Alexandra Riedel - Sonne Mond Zinn

Alexandra Riedel - Sonne Mond Zinn

Alexandra Riedel - Sonne Mond Zinn

Von Andrea Gerk

"Dinge geschehen, Menschen auch." – Alexandra Riedel gelingt in ihrem Debütroman "Sonne Mond Zinn" das Kunststück, so poetisch wie amüsant eine Familientragödie an einem einzigen Nachmittag aufzufächern.

Alexandra Riedel
Sonne Mond Zinn

Verbrecher Verlag, Berlin 2020
112 Seiten
19 Euro

Alexandra Riedel: "Sonne Mond Zinn"

WDR 3 Mosaik 29.06.2020 05:15 Min. Verfügbar bis 29.06.2021 WDR 3

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Eine Familientragödie über mehrere Generationen

An einem einzigen Nachmittag entfaltet Alexandra Riedels in ihrem schmalen Roman "Sonne Mond Zinn" eine Familientragödie über mehrere Generationen. Gleich zu Anfang erhält der Erzähler Gustav Zinn, der als Fluglotse auf einer Insel tätig ist, einen Anruf. Die Gattin von Anton Hamann teilt ihm mit, dass ihr Mann verstorben ist und lädt ihn zur Beerdigung am nächsten Vormittag um elf Uhr ein. Gustav kennt weder die Witwe noch den Verstorbenen, bei dem es sich um seinen eigenen Großvater handelt. Alexandra Riedel lässt ihren Protagonisten zur Beerdigung aufbrechen und dabei in eine Art innerem Dialog mit dessen Mutter treten:

"Dinge passieren. Menschen auch, sagtest du immer, wenn du von deinem Vater sprachst. Irgendwann machte ich mir deine Aussage zu eigen, denn schließlich war auch ich passiert. Alles vererbt, fügte ich manchmal noch knapp hinzu, aber es kostet mich immer Mühe, bei all dem zu lächeln. Und doch ist es so: Väter spielten bisher keine Rolle in unserem Leben, weder in deinem noch in meinem. Das war immer unser kleinster gemeinsamer Nenner, deiner und meiner."

Eine Geschichte mit ungeheurem Sog

In insgesamt dreizehn Kapiteln erzählt Alexandra Riedel eine Geschichte, die zwar aus lauter Bruchstücken zusammengesetzt scheint, aber dennoch so schnell in Fahrt kommt, dass sie einen ungeheuren Sog entfaltet. Allein die Rahmenhandlung – die Begräbnisfeier im Haus des verstorbenen Astronomen Anton Hamann – ist eine hinreißende Groteske. Während die unterkühlt wirkende Witwe den von ihr selbst eingeladenen, unehelichen Enkelsohn des Gatten ignoriert, versucht zumindest Ulrich, einer ihrer beiden Söhne, der er sich im Lauf der Feier ordentlich volllaufen lässt, mit dem stillen Gast ins Gespräch zu kommen:

"Ob ich mich eigentlich gefragt habe, wie er mich erkannt hatte, vorhin am Grab, eigentlich ja sogar schon im Auto? Er verrate es mir. Ich verrate es dir, sagte Ulrich. Du siehst nämlich aus wie unser Vater in jungen Jahren. Dieses Grübchen. Wie aus dem Gesicht geschnitten. Häppchen? Ulrich deutete auf das Tablett, das mir von einer Frau mit weißer Zierschürze entgegengehalten wurde. Eigens für diesen Zweck engagiert"

Skurrile Szenen mit filmischer Präzision

"Eigens für diesen Zweck" wird auch ein ganzes Spanferkel serviert, das von allen Gästen im Garten verspeist wird, an einer langen Tafel unter dem Kirschbaum, von dem beständig Maden auf das Tischtuch und in die Suppe rieseln. Derart skurrile Szene zeichnet Alexandra Riedel mit filmischer Präzision und einem genauen Gefühl für das richtige Timing. Nicht umsonst wird erwähnt, dass Gustavs Mutter für Charlie Chaplin schwärmte. Zugleich vermeidet die Autorin alles Eindeutige, stattdessen wird vieles nur angedeutet, so dass ein ebenso schillerndes wie tragikomisches Panorama verpasster Möglichkeiten entsteht.

"Es habe geheißen, man habe die Frau am Bahnsteig gesehen. Mit einem kleinen Koffer in der Hand und ohne Kind. So habe man es sich doch erzählt, oder? Ob sich jemand erinnere? Klaas? Pluck? Niemand? Ich wusste nichts von einem Verschwinden deiner Mutter, hatte keine Ahnung, wovon Ulrich da sprach. Ich sah nicht auf, legte einfach nur das Besteck zur Seite und versuchte ruhig zu bleiben."

In fremden Galaxien

Als mehr oder weniger stummer Beobachter entdeckt Gustav Zinn im Haus des Verstorbenen wie nebenbei doch noch Hinweise, dass dem Großvater die uneheliche Tochter doch einiges bedeutet haben muss. Ohnehin hat sich der anerkannte Astronom offenbar am liebsten in seinem Planetarium versteckt und sich mehr in fremden Galaxien aufgehalten als im Haus seiner Familie:

"Stets und ständig habe er in seiner Sternwarte gehockt, den Mond angestarrt, Planeten gezählt und Gedichte geschrieben. Übrigens seien das gar nicht mal so schlechte Gedichte gewesen. Es gebe da einen schmalen handgeschriebenen Band vom Vater. Den habe er, Ulrich, als Kinder hinter dem Bücherregal gefunden und irgendwann eins und eins zusammengezählt. Er sei nämlich dir gewidmet gewesen. Für Esther Zinn, habe auf der ersten Seite gestanden. Also habe er dich beobachtet, auf dem Pausenhof, durch den Zaun hindurch."

Originell und beeindruckend souverän

Heimliche Beobachtungen, Ahnungen und Gerüchte - sehr viel mehr können Menschen meist gar nicht voneinander wissen. Auch der Erzähler, dessen Nähe zu seiner Mutter warmherzig aus dem Text herausleuchtet, entdeckt bei dieser eigenartigen Abschiedsfeier so Einiges, wonach er gar nicht gesucht hat.

Originell und beeindruckend souverän spielt Alexandra Riedel mit den verschiedenen Motiven ihrer Erzählung: So schafft sie – gleichsam über den Himmel - eine stimmige Verbindung zwischen dem verstorbenen Großvater und seinem Enkel, der als Fluglotse ja ebenfalls den Blick in Richtung Sterne gerichtet hält. „Sonne Mond Zinn“ ist ein schmaler Roman voller Poesie und Komik, der zeigt, dass es keine 500 Seiten, ja nicht einmal 200 Seiten braucht, um facettenreich und tiefgründig von einer Familie, ihren Abgründen und

Stand: 28.06.2020, 19:51