R.O. Kwon - Die Brandstifter

R.O. Kwon - Die Brandstifter

R.O. Kwon - Die Brandstifter

Von Barbara Geschwinde

"Die Brandstifter" erzählt die Geschichte einer Radikalisierung und ist eine lesenswerte Studie über die Sehnsucht des Menschen nach Liebe und Zugehörigkeit.

R.O. Kwon
Die Brandstifter

Aus dem Englischen von Anke Caroline Burger
Liebeskind Verlag, München 2019
240 Seiten
20 Euro

Drei junge Menschen

Phoebe, Will und John lernen sich am Edwards College in Noxhurst kennen. Das liegt an der amerikanischen Ostküste, unweit von New York. Die drei jungen Menschen könnten kaum unterschiedlicher sein. John Leal studiert gar nicht am College, taucht aber immer wieder dort auf, weil er Kontakte knüpft und Gäste zu sich nach Hause einlädt. Erst nach und nach wird deutlich, dass er einen Plan verfolgt. Phoebe Lin ist vor allem damit beschäftigt, zu feiern und zu trinken. Will Kendall studiert fleißig und arbeitet nebenbei sehr viel, weil sein Stipendium nicht ausreicht und er außerdem seine Mutter finanziell unterstützt. Er schämt sich für seine Herkunft, da seine Kommiliton*innen aus wohlhabenderen Verhältnissen stammen. Aus Scham lügt er:

"Ich erzählte die Märchen, die ich seit meinem ersten Tag in Noxhurst zum Besten gegeben hatte; meine Halbwahrheiten stiegen auf wie ein Heißluftballon, bis ich mich in bestimmten Augenblicken in einen ganz anderen Will verwandelte, der weit über den üblichen Kendall-Problemen schwebte. Mit der Begeisterung des Ballonfahrers schnitt ich die Halteseile durch. Die zeitlichen Abläufe wurden durchlässig, verschoben sich, mein Vater füllte wieder seinen leeren Platz am Tisch. Das bescheidene Mietshaus meiner Mutter segelte aus dem öden, Crystal-Meth-verseuchten Carmenita nach Süden in die Hügel von Los Angeles und expandierte unterwegs in eine offene Villa mit nierenförmigem Swimmingpool, wie ihn nur reiche Leute haben."

R.O. Kwon: "Die Brandstifter"

WDR 3 Buchrezension 07.08.2019 04:54 Min. Verfügbar bis 06.08.2020 WDR 3

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Phoebe und Will

Phoebe und Will werden ein Paar, auch wenn sie aus unterschiedlichen Klassen stammen. Phoebe stammt aus der bürgerlichen Mittelschicht. Sie kann nicht einmal einen Pfirsich schneiden, weil sie in ihrem Elternhaus von allen häuslichen Pflichten ferngehalten wurde. Dennoch entscheidet sich die angehende, talentierte Pianistin ganz plötzlich, das Klavierspiel aufzugeben. Bei einem Verkehrsunfall stirbt ihre Mutter. Phoebe hatte das Auto gelenkt und fühlt sich verantwortlich für deren Tod. Ihren Schmerz verbirgt sie hinter der Fassade eines Party-Girls. Sie betäubt ihre innere Leere und Einsamkeit, die sie wiederum an Will attraktiv findet:

R.O. Kwon

R.O. Kwon

"Anfangs war Will wie die anderen. Ich war mal wieder bei einer Party und tanzte, als er mir auffiel. Er stand neben dem Alkohol, sein Gesicht unbekannt. Ich war jetzt seit ein paar Monaten hier in Edwards und glaubte, mittlerweile alle Partygänger zu kennen. Seine Einsamkeit war offensichtlich – er hielt den Plastikbecher so lange an die Lippen. Magisch zog sie mich an. Ich bewegte mich in seinen Blickwinkel, aber er schaute hartnäckig an mir vorbei ins Getümmel. Er hob wieder sein Glas. Na schön, dachte ich. Ich hatte einen halb vollen Becher Punsch in der Hand. Giftig rot schwappte der Fusel. Ich tanzte auf ihn zu. Ich hielt den Becher schräg und ließ schäumenden Punsch auf sein Bein kleckern."

Leidenschaft und Terrorismus

In die beginnende Liebesbeziehung drängt sich John Leal, der zunächst sehr schemenhaft als Aktivist und Schmuggler von Flüchtlingen aus Nordkorea gezeichnet wird und sich dann als Gründer einer christlichen Sekte entpuppt. John, der ebenso wie Phoebe koreanischer Abstammung ist, weiß wie er die unter ihren Schuldgefühlen leidende Phoebe für seine Ziele instrumentalisieren kann. Will wiederum, der sich selbst gerade erst von einer evangelistischen Christengemeinde befreit hat, durchschaut Johns Tricks.

Der Roman "Die Brandstifter" erzählt auch von der berauschenden, ersten großen Liebe und gibt Einblicke in das Milieu einer ultra-religiösen Gruppe. Es geht um Leidenschaft und Terrorismus und die schleichende Radikalisierung eines Menschen, der Halt und seinen Platz in der Gesellschaft sucht. Der Roman erinnert uns auch daran, dass religiöser Fanatismus zugenommen hat und weit über radikalen Islamismus hinausgeht. Zugleich erfahren wir am Beispiel von Phoebe und Will, wie schnell in einer verhängnisvollen Verliebtheit die kritische Distanz verloren geht. Will blendet alle Warnzeichen aus und kann Phoebe nicht mehr erreichen.

Erzählt wird der Roman aus der Perspektive von Will, der die Geschichte für sich aufarbeitet. Dabei ist das Besondere, dass Will auch die Perspektive seiner Freundin Phoebe in der Ich-Form erzählt. Unterbrochen wird die Erzählung durch kurze Kapitel über John Leal. "Die Brandstifter" von R.O. Kwon wurde zum Bestseller in den USA. Es ist das Generationsbild junger Studierender und eine Stimmungsbild gesellschaftlicher und religiöser Milieus. Der Roman zeigt auf, welche Risiken vermeintliche Freiheiten bieten, wenn die Sehnsucht des Menschen nach Liebe und Zugehörigkeit unerfüllt bleibt. Ein bemerkenswertes Debüt.

Stand: 06.08.2019, 10:53