Dieter Richter - Fontane in Italien. Mit zwei Stadtbeschreibungen aus dem Nachlass.

Dieter Richter - Fontane in Italien. Mit zwei Stadtbeschreibungen aus dem Nachlass.

Dieter Richter - Fontane in Italien. Mit zwei Stadtbeschreibungen aus dem Nachlass.

Von Brigitta Lindemann

Ausgerechnet Italien: Dieter Richter entdeckt, wie aus dem preußischen Journalisten Theodor Fontane der große moderne Realist wird.

Dieter Richter
Fontane in Italien. Mit zwei Stadtbeschreibungen

aus dem Nachlass
Wagenbach Salto, Berlin 2019
144 Seiten
18 Euro

Die Eisenbahn, großartigste Erfindung unsrer Tage

Am 30. September 1874 brechen der Schriftsteller Theodor Fontane und seine Frau Emilie zu einer ersten, siebenwöchigen Reise nach Italien auf. Die Eisenbahn, großartigste Erfindung unsrer Tage laut Fontane, verbindet seit 1863 Berlin auf direktem Weg mit dem Golf von Neapel. Über Leipzig, München, Verona reist das Ehepaar Fontane nach Venedig, wo es fünf Tage verbringt; Florenz, gleichfalls fünf Tage, Rom, achtzehn; Neapel, dreizehn. Vorbuchungen für Hotel und Verpflegung bestätigen ein bis heute vertrautes touristisches Regelprogramm. Und natürlich arbeitet Fontane. Er liest Korrekturfahnen, macht Notizen, zeichnet, schreibt Tagebuch und zahllose Briefe. Er ist ein Vielfachverwerter. Das muss er sein. Er hat Familie und wenig Geld.

Theodor und Emilie Fontane, um 1885

Theodor und Emilie Fontane, um 1885

Vom ersten Augenblick an möchte sich Fontane schützen vor dem Feuer der Begeisterung, sich nicht einschüchtern lassen vom Mythos Italien. Er verabscheut, wie er in Venedig schreibt, die alte Phrase von der „Göttlichkeit der Kunst“ die jeder braucht, der drei Leberwürste malen kann.

Ich komme preußischer zurück denn je

Im angenehmsten Plauderton präsentiert Dieter Richter in knapper Form die von den Fontanes festgehaltenen Eindrücke und Anekdotisches. Das Naturschöne interessiert Fontane wenig: Hübsche Fahrt, hübscher Blick aufs adriatische Meer; sonst eigentlich langweilig, notiert er und stellt fest, dass der moderne Mensch es nur da aushalte, wo zu der Schönheit der Natur sich noch anderes geselle: Kirchen, Galerien, Theater, ein Kaffeehaus und ein Abendkonzert. Andrerseits ist er auch nicht allzu sehr kunstbeflissen. Tintorettos monumentales Paradiesgemälde im Dogenpalast zu Venedig scheint ihm flott zusammengeschmiert; ein Salat von Engelsbeinen. Überhaupt findet er die Kunstsammlungen anderswo auch nicht schlechter.

"Ich komme preußischer zurück denn je", schreibt er in einem Brief am Ende seiner Reise. Dass er sprachkundige, kosmopolitisch versierte Menschen mag, die Mut, Wissen und freie Gesinnung haben, steht für ihn dazu nicht im Widerspruch. Er unternimmt im Folgejahr eine zweite Reise nach Italien. Nach der Rückkehr von der zweiten und letzten Italienreise im August 1875 entdeckt der emeritierte Germanist Richter einen gewandelten, einen zu sich selbst gekommenen Fontane:

"In Italien sei ihm klar geworden, so schreibt er kurz nach der Rückkehr, dass seine Zukunft als Schriftsteller nicht am Vesuv, sondern an den Müggelbergen liege, nicht am Golf von Neapel, sondern an Spree und Havel. Der Süden war die Komplementär- und Kontrasterfahrung des Nordlandsmenschen. Jetzt beginnt die Zeit seiner großen Romane. Aus dem Journalisten wird der Schriftsteller."

Demokrat und radikaler Freigeist

Dieter Richter

Dieter Richter

Richter legt vor allem Wert auf Fontanes süffisante Abrechnung mit deutschem Italien-Mythos und romantischem Sehnsuchtsgebaren. In den Spuren, die Fontanes Italien-Reisen im späteren Romanwerk hinterlassen haben, findet Richter den ganz unsentimentalen Modernisten wieder. Und er feiert Fontane, der auf immerhin zwei Dekaden als preußischer Agent in wechselnder Funktion zurückblicken kann, als Demokraten und radikalen Freigeist. Warum und wieso gerade Fontane befähigt war, sich aus den Fesseln des Preußischen Ordnungs- und Polizeistaats zu befreien - es liegt am Ton! Die sachliche Gelassenheit, auch Schnoddrigkeit, die Fontanes Reiseimpressionen auszeichnet, ist ihm ganz eigentümlich und färbt, was immer er in seinen späteren Romanen zum Thema macht: tektonische Verschiebungen im Gesellschaftsgefüge, Geschlechterbeziehungen oder die Politik als Betrugsmaschinerie.

Es ist, wie es ist, und so, wie es ist, ist es schlecht, aber man darf sich nicht einschüchtern lassen. Die Einsicht ins Unabwendbare fängt Fontane ab durch Spielerisches und Sarkastisches. Alles ist widersprüchlich, voller Paradoxien und Ambivalenzen, die Welt, man selbst. Darum hüte man sich vor moralischen Urteilen und eindeutigen Wahrheiten.

Das ist der Weisheitsertrag, den Fontanes Italien-Reisen erbringen. Fontane relativiert. Auch das ist eine Form der Unterwanderung. „Ich behandle“, sagt Fontane, „das Kleine mit derselben Liebe wie das Große, weil ich den Unterschied zwischen klein und groß nicht recht gelten lasse.“

Dieter Richter: "Fontane in Italien"

WDR 3 Buchkritik 30.12.2019 05:49 Min. Verfügbar bis 29.12.2020 WDR 3

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Stand: 19.12.2019, 14:58