Buchcover: "Ein französischer Sommer" von Francecsa Reece

"Ein französischer Sommer" von Francecsa Reece

Stand: 03.05.2022, 07:00 Uhr

Eine junge Frau auf der Suche nach sich selbst, ein alternder Schriftsteller, der in ihr eine Doppelgängerin seiner großen Liebe sieht: Francesca Reeceʼ Roman "Ein französischer Sommer" erzählt von Selbstbetrug, Schuld und dem unüberbrückbaren Abgrund der Zeit. Eine Rezension von Oliver Pfohlmann.

Francecsa Reece: Ein französischer Sommer
Aus dem Englischen von Juliane Gräbener-Müller und Tobias Schnettler.
S. Fischer Verlag, 2022.
448 Seiten, 24 Euro.

"Ein französischer Sommer" von Francecsa Reece

Lesestoff – neue Bücher 04.05.2022 05:10 Min. Verfügbar bis 04.05.2023 WDR Online Von Oliver Pfohlmann


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Große Veränderungen durch einen neuen Job

Das 450-Seiten-Debüt der in Wales geborenen Autorin Francesca Reece wird aus zwei Perspektiven erzählt. Die erste Erzählstimme ist die Leahs, einer jungen Engländerin, die nach dem Studium in Paris lebt. Dort lässt sie sich ohne Ambitionen treiben, wie sie selbstironisch gesteht, ihre Hauptbeschäftigungen sind Kellnern, Partys und Sex.

Doch ihr Leben ändert sich, als sie die Anzeige eines berühmten Schriftstellers entdeckt, der für ein neues Projekt eine Assistentin sucht. Ein erster Anruf bleibt erfolglos, doch eine Zufallsbegegnung beschert ihr schließlich doch den ersehnten Job. Wobei die Arbeit, um die es geht, einigermaßen delikat ist: Sie soll die intimen Jugend-Tagebücher des Schriftstellers abtippen, als Vorbereitung für seinen neuen Roman.

"'Offen gesagt, Leah, du wirst mich für verrückt halten. Mein Verleger hält mich für verrückt. Meine Frau hält mich für verrückt. Meine Kinder halten mich für verrückt … Nicht verrückt im Sinne eines kreativen Genies, sondern im Sinne des alten Mannes, der durchdreht. Ich kenne dich kaum und bewege mich hier mit einem großen Vorschuss an Vertrauen. Vertrauen und … Gefühl.' Bei dem Wort schauderte es ihn merklich, so als wäre es für seinen Mund zu groß. 'Vertrauen und Gefühl. Konzepte, die ich normalerweise meide.'"

Wechselnde Zeitebenen und Handlungsorte

Michael Young, ein ausgebrannter Kultautor Ende 60, liefert die zweite Erzählstimme von Reeceʼ Roman. Fortan wechseln die Zeiten ebenso wie die Handlungsorte: in der Gegenwart Paris und eine mit zahlreichen Nebenfiguren bevölkerte Sommervilla an der südfranzösischen Küste, in der Vergangenheit die Londoner Boheme der späten Sechziger und das Griechenland unter der Militärjunta. Letztere sind die Schauplätze von Michaels autobiografischem Romanprojekt.

Die Vergangenheit zum Leben erwecken

Dass nach jahrelanger Schreibkrise seine kreativen Energien wieder fließen, liegt natürlich an Leah. Zu Michaels Muse wird sie aber nicht nur, weil sie jung und attraktiv ist. Wie sich herausstellt, sieht Leah zufällig auch noch Michaels großer Studienliebe Astrid zum Verwechseln ähnlich. Unwissentlich ermöglicht ihm die junge Frau so, die eigene Vergangenheit wieder zum Leben zu erwecken. Ein Doppelgängertum, das freilich ebenso unwahrscheinlich wie unglaubwürdig ist.

Diesen Anklang an Trivialliteratur sieht man wohl am besten als eine Art bittere Pille der Autorin für ihre Leserschaft: Denn wer bereit ist, sie zu schlucken, dem beschert Reeceʼ Roman von da an ein beachtliches Lesevergnügen – mit einer sich immer mehr in einem Netz aus Begehren und Hoffnungen verstrickenden jungen Frau und einem alternden, narzisstischen Schriftsteller, der bald zwischen Gegenwart und Vergangenheit kaum noch unterscheiden kann. Und dessen Zynismus und Machismo nur noch von seiner Neigung zum Selbstbetrug übertroffen werden.

"Ihr Gesicht blieb regungslos, halb im Schatten verborgen, und ich dachte an all ihre unterschiedlichen Gesichter, die ich je gekannt hatte, alle übereinandergelegt. Kaum wahrnehmbare Zeitschichten, jede für sich ganz und gar einzigartig und doch untereinander identisch und aus demselben Stoff gewebt. Wenn ich von ihr träumte, waren die einzelnen Abschnitte flüssig, und ich konnte die älteren, vergrabenen Schichten wieder hervorholen."

Imaginäre Zeitreisen und Erlösung

Ist der Abgrund der Zeit überbrückbar? Gibt es so etwas wie "Anker", die eine imaginäre Zeitreise ermöglichen? Die vielleicht sogar die Erlösung von jahrzehntelang zurückliegender Schuld erlauben? Das sind einige der Fragen, die in "Ein französischer Sommer" gestellt werden.

Nicht nur das Schwelgen in Bildern, Räumen, Gerüchen und Sinnlichkeit macht Francesca Reeceʼ Roman zu einer empfehlenswerten Sommerlektüre. Sondern auch, dass er auf überzeugende Weise davon erzählt, warum manche Männer Frauen so gern zur Projektionsfläche ihrer Wünsche machen. Und welchen Preis die Frauen zahlen müssen, die irgendwann mehr sein wollen als das Objekt männlicher Sehnsüchte.