Oskar Roehler - Der Mangel

Cover des Buches "Der Mangel" von Oskar Roehler

Oskar Roehler - Der Mangel

Von Stefan Berkholz

Oskar Roehler erzählt in seinem neuen Roman vom armseligen Leben in den 1960er Jahren der Bundesrepublik und einem Aufbruch in die Kunst, um der Ödnis zu entkommen, der Titel: "Der Mangel".

Oskar Roehler: Der Mangel
Ullstein Verlag, Berlin 2020.
170 Seiten, 23 Euro.

Oskar Roehler: "Der Mangel" WDR 3 Buchkritik 29.07.2020 05:54 Min. Verfügbar bis 29.07.2021 WDR 3

Oskar Roehler erzählt in seinem neuen Roman vom armseligen Leben in den 1960er Jahren der Bundesrepublik und einem Aufbruch in die Kunst, um der Ödnis zu entkommen. Eine Rezension von Stefan Berkholz.

Oskar Roehler veranschaulicht den Überlebenskampf in einer fremden, bösartigen Bauernwelt. Die Republik macht sich auf ins Wirtschaftswunderland, wir befinden uns in den 1960er Jahren, doch Aussiedler bleiben fremd und stören. Und die Nachwirkungen des Nationalsozialismus machen die Menschen stumm und hart und brutal.

"Unser gesamtes Lebensgefühl, Glück oder Unglück, hing davon ab, wie es am Freitagabend lief. Die Mutter übte bereits eine starke Dominanz aus. Sie war es, die den Mangel verwalten musste, der unser Leben bestimmte, die sorgfältig dosierten Notrationen an Zuversicht, Liebe, Strenge; sie war es, die uns im Auge behielt, die diese Einsamkeit hier oben ertrug, vor allem an den Abenden, wo es galt, Strümpfe zu stopfen, Pullover und Mützen für den Winter zu stricken, obwohl es noch Spätsommer war, und sich diesen vollkommen absurden, trostlosen, monotonen Arbeiten hinzugeben."

Der Vater ist meist abwesend, weil er als Vertreter unterwegs ist, der Lehrer aber, dieser große Verführer, ist nicht ohne, letztlich gestört wie viele andere. Verstiegen, schräg und halb irre, auch sadomasochistisch, „im Kern ein Faschist“, heißt es einmal. Aber: Er eröffnet ausgewählten Kindern die Welt voller Wunder und Entdeckungen in Kunst und Literatur, zeigt ihnen Auswege aus ihrer Misere.

"Das Wichtigste für uns war, dass ein Bild eine physische Reaktion in uns auslöste, einen Schauder, eine Gänsehaut, Tränen. Die Beipackzettel der Kunsthistoriker lasen wir nie. Wir waren auf den puren Stoff angewiesen, auf den Kick. Wir wollten die volle Dröhnung, bevor wir überhaupt begriffen, was mit uns geschah. Wenn wir von einem Kunstwerk den Kick gekriegt hatten, waren wir bereit, darüber nachzudenken. Vorher nicht. (…) Wir vertrauten nur auf die Gänsehaut als physische Reaktion auf große Kunst."

In stumpfsinniger Ödnis fristen die meisten ihr auswegloses Dasein in der Provinz. Der Traum vom Eigenheim endet im Fiasko. Alkohol und Gewalt prägen die Männer. Die Frauen ergeben sich in ihr Schicksal. Nur einige Kinder suchen nach Auswegen. Der Titel des Romans sagt alles aus: „Der Mangel“.

"Wir hatten kein Spielzeug, keinen Fernseher, bekamen nichts Neues zum Anziehen, solange das Alte hielt oder wir noch nicht vollkommen herausgewachsen waren. (…) Wir bekamen viel zu große, kurze Lederhosen, in die wir hineinwachsen sollten, bekamen kurzärmlige, dehnbare Hemden aus Kunstfaser, die sich dem Wachstum unserer Knochen anpassten und mit unserem Schweiß vollsogen. Alles war für uns zu teuer."

Als Metapher für Lebenswege, die auseinanderführen, erfindet Roehler eine Lehmgrube. Der Lehm liefert Material für die billigen Neubauten, die Träume vom Eigenheim. Der Lehm hält den Regen auf dem Boden, lässt die Keller dieser Bauten immer wieder volllaufen. Die Ansässigen verzweifeln an dieser Misere. Für einige Kinder aber wird diese Lehmgrube zum Abenteuerort voller Anstrengung und Beharrlichkeit. Sinnloses Schaufeln im Modder, in der Hoffnung, etwas Bleibendes zu schaffen, einen weithin sichtbaren Lehmberg neben der Grube nämlich.

"In keiner Weise war uns damals bewusst, dass wir etwas entdeckt hatten, das die Grundlage für unser ganzes, späteres Leben bilden sollte, zumindest für einige wenige von uns. (…) Es war die Lehrstunde dessen, was später unsere Beharrlichkeit, unseren tiefen Ernst und die Demut schwerer Denkarbeit gegenüber gewährleisten würde. Aus dieser Übung sind später Mathematiker und Schriftsteller hervorgegangen, Marathonläufer und solche, die Schwerstarbeit im künstlerischen Sinne, beim Film und Theater, auf sich genommen haben. Es war die zähe Weigerung aufzugeben, die uns vorantrieb bis an den Rand des Zusammenbruchs."

Der Lehrer stachelt auserwählte Kinder dazu an, ihren Weg in die Kunst und Literatur zu gehen. Er warnt sie vor den Hindernissen, er warnt sie vor dem Scheitern, er warnt auch vor Eitelkeit und Narzissmus. Der Ich-Erzähler aber nimmt das Kreuz tatsächlich auf sich, er versinkt, wie vorhergesagt, in Depression und Lethargie, ehe er ein Wort auf das weiße Blatt Papier setzen kann, landet in Obdachlosigkeit und Verzweiflung, erhält schließlich doch den hohen Preis für diesen Weg in die Einsamkeit: Erfüllung in kreativer Arbeit.

"Die ausweglose Lage zwang mich, zu begreifen, dass ich nur noch eine Chance hatte, um den Weg zurück in die Welt zu schaffen, und das war das weiße Blatt Papier. Das weiße Blatt Papier war das Nadelöhr aus der Hölle zurück in die Welt. Wenn es mir nicht gelingen sollte, das weiße Blatt mit Sinn zu erfüllen, sprich, zu schreiben, dann würde ich tatsächlich lebendigen Leibes verfaulen."

In eindringlichen Szenen schildert Roehler Demütigung und Ohnmacht unter sadistischen Lehrern; er erzählt von physischer und psychischer Gewalt; von Lügen der Erwachsenen, Gehirnwäsche in der Schule, dem Verlust der Identität. Seine literarische Bestandsaufnahme wirkt wie eine Ergänzung zu Michael Hanekes Verfilmung „Das weiße Band“. Oskar Roehler hat ein analytisches Buch verfasst, es ist erzählt, Dialoge gibt es nicht, dafür viele Metaphern. Kinder werden gebrochen durch verstummte, verhärmte Erwachsene und erweckt im Ringen um kreative Erlösung. Ein schmerzhaftes Buch. Denn viele bleiben in diesem Kampf auf der Strecke.

Stand: 31.07.2020, 18:20