"Quartett im Herbst" von Barbara Pym

Buchcover: "Quartett im Herbst" von Barbara Pym

"Quartett im Herbst" von Barbara Pym

Große Bühne für vier klassische Nebenfiguren: Barbara Pyms wiederentdeckter Roman "Quartett im Herbst" verschafft einem Grüppchen gern übersehener Eigenbrötler einen unvergesslichen und sehr komischen Auftritt. Eine Rezension von Andre Gerk.

Barbara Pym: Quartett im Herbst
Aus dem Englischen übersetzt von Sabine Roth.
Dumont Verlag, 2021.
240 Seiten, 20 Euro.

"Quartett im Herbst" von Barbara Pym

Lesestoff – neue Bücher 01.12.2021 05:02 Min. Verfügbar bis 01.12.2022 WDR Online Von Andrea Gerk


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Ein Quartett im Büro

Zwei Männer und zwei Frauen bilden Barbara Pyms Quartett, das sich seit Jahren jeden Tag im Büro trifft, Pulverkaffee und Teewasser teilt und sich über die kleinen Sorgen mit den Vermietern austauscht.

Marcia, Letty, Norman und Edwin stehen kurz vor der Rente, alle leben allein und so versucht jeder auf seine Art, die drohende Einsamkeit zu bewältigen. Der Witwer Edwin pilgert von einem Gottesdienst zum nächsten, sein nörgeliger Kollege Norman besucht seinen kranken Schwager, obwohl er den so wenig mag wie eigentlich alle Menschen.

Letty, die zur Untermiete wohnt und Wert auf gute Kleidung legt, sollte eigentlich zu ihrer Freundin aufs Land ziehen, doch die verliebt sich in den Dorfpfarrer und so bleibt Letty erstmal in London. Weil sie gerne liest, startet sie mit einem Gang in die Bibliothek in den Ruhestand und beschließt, sich dem Studium der Soziologie zu widmen:

"Der Tag war lang gewesen und auf eigenartige Weise anstrengend, so anstrengend wie ein Arbeitstag, empfand Letty. (…) Sie hatte pflichtschuldig versucht, eines der Bücher zu beginnen, die sie aus der Bücherei mitgebracht hatte, aber sie hatte sich schwergetan mit dem Lesen. Ernsthafte Lektüre war offenbar etwas, das gelernt sein wollte, und vielleicht sollte sie sich lieber am Morgen daransetzen, wenn sie ausgeruht war."

Humorvoll und einfühlsam erzählt

Auch Lettys Kollegin Marcia hat nicht viel mehr zu tun, als in ihrem heruntergekommenen kleinen Haus all die Konservenbüchsen und Milchflaschen, die sie hortet, zu sortieren oder für den Arzt Mr. Strong zu schwärmen, der ihre Krebsoperation durchgeführt hat. Wie die schrullige, wirre Frau beim Sortieren von Plastiktüten und anderem Kram, nahezu alles, vor allem aber das Essen so konsequent vergisst, dass sie gleichsam in sich selbst verschwindet, das erzählt Barbara Pym auf wunderbar einfühlsame, humorvolle Weise:

"Als sie endlich fertig war, wäre es im Büro Mittagszeit gewesen, und Marcia überlegte kurz, was wohl Edwin und Norman gerade taten, aber natürlich würde es das Gleiche sein wie sonst auch, sie würden die Brotzeit essen, die sie sich mitgebracht hatten, Edwin etepetete wie immer, Norman mit einem Kaffee zum Abschluss (…) An ihr eigenes Mittagessen dachte Marcia nicht, und es wurde Abend, ehe sie etwas zu sich nahm, nur eine Tasse Tee allerdings und einen Brotrest, den sie in der Brotbüchse entdeckt hatte. (…) Es wollte noch so viel Kleinkram erledigt sein, und eine große Esserin war sie noch nie gewesen."

Gern übersehene Menschen

Marcia, Letty, Edwin und Norman sind – wie auch die Figuren in Barbara Pyms anderen Romanen - genau genommen typische Nebenfiguren. Man merkt, welche Freude die Autorin dabei hatte, ausgerechnet diese gern übersehenen Menschen in den Mittelpunkt ihres Werkes zu stellen. Denn so unauffällig und bescheiden wie Barbara Pyms herbstliches Quartett auf den ersten Blick wirkt, ist natürlich keiner der vier.

Vielmehr pflegen diese Eigenbrötler hingebungsvoll ihre Marotten und es zeugt vom großen Können der Autorin, dass sie diese zwar auf sehr amüsante Weise beschreibt, aber sich nie über ihre Figuren erhebt oder gar lustig macht. So schließt man dieses schrullige Quartett von Seite zu Seite mehr ins Herz und wundert sich gleichzeitig, warum man so gefesselt immer weiterliest, obwohl doch kaum etwas wirklich Erwähnenswertes passiert.

"Es war keine unkomfortable Existenz, auch wenn sie von einer gewissen Sterilität geprägt war, um nicht zu sagen, Entbehrung. Aber Entbehrung setzte voraus, dass man zu irgendeiner Zeit etwas gehabt hatte, das seinem genommen worden war, wie, um ein praktisches Beispiel zu nennen, Marcias Brust, und Letty hatte nie sonderlich viel gehabt. Allerdings fragte sie sich mitunter, ob nicht auch die Erfahrung des Nicht-Habens eventuell als Wert verbucht werden durfte."

Aus der Zeit gefallene Figuren

Mit einem feinen Humor, der sich wie ein Unterstrom durch die gesamte Erzählung zieht, werden hier wie nebenbei die großen Fragen des Lebens verhandelt. Dank der gelungenen Neuübersetzung von Sabine Roth kann das Etikett "altmodisch", das Barbara Pyms Romanen eine Zeitlang anhing, endgültig ins Altpapier.

Denn ihre verschrobenen Figuren wirken weniger altmodisch als vielmehr auf wunderbare Weise wie aus der Zeit gefallen und es ist ein großes Vergnügen sie endlich kennenzulernen.

Stand: 28.11.2021, 16:46