Walter Moers - Prinzessin Insomnia & der alptraumfarbene Nachtmahr

Walter Moers - Prinzessin Insomnia & der alptraumfarbene Nachtmahr

Walter Moers - Prinzessin Insomnia & der alptraumfarbene Nachtmahr

Von Christel Wester

Der Erfinder des Fantasiekontinents Zamonien hat mit seinem neuen Roman ein Märchen in der Tradition der schwarzen Romantik und zugleich eine Huldigung an die deutsche Sprache geschrieben. Andreas Fröhlich liest das mit einzigartiger Zungenfertigkeit.

Walter Moers
Prinzessin Insomnia & der alptraumfarbene Nachtmahr
Ungekürzte Lesung von Andreas Fröhlich
Der Hörverlag
1 mp3-CD, Laufzeit: 11 h 23 min
ISBN: 978-3-8445-2809-1

Walter Moers
Prinzessin Insomnia & der alptraumfarbene Nachtmahr
Roman mit Illustrationen von Lydia Rohde
Knaus, 338 S.
24.99 Euro
ISBN 978-3-8135-0785-0

Walter Moers ist eine Legende: berühmt und unbekannt zugleich. Der 1957 in Mönchengladbach geborene Zeichner und Schriftsteller lebt seit Jahrzehnten zurückgezogen in Hamburg, verweigert Interviews und lässt sich nicht fotografieren. Seine Figuren jedoch sind fest verankert im Kanon der deutschen Popkultur: An erster Stelle steht da Käpt’n Blaubär, der durch die Puppentrickserie in der Sendung mit der Maus wahrscheinlich die berühmteste Comicfigur Deutschlands ist. Dieser Käpt’n Blaubär ist allerdings nicht nur eine Kinderfigur, er ist auch der Protagonist des ersten Romans aus Walter Moers Feder, mit dem er sich nicht mehr an Kinder, sondern an Erwachsene wandte. Dieser Roman-Blaubär lebt auf einem fiktiven Kontinent namens Zamonien, wo auch alle folgenden Romane von Walter Moers spielen. Gerade ist der siebte Zamonien-Roman erschienen: als Buch mit Illustrationen und als Hörbuch, gelesen von Andreas Fröhlich – einem der Sprecher der legendären Hörspielserie "Die drei ???". "Prinzessin Insomnia und der alptraumfarbene Nachtmahr" lautet der Titel von Buch und Hörbuch.

Ein somnambules Märchen aus Zamonien.

Die Hauptfigur dieses somnambulen Märchens ist die Prinzessin Dylia, die wegen ihrer schweren Schlaflosigkeit Dylia Insomnia heißt. Jedoch entgegen dem weitverbreiteten Irrtum, Märchen seien Kinderliteratur, steht diese fantastische Geschichte ausdrücklich in der Tradition der Schwarzen Romantik, deren Vertreter – Dichter und Maler – sich mit ihren Kunstmärchen und Bildern keineswegs an Kinder wandten. Als Sinnbild der Schwarzen Romantik gilt Johann Heinrich Füsslis viel zitiertes Gemälde "Der Nachtmahr" von 1790. Und tatsächlich hockt in Walter Moers Märchen eines Nachts ein furchterregender Gnom genau so auf dem Brustkorb der Prinzessin wie Füsslis Dämon auf dem Oberkörper einer weiß gewandeten schlafenden Frau.

"Der Gnom legte den Kopf schief, sah sie jetzt beinahe mitleidig an und sprach mit leiser, fast flüsternder, aber überraschend wohlklingender und eindringlicher Stimme: „Schhh… Du brauchst dich nicht anzustrengen, um es auszusprechen. Ich weiß ganz genau, was du sagen willst. Es sind zwei Fragen."

Eine Abenteuerreise nach Amygdala

Walter Moers, Prinzessin Insomnia & der alptraumfarbene Nachtmahr

Walter Moers bleibt natürlich seinem Stil treu und gestaltet das Szenario in ironischer Verzerrung.

"Ich liebe es, mich auf diese Weise vorzustellen, wobei die Antwort eigentlich ein fürchterliches Klischee ist, welches ansonsten nur in ganz schlechten Romanen Verwendung findet, wie ich zugeben muss. Aber es bringt die Sache nun mal auf den Punkt.“ Der Gnom räusperte sich vernehmlich. Also: Die erste Antwort lautet: Ich bin dein schlimmster Alptraum. Und für die zweite muss ich etwas weiter ausholen."

