"Glitterschnitter" von Sven Regener

Buchcover: "Glitterschnitter" von Sven Regener

"Glitterschnitter" von Sven Regener

Von Andrea Gerk

Wilde Melancholie im Kreuzberg der 1980er Jahre: Sven Regeners neuer Roman "Glitterschnitter" ist eine vielstimmige, wilde Symphonie über Liebe, Freundschaft, Kunst und wie man mit allem davon scheitern kann.

Sven Regener: Glitterschnitter
Galiani Verlag, Berlin 2021.
480 Seiten, 24 Euro

"Glitterschnitter" von Sven Regener

Lesestoff – neue Bücher 25.10.2021 05:12 Min. Verfügbar bis 25.10.2022 WDR Online Von Andrea Gerk


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Zurück im Café Einfall

Wer Sven Regeners Bücher um den sympathisch verträumten Frank Lehmann mochte, wird sich in seinem neuen Buch von der ersten Seite an wie früher in der WG fühlen. Denn es geht quasi nahtlos dort weiter, wo "Wiener Straße" aufgehört hat.

Frank Lehmann, der damals im Café Einfall als Putzmann anfing, ist inzwischen zur Tresenkraft aufgestiegen und versucht in einer genialen Anfangsszene den bei der Konkurrenz schwer angesagten Milchkaffee einzuführen. Es ist wenig los am Vormittag, die einzigen Gäste sind Kacki und Jürgen 3, zwei der Exil-Österreicher von der Arsch-Art-Galerie, die über die richtige Zubereitung einer Melange diskutieren, während Frank Lehmann sich vergeblich bemüht, verdünnte Kondensmilch aufzuschäumen:

"'Am Ufer machen sie damit Milchkaffee', sagt er, um den beiden Alpenchauvinisten etwas entgegenzusetzen. (…)
'Ja, da machen die einen auf französisch', sagte Jürgen 3 unbeeindruckt, 'grad dass sie es nicht Café au Lait nennen. Die haben sogar diese albernen Schalen, in denen das dann daherkommt, aber innen drin ist immer der deutsche Filterkaffee.'
'Das ist wie die ganzen Menschen hier', sagte Kacki, 'die sind genauso, außen machen sie einen auf französisch, aber innen drin, da steckt der Deutsche!'"

Ein Meister der absurden Situationen

Derart pointierte Dialoge beherrscht Sven Regener genau so virtuos wie er ein echter Meister darin ist, absurde Situationen genial gemächlich aufzubauen. Etwa, wenn Chrissie mit ihrer Mutter Kerstin und deren Freund Wiemer zu Ikea fährt, und der ebenfalls anwesende Künstler Heinz Rüdiger, alias H.R., in der Möbel-Ausstellung überraschend von der Muse geküsst wird:

"H.R. hatte sich erst einmal setzen müssen, so überwältigt war er von der Musterwohnung, was für ein hässliches Wort für so eine schöne Sache, diesen skulpturgewordenen Traum von einem besseren Leben, diese Studie heiler Welt (…)
Es war fantastisch, eine Orgie in Konsum und Design, Hauptsache, es wohnte niemand darin. H.R. hatte schon einen Titel dafür: Nach der Neutronenbombe!"

Alles ist im Aufbruch

Während H.R. die komplette Musterwohnung in sein Atelier transportieren lässt, obwohl sein "Manager" Wiemer lieber hätte, dass er ein Ölbild malt, arbeitet die titelgebende Band "Glitterschnitter" mit Hilfe von Karl Schmidts Bohrmaschinensound daran, die Musik neu zu erfinden, um zum Festival "Wall City Noise" eingeladen zu werden. Die von Heimweh geplagten Österreicher wiederum planen, aus ihrem Laden "Intimfrisur" ein Wiener Kaffeehaus zu machen und Chrissie will nur, dass ihre Mutter endlich nach Stuttgart zurück geht.

Multiperspektivisch und vielstimmig lässt Regener eine Zeit im Leben seiner Figuren lebendig werden, in der alles im Aufbruch ist und jeder herumexperimentiert – so wie es eben ist mit Mitte zwanzig, wenn noch alles möglich scheint, man aber eigentlich gar nicht weiß, was man mit all den Möglichkeiten anfangen soll.

"'Aber wie schon Toulouse-Lautrec sagte: Wir haben unser ganzes Leben gebraucht, damit wir das erst seit drei Wochen machen können.'
'Das hat er gesagt?'
'So ähnlich.'"

Neue Figuren und alte Bekannte

Neben den alten Bekannten aus dem Lehmann-Kosmos, gibt es auch Neuzugänge wie die Clubbesitzerin Leo, die alles ganz anders sieht als die anderen, wobei diesmal ohnehin die Frauen deutlich mehr Raum einnehmen. Zum Teil ganz buchstäblich, etwa, wenn sich Erwins Freundin Helga im Café Einfall mit ihrer Schwangerengruppe trifft:

"Wenn Helga ehrlich war, gingen ihr die schwangeren Frauen ganz schön auf die Nerven. (…) Es ist einfach zu wenig Blut im Hirn, wenn sie schwanger sind, dachte Helga, und mir geht es genauso!"

Ein zauberhafter Zustand

Missmutig, melancholisch und vor allem selbstionisch geht’s in all diesen Gedankenströmen zu, die Sven Regener zu einer wunderbar wilden, urkomischen Symphonie zusammengemixt hat. "Glitterschnitter" ist weniger ein stringent erzählter Roman, als ein zauberhafter Zustand, fast wie damals, als man so alt wie Frank Lehmann war, scheinbar noch alles möglich war und nichts davon sein musste.

Stand: 24.10.2021, 09:54