sagte Sali und zog es fort. Aber sie gingen nur einige Schritte und standen wieder still, um sich bequemer zu umschlingen und zu herzen. Die Stille der Welt sang und musizierte ihnen durch die Seelen, man hörte nur den Fluss unten sacht und lieblich rauschen im langsamen Ziehen."

Alle Fäden fest in der Hand

Stepahn Schad

Stepahn Schad

Stepahn Schad liest ruhig und besonnen. Dabei so einfühlsam, dass jede Einzelheit und jede Stimmung lebendig werden. Ein Erzähler, der alle Fäden fest in der Hand hält. Die Liebenden finden ein Brautbett auf einem Heuschiff und ein Grab im kalten Fluss. Kein Mitleid, keine Trauer. Als Realist beschreibt Keller die Sicht der braven Bürger, die mit Empörung auf den Vorfall reagieren.

" … und man nehme an, die jungen Leute haben das Schiff entwendet, um darauf ihre verzweifelte und gottverlassene Hochzeit zu halten, abermals ein Zeichen von der um sich greifenden Entsittlichung und der Verwilderung der Leidenschaften."

Stand: 06.08.2019, 11:59