Lola Randl - Der große Garten

Hörbuchcover: Lola Randl - Der große Garten

Lola Randl - Der große Garten

Von Monika Buschey

Die Filmemacherin Lola Randl verlässt die große Stadt und bewirtschaftet auf dem Land einen riesigen Garten. Lustgewinn und Therapie zugleich. Ihre Erfahrungen beschreibt sie mit Humor und Selbstironie.

Lola Randl: Der große Garten
Gelesen von Sandra Hüller.
Speak low, 2020.
1 MP3-CD, 303 Minuten, 16 Euro.

Lola Randl - Der große Garten

WDR 3 Buchkritik 21.01.2021 05:10 Min. Verfügbar bis 21.01.2022 WDR 3


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Die Arbeit im Garten als therapeutische Maßnahme

"Meine Mutter schüttelt den Kopf über mein Vorhaben, ein Gartenbuch zu schreiben. Besser als jede andere weiß sie, dass ich viel zu wenig Geduld für den Garten habe. Ich habe ihr gesagt, mein Analytiker hätte gesagt, dass ich das tun soll, aber ich bin unsicher, ob sie es glaubt."

Der Garten ist der beste Therapeut: Die Jahreszeiten hautnah zu spüren, in der Erde zu wühlen, säen, ernten und den Schmetterlingen nach zu träumen ist ein erprobtes Mittel gegen seelische Missstimmungen und so gut wie alle Krankheiten. Lola Randl, Filmemacherin aus Berlin, probiert es aus – sowohl die Arbeit im Garten als auch das Schreiben darüber.   

"Das einzige, was im Moment im Garten wächst, ist die Pastinake. Zweieinhalb Reihen Pastinaken stehen da im tiefsten Winter. Ihr Grün ist abgestorben, aber unter der Erde hält sich beständig die weiße Wurzel. Es ist eigentlich ziemlich viel dran an einer solchen  Rübe. Genau genommen ist die Pastinake aber gar keine Rübe, sondern ein Pastinak, ein Gewächs  aus der Familie der Pastinaken."

Ein analytischer Blick auf die Wechselwirkungen von Innen und Außen

In kurzen prägnanten Kapiteln schickt Lola Randl den beobachtenden Blick nach innen und nach außen. Auf die Natur, auf die eigenen Lebens- und Liebesverhältnisse und auf die Wechselwirkung zwischen Innen und Außen.   

"Die Therapeutin sagt, das Gartenbuch sei wie alles, was ich mache, eine Flucht vor mir selbst. Warum wollen Sie weg von sich? Fragt die Therapeutin mit übereinander geschlagenen Beinen und sieht mich mit ihrem nachsichtigen Lächeln an. Ihre Beine sind meistens überschlagen, wenn sie mit mir spricht. Was passiert, wenn Sie mit sich allein sind? Mich macht das sehr unruhig, wenn die Therapeutin so langsam und sorgfältig spricht. Die fünfzig Minuten sind in zwei Minuten vorbei. Ich stehe besser schon mal auf, damit ich den Zug noch erwische. Das überlege ich mir mal, sage ich und schlüpfe in den Mantel."

Mit Geduld den Garten kennenlernen

Sie nähert sich allem, was ihr begegnet mit geradezu ehrfürchtiger Vorsicht und dem forschenden Interesse einer Unkundigen, die mit dem Blick auf Pflanzen und Mitmenschen zugleich etwas über sich selbst herausfinden will. Natürlich hat die Mutter recht, wie Mütter immer irgendwie recht haben: Ein Garten verlangt Geduld. Aber er lehrt sie auch. Und er verfolgt die Gärtnerin mit seinen speziellen Bedürfnissen bis an den Rand der Träume. Da liegt sie im Bett und schichtet in Gedanken einen Komposthaufen auf.       

"Unten kommen Hölzer hinein, damit der Kompost atmen kann, dann klein geschreddertes Holz, dann Laub und abgelagerter Mist, dann frisches Heu und ein paar Eierschalen für den Kalkgehalt, ein bisschen Pipi für den Phosphorgehalt, feinste fermentierte Küchenabfälle, Tonmehl, Braunkohle-Asche, Kaffee und ein paar Fischgräten – und dann bin ich eingeschlafen."

Es geht um die natürlichen Zusammenhänge, um Erde, Kompost und Fruchtfolge. Es geht um andere Stadtflüchter, die auf dem Land den Sinn des Lebens zu finden versuchen. Ebenso wie um Dorfbewohner, die ihn bereits gefunden haben. Wie das alte Ehepaar, das mit großer Sorgfalt in der guten Stube das Saatgut vorzieht.

"Bei Hermann und Irmi steht der halbe Esstisch und jedes Fensterbrett voll mit Plastikschachteln, in denen Samen keimen. In jede Torftablette kommt ein Same, das macht der Hermann und die Irmi gießt dann Wasser drüber."

Parallelen zwischen Gartenarbeit und Beziehungen

Keine Idyllen-Heuchelei: Die Arbeit im Garten ist nicht leicht und manchmal ganz schön frustrierend. Darin menschlichen Beziehungen durchaus ähnlich. Lola Randl beackert beide Felder mit wohlwollendem Staunen:

Wir erfahren von einem etwas zu innigen Verhältnis mit dem Analytiker, von einem Mann, der immer dann gerade einschläft, wenn die Frau eine wichtige Frage hat und von einem Liebhaber. Er wohnt, was praktisch und gefährlich ist, ganz in der Nähe.    

"Der Liebhaber wohnt im Haus gegenüber. Also, gegenüber ist natürlich die Kirche, und der Liebhaber wohnt hinter der Kirche in einem alten Fachwerkhaus, das direkt in der Kurve steht. Die Straße geht so nah am Haus des Liebhabers vorbei, dass an der schmalsten Stelle der Bürgersteig nur einen Fuß breit ist."

Eine besondere Anleitung für mehr Achtsamkeit

Lola Randls Texte sind Achtsamkeitsübungen der besonderen Art, und die zarte Stimme von Sandra Hüller, dennoch prägnant und unverwechselbar, macht einen Hörgenuss daraus. Ihre Haltung beim Vorlesen ist die der Autorin beim Hinsehen und Beschreiben: Sorgfalt und Gelassenheit. Manchmal sinkt der Mut. Aber dann kommt wieder Freude auf.        

"Von einem Tag zum anderen stehen sie da und lassen so andächtig und unschuldig ihr weißes Haupt baumeln, dass man gar nicht anders kann als entzückt zu sein. Jeder hat die Schneeglöckchen lieb, da jeder schon vergessen hat wie es ist, wenn die ersten Sonnenstrahlen wieder den Boden erwärmen und man spürt, dass der Frühling kommt, auch wenn der Winter meistens noch gar nicht vorbei ist."

Stand: 20.01.2021, 21:07