Volker Reinhardt & Bernd Roeck - Leonardo da Vinci

Volker Reinhardt & Bernd Roeck - Leonardo da Vinci

Volker Reinhardt & Bernd Roeck - Leonardo da Vinci

Von Martin Krumbholz

Am 2. Mai jährt sich zum 500. Mal der Todestag des Leonardo da Vinci, eines der größten Künstler und Naturforscher der Menschheit. Zwei Monografien nähern sich auf unterschiedliche Weise Werk und Lebenswelt an.

Volker Reinhardt
Leonardo da Vinci

Das Auge der Welt
Eine Biographie
Verlag C.H. Beck
384 Seiten
28 Euro

Bernd Roeck
Leonardo

Der Mann, der alles wissen wollte
Verlag C.H. Beck
428 Seiten
28 Euro

Volker Reinhardt & Bernd Roeck - Leonardo da Vinci

WDR 3 Mosaik 02.05.2019 05:30 Min. Verfügbar bis 01.05.2020 WDR 3

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Eine Gemalte Machtprobe

Der Renaissancemensch Leonardo da Vinci war kein Christ. Diese Feststellung, die die Volker- Reinhardt-Biografie sehr entschieden trifft, mag überraschen: Schließlich stempelt der Umstand den Künstler und Wissenschaftler in seiner Epoche zum Außenseiter. Der Künstler bediente sich zwar eines christlichen Bildprogramms, er malte Madonnen wie alle seine Zeitgenossen auch, aber er malte sie anders. Betrachtet man etwa das im Louvre hängende Gemälde "Die heilige Anna selbdritt" – es zeigt Maria, ihre Mutter Anna und den Jesusknaben -, so stechen höchst irritierende Merkmale ins Auge. Der Gottessohn ist seiner Mutter entschlüpft und macht sich daran, einem Lamm (dem klassischen Opfertier) das Genick zu brechen. Maria und Anna lächeln dazu nachsichtig. Jesu‘ zur Mutter zurückgewandter Kopf drückt puren Mutwillen aus.

"Gemalt ist eine Machtprobe, wie sie für dieses Kindesalter typisch ist. Die beiden Frauen sind nichts als Liebe, und diese Liebe ist natürlich. Natürlich ist aber auch die zerstörerische Regung des so sorgsam behüteten Jungen, der seine Kraft zur Vernichtung eines anderen Lebens benutzt. Die christliche Religion ist mit ihrer übernatürlichen Erlösungsbotschaft in die Natur zurückgeholt und damit entzaubert."

In erster Linie für sich

Volker Reinhardt

Volker Reinhardt

Hier liegt ein weiterer wichtiger Aspekt, den Reinhardts Buch zutage fördert: Leonardo ist ein großer Unvollendeter. Während der jüngere Zeitgenosse Michelangelo – beide Künstler begegneten sich in Florenz – ein Meisterwerk nach dem anderen schuf und als schwerreicher Mann starb, war Leonardo daran offenbar gar nicht gelegen. Mit Aufträgen ging er recht leichtfertig um, er arbeitete langsam und beendete vieles nicht einmal. Einige seiner Werke sind unübertrefflich, aber ihr gesamtes Volumen ist überschaubar. Fast könnte man sagen: Er arbeitete in erster Linie für sich. Er wollte die Welt und ihre Gesetze verstehen. Dass die Sonne sich nicht bewegt, war diesem Mann 30 Jahre vor Kopernikus klar.

Eine Brücke über das Goldene Horn konstruierte er auch schon; gebaut wurde sie allerdings fast 350 Jahre später. An der Gioconda, wie man die Mona Lisa auch nennt, faszinierte den Maler weniger ihr Antlitz als die Tatsache, dass sie aus einem uralten Florentiner Adelsgeschlecht stammte: gewissermaßen aus den Urgründen der Zeit, wie Reinhardt herausarbeitet.

"Der geheimnisvolle Blick mit dem berühmten Lächeln scheint ein urtümliches Wissen widerzuspiegeln, dem Leonardo lebenslang auf der Spur war: Eingeweiht in das Werden und Vergehen der Natur. Die Entstehung und Entwicklung der Welt und der Platz des Menschen darin: Das ist das eigentliche Thema des Bildes."

Mittel zum Zweck der Welterkenntnis

Leonardo war selbstbewusst, er hatte eine hohe Meinung vom Wert der Malerei, die er – und nicht die Poesie – als die höchste der Künste betrachtete. Die Malerei war das Produkt des Auges, das die Welt betrachtet. Aber sie war kein Selbstzweck, nicht allein zur Unterhaltung des Publikums bestimmt, sondern Mittel zum Zweck der Welterkenntnis. Volker Reinhardt:

"Malerei ist die einzig wahre Philosophie und Wissenschaft der Natur. Die Natur hat die Dinge hervorgebracht, aus denen die Malerei entstand. Die Malerei darf sich daher Enkelin der Natur und dadurch mit Gott verwandt nennen. Gott ist nicht mehr als ein anderer Name für die Natur."

Das Kuriositätenkabinett des Leonardismus

Es versteht sich, dass diese Sicht der Dinge die Theologen nicht entzückte. Leonardo gelangte denn auch nicht in Rom und im Vatikan zu Weltruhm wie Michelangelo; er pendelte zwischen Florenz und Mailand, verbrachte nur wenige Jahre in Rom und seinen letzten Lebensabschnitt in Frankreich. Dass Leonardo in seiner berühmtesten anatomischen Zeichnung das Verhältnis von Kreis und Quadrat zur menschlichen Physis darstellte, heißt nicht, dass er den Menschen als Maß aller Dinge betrachtete. Nicht nur fast überirdische menschliche Schönheit war sein Thema, sondern ebenso gut krasse Hässlichkeit, das unaufhaltsame Altern, in dem die Natur ihr eigenes Werk wieder zerstört. Leonardos Menschenbild war skeptisch. Menschliche Niedertracht und Grausamkeit hat er oft genug dargestellt: Sie ist kein Einzelfall. Vielleicht ist deswegen der Verräter Judas im „Letzten Abendmahl“ nicht besonders exponiert, wie es bei anderen Darstellungen des Sujets üblich ist. Dass dagegen die Darstellung des Lieblingsjüngers Johannes extrem androgyn, ja geradezu feminin geraten ist, darf man vielleicht als Hinweis auf Leonardos mutmaßliche Homosexualität deuten, die übrigens auch Sigmund Freud in einem berühmten Aufsatz beschäftigt hat.

Bernd Roeck

Bernd Roeck

Die konkurrierende Leonardo-Monografie von Bernd Roeck ist entschieden detailreicher ausgefallen. Roeck spricht einmal vom "reich bestückten Kuriositätenkabinett des Leonardismus", bei dem er sich gleichwohl auch selbst bedient. Muss man tatsächlich wissen, dass die "Gioconda" in der Klosterapotheke Schneckenwasser kaufte, das gegen Warzen und Hühneraugen half? Detaillierte Milieuschilderungen und Beschreibungen künstlerischer Techniken sind manchmal hilfreich, öfter aber hemmen sie den Erzählfluss. Volker Reinhardts Darstellung überzeugt dagegen vor allem durch ihre eingehenden, triftigen Bildanalysen.

Volker Reinhardt & Bernd Roeck - Leonardo da Vinci

WDR 3 Mosaik 02.05.2019 05:30 Min. Verfügbar bis 01.05.2020 WDR 3

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