Pilar Quintana - Hündin

Buchcover: Pilar Quintana: Hündin

Pilar Quintana - Hündin

Von Dirk Fuhrig

Eine Hundeliebe in Kolumbien - Pilar Quintanas beeindruckender Roman über eine verzweifelte Frau, die keine Kinder bekommen kann.

Pilar Quintana: Hündin
Aus dem Spanischen von Mayela Gerhardt.
Aufbau Verlag, Berlin 2020.
151 Seiten, 18 Euro.

Damaris und ihr Mann wünschen sich Nachwuchs

Kann ein Hund ein Kind ersetzen? Um diese Frage kreist der Roman von Pilar Quintana. In einem armseligen Ort an der Pazifikküste Kolumbiens fühlt sich Damaris ausgeschlossen, weil sie und ihr Mann Rogelio keine Kinder bekommen können.

"Da sie sich auf keinen Namen einigen konnten, beschlossen sie, dass er die Namen ihrer Söhne aussuchen sollte und sie die ihrer Töchter. Insgesamt wollten sie vier Kinder haben, am liebsten zwei Jungen und zwei Mädchen. Doch zwei weitere Jahre vergingen, und allmählich mussten sie den Leuten, die nachfragten, erklären, dass sie einfach nicht schwanger wurde."

In einer dörflichen Gemeinschaft wie dieser, ganz im Westen Kolumbiens, gilt Kinderlosigkeit als Makel. Damaris probiert Kräutertränke aus und sucht Hilfe bei einem Wunderdoktor – doch alles umsonst. Die Möglichkeiten moderner künstlicher Befruchtung stehen der in ärmlichen Verhältnissen lebenden Frau nicht zur Verfügung.

Die Hündin wird ihr immer wichtiger

Als der Hund einer Nachbarin Nachwuchs bekommt, nimmt sie sich des schwächsten Welpen an, päppelt es auf und verwöhnt es mit ihrer Zuneigung. Im Laufe der Jahre wächst ihr die Hündin immer mehr ans Herz – im selben Maße, wie ihr Mann ihr gleichgültig wird.

"Sie dachte an Rogelio, der inmitten dieses rasenden Sturms auf einem kläglichen Boot unterwegs war, mit nichts außer einer Schwimmweste, einem Regencape und ein paar Plastikplanen, um sich zu schützen, doch sie machte sich größere Sorgen um die Hündin, dort draußen in der Wildnis, durchnässt, starr vor Kälte, zu Tode verängstigt, ohne dass sie da war, um sie zu retten, und Damaris begann wieder zu weinen."

Pilar Quintana: "Hündin"

WDR 3 Buchkritik 21.10.2020 04:52 Min. Verfügbar bis 21.10.2021 WDR 3


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Triste Lebensverhältnisse im Hintergrund der Geschichte

Die Schriftstellerin Pilar Quintana, Jahrgang 1972, stammt aus Cali, einer Zwei-Millionen-Stadt nicht weit von der rauen Pazifikküste. Die Handlung ihres Romans ist ganz in der Nähe angesiedelt, direkt an den steilen Klippen, die zum Ozean abfallen. Die Lebenssituation der indigenen Einwohner ist von Entbehrung und Armut geprägt. Die meisten wohnen in einfachen Hütten, die kaum Schutz vor den regelmäßig vom Himmel fallenden tropischen Wassermassen bieten.

"Der Regen war immer so frisch und sauber, dass er die Welt zu reinigen schien, doch in Wahrheit war er schuld daran, dass alles von einer Schimmelschicht überzogen war: die Baumstämme, die Betonpfeiler des Piers, die Straßenlaternen, die Pfähle der Holzhütten, die Wände aus Holzplanken und die Dächer aus Zink und Asbest."

Pilar Quintana schafft es, die Lebensverhältnisse und sozialen Rahmenbedingungen zu zeichnen, ohne die eigentliche Geschichte aus den Augen zu verlieren: die zunehmende emotionale Verhärtung ihrer traurigen Heldin Damaris. Die Kinderlosigkeit macht sie zu einer Außenseiterin. Die anfänglich überbordende Hingabe zu dem Welpen schlägt allerdings in Abneigung und Hass um, als die Hündin erwachsen und selbstständig wird. Sie verschwindet tage- und wochenlang, was Damaris als Verrat und tiefe Kränkung erlebt.

Kein Mitleid für emotionale Abgründe

Der Roman ist so außergewöhnlich und beeindruckend, weil Pilar Quintana äußerst nüchtern erzählt. Damaris’ emotionale Tragödie wird in einer fast schon beängstigend kalten Sprache berichtet. Die Schriftstellerin leistet sich kein Mitleid mit ihrer Hauptfigur, sondern schildert die Vorgänge in staubtrockener Sachlichkeit.

Die – elterliche – Gewalt, die in diesem ruralen sozialen Kosmos alltäglich ist, Neid und Missgunst der Nachbarschaft, tödliche Dramen, die die raue Meeresbrandung verursacht – all das verleiht diesem Text eine beunruhigende Schwingung. Damaris gleitet durch ihr Leben wie durch eine Geisterbahn, schon seit ihrer eigenen Kindheit; ein Drama reiht sich ans andere, sie stumpft immer mehr ab. Bis sie schließlich ihr geliebtes Wesen, die  Hündin, kaltblütig erstickt.

"Sie griff nach einem rechteckigen Spiegel, den sie benutzte, um sich die Haare zu kämmen oder Mitesser zu entfernen. Sie wollte überprüfen, ob sie darin den Blick der Frau sah, die ihren Mann in Stücke gehackt hatte, und meinte, ihn dort zu erkennen, und sie glaubte, dass die Leute ihn ebenfalls sehen und er ihnen verraten würde, was sie getan hatte. Dann sah sie auf ihre großen, rauen Hände, mit denen sie eine Hündin getötet hatte, die den Bauch voller Welpen gehabt hatte, und meinte, die Abdrücke des Stricks darauf zu erkennen. Verzweifelt, als wollte sie den Himmel anflehen, blickte sie nach oben. Die Geier waren eingetroffen."

"Die Hündin" ist ein todtrauriger Text, der den Leser tief in die seelische Leere der Protagonistin hineinzieht. Der lakonische Stil, die sezierende, fast schon rohe Sprache ist packend. Ein abgründig-großartiger Roman einer neuen literarischen Stimme aus Kolumbien.

Stand: 17.10.2020, 14:10