Buchcover: "Serge" von Yasmina Reza

"Serge" von Yasmina Reza

Stand: 12.01.2022, 07:00 Uhr

Drei Geschwister, jüdisch und sehr französisch, werden trotz ihres Widerwillens auf eine Art Identitätssuche geschickt. In für sie typischen, brillanten Dialogen lotet Yasmina Reza den Mythos Familie und einen fragwürdigen Erinnerungskult aus. Eine Rezension von Jutta Duhm-Heitzmann.

Yasmina Reza: Serge
Aus dem Französischen von Frank Heibert und Hinrich Schmidt-Henkel.
Hanser Verlag, 2022.
208 Seiten, 22 Euro.

"Serge" von Yasmina Reza

Lesestoff – neue Bücher 24.01.2022 05:15 Min. Verfügbar bis 24.01.2023 WDR Online Von Jutta Duhm-Heitzmann


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Geschwisterlicher Zusammenhalt

Was verbindet sie eigentlich, die Geschwister Popper? Serge, den Ältesten, windiger Unternehmensberater und ewig scheiternden Frauenheld; Jean, den Ich-Erzähler, sanft und bindungsscheu; und Nana, die Jüngste, mit einem Mann verheiratet, den sie ständig gegen den Spott der Brüder verteidigen muss. Alle drei nur zusammengehalten durch das familiäre Gefüge, voran die Mutter – bis zu deren Tod.

"Seit sie gestorben ist, sind die Dinge aus dem Ruder gelaufen. Diese Kuddelmuddelkiste, unsere Familie, die hast du geschaukelt, Omi, sagte meine Nichte Margot auf dem Friedhof."

Kein Opfer sein

"Unsere Familie": jüdisch, aber nicht religiös. Ungarische Wurzeln, aber assimilierte Franzosen mit kaum Erinnerung an das Vorher. Einst weitverzweigt, jetzt auf eine kleine Gruppe reduziert, weil so viele im KZ ermordet worden sind.

"Meine Mutter sprach nie davon. Die Nicht-Zugehörigkeit zur jüdischen Welt war in der Welt der Verfolgten ein Bestandteil der DNS geworden. Meine Mutter hatte einen wenig in unsere Zeit passenden Reflex: Um nichts in der Welt wollte sie Opfer sein."

Eine Reise in die Vergangenheit

Wer war sie dann? Ihre Kinder haben sie nie gefragt – und suchen nun selbst, wer sie eigentlich sind, gepuscht von der nächsten Generation: Joséphine, Serges Tochter, drängt auf eine Reise in die Vergangenheit, nach Auschwitz, von den drei Popper-Geschwistern nur widerwillig begleitet.

Die beiden Frauen stürzen sich in die Erinnerungstour, auf der Suche nach den großen Gefühlen. Die beiden Männer verweigern sich: Todeserfahrungen aus zweiter Hand? Serge klinkt sich als erster aus, Jean, der Ich-Erzähler, beobachtet voll zynischer Distanz den internationalen Touristentrubel, Selfies in Vernichtungslandschaft inclusive  - Auschwitz als Event. Und er mittendrin.

"Du latschst auf denselben ausgetretenen Pfaden, morgens Horror, abends Mittelalterfestival, worin unterscheidest du dich? Du willst nicht damit gleichgesetzt werden, aber genau diese Weigerung – ein letztes Aufbäumen der Selbstachtung – entlarvt dich. Du weißt, es gibt keine andere Welt, und dein Gejammer darüber ist genauso sinnentleert."

Kühl und gleichzeitig warmherzig

Die zentrale Szene im ganzen Buch, die Achse, um die sich alles dreht bei dieser Suche nach Erinnerung, Familie und – was immer das sein mag - Wahrheit. Ein Auschwitzbesuch als tragikomisches Desaster – typisch für Yasmina Reza, für ihren genauen Blick und ihre besondere Art Menschen zu zeichnen, kühl und gleichzeitig warmherzig, unausweichlich klar und äußerst komisch.

Dazu ihre stupende Fähigkeit, das Wichtigste in Dialoge zu packen - die Berichte und Selbstreflexionen des Ich-Erzählers Jean lesen sich oft wie Szenenanweisungen für die großen, entlarvenden Wortgefechte zwischen den Geschwistern.

"Nach unserer Rückkehr aus Auschwitz haben Nana und Serge übereinstimmend und ohne Absprache beschlossen, nie wieder miteinander zu reden (...) Meine versöhnliche Position stachelte sie nur noch mehr an und brachte mir den Vorwurf der Feigheit ein."

Selbstsuche und existentielles Gespaltensein

Bis das alles durch eine tödliche Krankheit unwichtig wird. Yasmina Reza stammt selbst aus einer weitverzweigten jüdischen Familie, doch für ihr eigenes Leben spielt das nur indirekt eine Rolle.

Ihre Heimat sei Paris und die – wie sie selbst sagt –  französische Sprache. Und so ist ihr Roman "Serge" zwar ein herzzerreißend kluger Roman über Judentum und einen familiensprengenden Antisemitismus, doch Selbstsuche und existentielles Gespaltensein treibt in Zeiten weltweiter Zwangsmigration viele Vertriebene und Traumatisierte um. Samt der fast verwunderten Erkenntnis, dass selbst der größte Schmerz, durch den sich die eigene Identität teilweise definiert, von und mit der Zeit zerrieben wird.

"Ganz klar erkenne ich in dieser Nacht unser geringes Gewicht, unser Garnichts."