Buchcover: "Realitätshandlung" von Lisbeth Exner

"Realitätshandlungen" von Lisbeth Exner

Stand: 21.09.2022, 12:00 Uhr

In einem künstlerisch anspruchsvollen Roman fächert Lisbeth Exner in wechselnden Perspektiven Abgründe des Menschen auf und lässt sechs Figuren darstellen, was zählt im Leben. "Realitätenhandlung" heißt der Debütroman, "Neunundvierzig Minuten" lautet der Untertitel. Eine Rezension von Stefan Berkholz.

Lisbeth Exner: Realitätenhandlung
Elster & Salis, Wien 2022.
144 Seiten, 18.00 Euro.

Besitz vergiftet den Alltag

Was bleibt von einem Leben? Was kann und soll verwertet werden nach einer Wohnungsräumung? Der Besitz vergiftet den Alltag zwischen Menschen. Gier und Habgier regieren, Gesetze sollen schützen, Paragrafen den Besitzstand wahren.

Sechs Figuren sind in einer Wiener Altbauwohnung mit der Frage beschäftigt, wie mit dem Besitz einer dementen alten Dame zu verfahren ist. Der Spediteur mit krimineller Vorgeschichte schätzt den Bestand der Wohnung in Gedanken.

"Der Blaumann ist sich sicher, dass die Küche dieser Wohnung ein wertvolles Museumsstück ist. Jemand musste sie vor langer Zeit haben einbauen lassen, weil sie den kleinen Raum am besten ausnutzte oder weil sie damals der letzte Schrei war. Er sollte den Exekutor darauf hinweisen. Vielleicht ließen sich ja so die finanziellen Probleme der alten Dame lösen, und sie könnte, solange es geht, noch hier wohnen bleiben."

"Realitätshandlung" von Lisbeth Exner

Lesestoff – neue Bücher 21.09.2022 05:13 Min. Verfügbar bis 21.09.2023 WDR Online Von Stefan Berkholz


Download

Die eigenen Sorgen

Jede Figur in dieser geräumigen, ehemals hochherrschaftlichen Wohnung ist mit eigenen Sorgen und Nöten beschäftigt: der Exekutor, also der Gerichtsvollzieher mit seiner Alkoholabhängigkeit und erotischen Fantasien; die Besitzerin mit unterdrücktem Rassismus und dem Traum von einer wissenschaftlichen Karriere; die demente Mieterin mit ihren Anstrengungen, sich zu erinnern.

Und über all dem geistert ein Hausgespenst, die einhundertzwanzigjährige Großmutter, "das Pflegegespenst", wie es heißt. Sie deutet so manches zur Umwidmung, Übernahme, Arisierung, also zum Raub unter Nazizeiten an. Sie, so als Geist, wird ja nicht mehr gehört. Zugleich mokiert sie sich darüber, wie wenig die Nachkommen mit dem Erbe anstellen.

"Also ehrlich. Man hat die Kraft der Vererbung ganz schön überschätzt. Schon die eigenen Kinder hatten überhaupt kein Talent fürs Realitätengeschäft. Der älteren Tochter zum Beispiel ging es nur um die Bewahrung des als sakrosankt empfundenen Erbes. Man konnte ja schon wenig damit anfangen, wie verkrampft und überkorrekt sie der Elterngeneration Respekt erwies. Von ihrem Faible aber für die religiöse Überhöhung profanen Besitzes hielt man gar nichts. So ein Stuss."

Ein anarchistischer Gesellschaftskritiker

"Realitätengeschäft", so heißt der Roman. Und in "Neunundvierzig Minuten", so der Untertitel, belauern sich die Versammelten gegenseitig. Der Studentenjobber, der "Bub vom Aufsperrdienst", hatte sich zunächst lediglich "über diese staubige Papierfülle" in der Wohnung der alten Dame gewundert.

Im weiteren Verlauf entpuppt er sich als Gesellschaftskritiker und Anarchist, der die versammelten Figuren zum Nachdenken bringt, sogar den Vollzugsbeamten.

"Abgesehen von dem kurzen Moment mit den verschiedenen Werkzeugen an der Tür hat der Bub dann lange nur völlig debil auf sein Telefon gestarrt. Smartphonesüchtig. (…) Und nun referiert er plötzlich über eine nicht sozialistische Bodenreform und irgendeinen Gesellen. In der Natur Vorgefundenes könnte niemandes Besitz sein. Dann gäbe es Frieden auf Erden. So ein Blödsinn."

Der Wert der Bibliothek

In den Mittelpunkt aber rückt immer mehr die überbordende Bibliothek, deren Wert höchst fragwürdig wirkt in einer Zeit, in der Bücher wertloser werden. Die Wohnungsbesitzerin überlegt.

"Die Bibliothek im Tausch für die Finanzierung des Abtransports von Möbeln, Hausrat und Kleidung und den Erlass der Mietrückstände. Das könnte sie sich vermutlich leisten. Denn die Räumungskosten wären viel geringer, wenn die Bücher an Ort und Stelle blieben. Und sie selbst würde einfach hier einziehen. Also weg mit der Mieterin."

Ein rätselhaftes und anspruchvolles Werk

Ein schmales, ein wunderliches Buch ist dieses literarische Debüt von Lisbeth Exner, skurril, versponnen, merkwürdig. In wechselnden Perspektiven streift die Schriftstellerin die Abgründe des Menschen, lässt in kurzen, knappen Kapiteln verborgenen Rassismus aufblitzen, Herrscherallüren, Political Correctness, Menschliches allzu Menschliches.

Etwas sperrig wirkt dieses Debüt, rätselhaft, auch verschlüsselt. Ein gedrungenes, äußerst verknapptes und künstlerisch anspruchsvolles Werk.