Der Nachtmahr kündigt der Prinzessin an, dass er sie in den Wahnsinn treiben will, doch großzügig bietet er ihr an, mit ihr zuvor noch eine letzte Reise zu unternehmen: Eine Abenteuerreise nach Amygdala – und das heißt: ins Zentrum ihres Gehirns.

"Dylia staunte nicht schlecht, wie lebendig, ja geradezu exaltiert, extraordinär und extravagant es in ihren Gehirnwindungen zuging. Ganz schön ex, dachte sie nicht ohne Genugtuung, obwohl sie trotz all der Übersicht immer noch keinen einzigen Faden ihres Erinnerungsnetzes entdecken konnte. Dafür machten manche der Gänge den Eindruck von lebendig gewordenen Gemälden."

Filigranen Fabelwesen und fantastischen Gegenstände

Der Zeichner Walter Moers illustriert normalerweise seine Romane. Dieses Mal hat er die Bebilderung jedoch der jungen Grafikerin Lydia Rohde überlassen, die selbst an chronischen Schlafstörungen leidet und Moers zu der Geschichte inspiriert hat. Ihre wunderbar filigranen Fabelwesen und fantastischen Gegenstände bevölkern die Buchseiten und illustrieren ebenfalls das Booklet zum Hörbuch. Doch auch sprachlich kann man eine Alptraumreise nicht bilderreicher schildern.

"Etliche der Gänge waren mit transparentem Schleim bedeckt, in dem ebenfalls alle möglichen Farben leuchteten und zuckten."

Monotonomonomonomie

Walter Moers somnambules Märchen über die schlaflose Prinzessin und ihren Nachmahr lebt von einer unnachahmlichen Mischung aus Sprachkunst und Komik. Unter anderem hat Dylia Insomnia hat die Angewohnheit, ihre Schlaflosigkeit bekämpfen, indem sie sich ständig neue Wörter für unangenehme Zustände ausdenkt. Die Langeweile zum Beispiel.

"Ein ganz neues Wort sollte es schon sein wie Monotonomonomonomie. Das war nicht schlecht, aber nicht originell genug. Sie überlegte angestrengt. Pommlonödelfooop? Mit drei Os hinten? Ja, Pommlonödelfooop klang wunderbar kindisch und albern, aber Langeweile war ja auch ein kindlicher denkfauler Zustand, der darin seine klangliche Entsprechung fand."

Ridikülisierendes Anagrammieren

Die schlaflose Königstocher allerdings ist alles andere als denkfaul, sondern im Gegenteil höchst kreativ und mit einem Talent ausgestattet, vor dem auch Ernst Jandl seinen Hut gezogen hätte. Für einen Vorleser ist das eine riesige Herausforderung, die Andreas Fröhlich mit Bravour meistert.

Die Synchronsprecher der "drei ???" Oliver Rohrbeck, Andreas Fröhlich und Jens Wawrczeck (v.l.n.r.)

Andreas Fröhlich

"Ihre Krankheit nannte sie Kreithank und Bluthochdruck Druthochbluck, Man sollte es nicht glauben, aber es kommt einem schon halb so schlimm vor, wenn man statt Depressionen nur noch Pissdenonen hat. Und als Grämine hört sich eine Migräne eher nach einer harmlosen Topfpflanze als nach einer chronischen Kopferkrankung an. Ihrem Vater empfahl sie, aus einer Staatskrise eine Kraatsstise zu machen und aus einer Steuererklärung eine Kleuererstärung. Prinzessin Dylia nannte dieses selbsterdachte Verfahren ridikülisierendes Anagrammieren. Sie wollte es schon einmal im ganzen Königreich als Schulfach durchsetzen, aber ihr Vater war strikt dagegen."

Der perfekte Loriterarezitatturr

In diesem Hörbuch trifft der Sprachvirtuose Walter Moers auf den Sprechvirtuosen Andreas Fröhlich, der inzwischen bei Live-Auftritten mit seinen Kollegen von den „Drei ???“ Arenen füllt und immer neue Publikumsrekorde bricht. Doch auch als leidenschaftlicher Literaturrezitator ist Andreas Fröhlich unschlagbar. Seine ungekürzte Lesung von Walter Moers’ "Prinzessin Insomnia“ ist ein akustischer Hochgenuss.

Walter Moers: Prinzessin Insomnia & d. alptraumfarbene Nachtmahr

WDR 3 Buchrezension | 30.11.2017 | 05:53 Min.

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Stand: 28.11.2017, 19:06