Roman Yos - Der junge Habermas. Eine ideengeschichtliche Untersuchung seines frühen Denkens. 1952-1962.

Roman Yos - Der junge Habermas. Eine ideengeschichtliche Untersuchung seines frühen Denkens. 1952-1962.

Roman Yos - Der junge Habermas. Eine ideengeschichtliche Untersuchung seines frühen Denkens. 1952-1962.

Von Brigitta Lindemann

Der Philosoph als junger Mann: ein ideengeschichtliches Portrait charakterisiert den Werdegang des jungen Jürgen Habermas und zeichnet gleichzeitig ein Bild der jungen Bundesrepublik.

Roman Yos
Der junge Habermas. Eine ideengeschichtliche Untersuchung seines frühen Denkens. 1952-1962.

Suhrkamp Taschenbuch wissenschaft, Berlin 2019
522 Seiten
26 Euro

Roman Yos: "Der junge Habermas"

WDR 3 Mosaik 18.06.2019 06:03 Min. WDR 3

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Eine Einheit von Theorie und Praxis.

Er schreibt über Moralbewusstsein, über kommunikatives Handeln oder Legitimationsprobleme im Spätkapitalismus. Nie geht es in seinem Werk dabei nur um die Reflexion undurchschauter Unterdrückungs- und Gewaltverhältnisse – sondern stets auch darum, unter welchen Bedingungen die mit sich selber zerfallende Moderne mit sich versöhnt werden könne, um eine Einheit von Theorie und Praxis. Das Promotionsthema des jungen Habermas erscheint unter diesem Aspekt eher bizarr.

1954 promovierte Habermas über die Zwiespältigkeit im Denken des Friedrich Wilhelm Joseph Schelling - der exakt 100 Jahre zuvor zu Grabe getragen worden war. Dennoch wird in der Rückschau deutlich, was ihn an Schelling faszinierte. Der setzte auf den Primat der Natur vor aller Geschichte des Geistes, polemisierte er gegen den Staat, demontierte Gott als Prinzip. In frühexistentialistischer Manier entwarf Schelling das Subjekt ins Offene.

"Das Wesen des Menschen ist seine eigene That."

Zeitlebens wird er von Freund und Feind lernen

Der Doktorand Habermas las Schelling wohl wie auch einer unter dessen zeitgenössischen Schülern, der russische Revolutionär und Anarchist Bakunin, ihn gelesen haben muss: als Agenten der Subversion, als Kämpfer im Dienste menschlicher Selbstermächtigung. Schelling endete als finsterer Reaktionär, was Habermas schon damals nicht kümmerte. Zeitlebens wird er von Freund und Feind lernen. Eigen-sinnig unterschiedlichste Wissenssphären und Denkansätze verbinden. Einmal verstieg sich ein Kollege zu der Behauptung, es gelinge Habermas, aus fremden Texten selbst dann schon Sinn zu machen, wenn diese sich bei ihrem Urheber noch im embryonalen Status einer hermetischen Privatsprache befänden.

Roman Yos findet in seiner ideengeschichtliche Untersuchung des frühen Habermas einen noch der idealistischen Geistestradition verpflichteten Studenten vor – der vor allem Heideggers Existentialontologie anhing. Das verband ihn mit vielen seiner Generation. Aufgeklärte Vernunft waren wenige Jahre nach dem Ende des Faschismus, des Weltkriegs, des brain drain in der restaurativen Adenauer-Republik nicht zu haben. Eine Aufarbeitung und nennenswerte Entnazifizierung fand nicht statt; die alten Eliten aus Politik, Justiz, Verwaltung übten ihre Funktionen alsbald wieder aus. Und die wegen rassistischer oder politischer Verfolgung exilierten Künstler und Intellektuellen waren noch nicht zurückgekehrt - wenn sie sich denn überhaupt dafür entscheiden mochten. Ihre Stimme fehlte.

Masse - das sind wir

Atmosphärisch und eindringlich zeichnet Yos das bedrückende Klima der unmittelbaren Nachkriegszeit.

Der Soziologe und Philosoph Jürgen Habermas blickt bei der Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels in der Paulskirche in die Kamera.

Jürgen Habermas

Zum Bedrückenden gehört zweifellos auch der Versuch, das belastete Personal im Staatsapparat durch eine Re-Inszenierung der Elitendiskussion zu immunisieren - im Gegenzug das Volk, den Plebs auf seinen Platz zu verweisen. Habermas hält heftig dagegen.

"Eine regelrechte Perspektivumkehr findet sich in einem Artikel, den Habermas unter dem Titel "Die Masse, das sind wir" 1954 im Handelsblatt veröffentlichte. Darin warnte er nun eindringlich davor, unter "Masse" eine uniforme Ansammlung "herunter gekommener Dummköpfe" zu verstehen. "Masse", so gab Habermas zu verstehen, "das sind nicht die anderen, Masse - das sind wir; solide, gut angezogene Bürger, mit mehr oder weniger Geld, mit Anstand, mit mehr oder weniger Witz, meistens mit einem karteireifen Beruf ausgestattet, und gar nicht so uniform, wie man uns aus allen Ecken nachsagt."

Die Freiheit der Menschen

Roman Yos Porträt des jungen Habermas zeigt Denkwege auf: von Schelling zu Heidegger, von Marx zu Freud, von Max Weber zu Adorno und Horkheimer, zu Wittgenstein, zu Chomsky. Die ideengeschichtliche Erkundung verbindet den Theoriediskurs mit Erzählung. Sie zeigt wie Habermas und auch andere aus seiner Generation - etwa Karl-Otto Apel, Dieter Henrich, Odo Marquard - durch Aneignung der deutschen Geistestradition und eigenwillige Theorieentwicklung das geistige und kulturelle Leben in der Bundesrepublik nach und nach erhellten. Roman Yos führt überzeugend vor, wie aus einem jungen Mann unter fragwürdigem Einfluss ein ausgenüchterter Philosoph zu werden vermochte, dem es um radikale Emanzipation zu tun ist. Darum, dass Kapital und Marktlogik in menschliche Zwecke eingebunden bleiben. Bei allen idealistischen Flausen, die Yos akribisch nachzeichnet - Habermas hat früh begonnen, Schellings anthropologische Formel ins Gesellschaftspolitische zu übersetzen.

"Das Wesen des Menschen ist seine eigene That" hatte Schelling befunden. In seiner empirischen Studie „Student und Politik“ definiert der junge Habermas am Ende der 50er die Bedingungen von Demokratie. Das Wesen der Demokratie lässt sich nicht formal reduzieren, schreibt der junge Habermas. Sie muss vielmehr die Freiheit der Menschen steigern - und am Ende vielleicht ganz herstellen können.

"... Demokratie arbeitet an der Selbstbestimmung der Menschheit, und erst wenn diese wirklich ist, ist jene wahr."

Stand: 17.06.2019, 19:23