Barbara Pym - In feiner Gesellschaft

Buchcover:  Barbara Pym - In feiner Gesellschaft

Barbara Pym - In feiner Gesellschaft

Von Katja Lückert

Eine Dreiecksliebesgeschichte im London der fünfziger Jahre, die kein bißchen angestaubt wirkt, höchstens aus der Zeit gefallen und damit fast schon wieder zeitlos. Der Titel: "meistunterschätzte" Schriftstellerin des Jahrhunderts steht Barbara Pym immer noch gut.

Barbara Pym: In feiner Gesellschaft
Aus dem Englischen von Sabine Roth.
Dumont Verlag, Köln 2020.
350 Seiten, 20 Euro.

Undankbare Aufgaben im London der Fünfziger

"Eine undankbare Aufgabe" – so lautete der Arbeitstitel, den Barbara Pym für diesen Roman gewählt hatte. Ihr Verleger fand ihn ein wenig zu negativ und doch hätte er ziemlich gut gepasst, denn Fußnoten und Stichwortwortverzeichnisse zu erstellen, gehört tatsächlich eher zu den undankbaren Tätigkeiten, die die Damen verrichten, die im London der fünfziger Jahre eine Konferenz für wissenschaftliche Hilfskräfte besuchen.

Dulcie Mainwaring, eine rechtschaffene, nicht besonders hübsche Frau, die gerade von ihrem Verlobten Maurice verlassen wurde, weiß nicht, wo das Schicksal sie hinführen wird, hofft aber ein wenig, nicht als "alte Jungfer" zu enden. Dulcie lernt Viola kennen. Barbara Pym genügt ein einziger Satz, um zu beschreiben, wie dieses andere weibliche Geschöpf aussieht, das die Antipodin zu Dulcie bildet:

"Viola hatte ihren Lippenstift gezückt und trug ihn mit Verve auf, offenbar wild entschlossen, so wenig wie eine Dienstleisterin an den staubigeren Rändern der akademischen Welt auszusehen wie nur irgend möglich."

Barbara Pym: "In feiner Gesellschaft"

WDR 3 Buchkritik 24.11.2020 05:17 Min. Verfügbar bis 24.11.2021 WDR 3


Download

Auf der Konferenz lernen sie Aylwin Forbes kennen

Es sind meist Frauen, die in einer Zeit ohne Computer, in der alles noch von Hand zu erledigen ist, Bücher und Zeitschriften Korrektur lesen. 

"'Eine sonderbare Idee, für unsereins eine Tagung zu veranstalten', sagte Viola. 'Plagen wir alle uns mit Fahnenlesen, Registern und Bibliografien und was es noch gibt an drögen, undankbaren Zuarbeiten für Menschen, die mehr zu sagen haben als wir?'"

Beide Frauen verlieben sich in den lebemännischen Aylwin Forbes, der als Referent ebenfalls auf der Konferenz zugegen ist und sich im Stillen über seine weiblichen Mitreferentinnen lustig macht.

"Er stellte sich Miss Randall mit ihrem Haarnetz und Kneifer vor und fragte sich, ob er wohl neben ihr zu sitzen käme und worüber sie dann reden sollten. Register, die die Welt bedeuten? Abtreibung, Alpenglühen, Apostroph – Ehebruch, Eisbein, Embryo – na, wohl bekomm’s! Vielleicht hatte er den Gin doch etwas arg schnell getrunken."

Dulcie und Viola stellen Rcherchen an

Als Schriftsteller und Herausgeber einer literarischen Zeitschrift ist Aylwin Forbes in diesen bildungsaffinen Kreisen ziemlich begehrt. Dulcie und Viola machen sich in Agatha-Christie-hafter Manier auf, Aylwins familiären Hintergrund zu erkunden.

Offenbar lebt er getrennt von seiner Frau, sein Bruder ist Pfarrer und seine Mutter betreibt ein kleines Hotel an der Küste, in das sich die beiden Frauen sogar einmieten, um mehr über den begehrten Mann zu erfahren. Allerdings entgeht den beiden bei ihren Recherchen völlig, dass Aylwin längst ein Auge auf Dulcies achtzehnjährige Nichte Laurel geworfen hat.

Pym als Meisterin kleiner Beschreibungen

Barbara Pym, die selbst im Brotberuf als Lektorin am African Institute in London ähnliche Tätigkeiten ausgeübt hat, wie ihre Protagonistinnen, kennt das Milieu und seine berufsbedingten Ticks recht gut.

"Auf einem der Plattenwege führte eine Frau einen Hund an der Leine. Sie trug einen grauen Tweedmantel, durchsichtige rosa Nylonhandschuhe und in einer Hand ein Gumminetz, in dem zwei Büchereibücher steckten. Was nützt mir mein Auge für solche Details?, sinnierte Dulcie. Eine Schriftstellerin bin ich nicht, ein Privatdetektiv auch nicht. Eine Gabe wie meine bereichert das Leben, sollte man denken, aber so oft ist das, was man beobachtet, weder lustig noch spannend, sondern nur beunruhigend."

Barbara Pym ist eine Meisterin der kleinen, scheinbar nebensächlichen Beschreibungen. Vielleicht hofft sie, dass ihre Leserinnen und Leser auch ihr kurzes Selbstzitat entdecken. Denn in Dulcies Bücherschrank findet sich ihr eigenes, erfolgreichstes Buch: "Vortreffliche Frauen".

"Viola erkannte 'Die Brüder Karamasow', 'Gesammelte Gedichte von Gray und Collins', 'Das große Haushaltsbuch', Patmores 'Engel im Haus' sowie einige alte Buchclub-Bände: 'Die Sterne blicken herab', 'Vortreffliche Frauen' und 'Die Forsyte-Saga'."

 Amüsante Dialoge und der feine englische Humor

Beide Geschlechter bekommen bei Pym gleichermaßen ihr Fett weg. Selbstkritisch stellt Dulcie fest, dass Frauen gern ständig irgendjemanden bemuttern und sich danach sehnen gebraucht und nützlich zu sein, während Männer meist aus Eitelkeit bei der Wahl ihrer Lebenspartnerinnen daneben liegen.

"Sie dachte an Maurice, seine Beteuerungen in den frühen Tagen ihrer Verlobung, dass sie gut 'wie Brot' sei – aber wer wollte schon immerzu Brot? Und was war dann Marjorie?, überlegte sie – um sogleich eine Art Törtchen oder Gebäckteilchen vor sich zu sehen, etwas, in das man hineinbiss und es dann nicht aufessen konnte."

Barbara Pyms Romane liest man nicht wegen des Plots, diese Geschichte endet sogar etwas vage, möglicherweise entwickelt sich zuletzt noch eine Beziehung zwischen Dulcie und Aylwin, vielleicht aber auch nicht. Das Faszinierende sind die präzisen Beschreibungen, das ländliche Setting der Vorortpfarreien, die amüsanten Dialoge, überhaupt dieser längst sprichwörtlich gewordene feine englische Humor.

Zuweilen wirkt die Szenerie ein wenig wie aus der Zeit gefallen, aber damit auch schon fast wieder zeitlos. Die Übersetzung von Sabine Roth fängt die Atmosphäre der spießigen fünfziger Jahre in England recht gut ein. Einer erneuten Wiederentdeckung von Barbara Pym steht absolut nichts entgegen.

Stand: 24.11.2020, 08:52